„Die neue Seidenstraße macht gerade in der aktuellen Situation sehr viel Sinn!“

Stefan Scheurer, Asien-Experte von Allianz Global Investors, sieht innerhalb der Schwellenländer langfristig das größte Potenzial in den asiatischen Märkten, hier vor allem in Malaysia und Indonesien.

Foto: Peter Schmidt

GEWINN: An den Schwellenländermärkten hat sich die Lage nach dramatischen Verlusten im Jahresverlauf zuletzt etwas beruhigt. Was hat diese Kurseinbrüche ausgelöst?
Scheurer: Was sich hier quer über alle Anlageklassen, also Währungen, Aktien und Anleihen, in den Emerging Markets zugetragen hat, war meines Erachtens primär getrieben durch Argentinien und die Türkei und durch die hausgemachten Probleme in diesen Ländern. Es gab dann gewisse Übertragungseffekte auch auf andere Emerging Markets, insbesondere auch auf jene in Asien. Dabei wurde aber meiner Ansicht nach vieles über einen Kamm geschoren. Da kamen bei den Marktteilnehmern wohl Erinnerungen an die AsienKrise Ende der 1990er-Jahre hoch.

GEWINN: Der Anstieg der US-Zinsen und der starke US-Dollar hatten daran wohl auch einen Anteil, oder?
Scheurer: Ja, in der Theorie führt eine Anhebung der Leitzinsen in den USA und ein damit entsprechend stärkerer US-Dollar zu Kapitalabflüssen aus den Schwellenländern. Doch in der Praxis konnten wir das heuer nicht in dem Außmaß beobachten, wie wir es ausgehend von historischen Erfahrungen annehmen würden. So waren Abflüsse primär in Lateinamerika, der Türkei, Russland und anderen osteuropäischen Ländern zu beobachten. In den asiatischen Schwellenländern hingegen hat man auf Sicht des laufenden Jahres Kapitalzuflüsse gesehen, primär in China. Generell legen wir den Fokus innerhalb der Schwellenländermärkte auf Asien, weil dort einerseits das Wachstumspotenzial größer ist und man auch geringere politische Risken als in Lateinamerika oder Osteuropa hat.

GEWINN: China versucht, die Abhängigkeit vom Exportgeschäft zu reduzieren, in dem man den Binnenmarkt stärkt. Geht der Plan auf?
Scheurer: Ja, dadurch, dass die Stärkung des Binnenmarktes von oben herab vorgegeben wird, funktioniert es auch. Man sieht es an der Leistungsbilanz, die zuletzt erstmals seit 20 Jahren negativ war. Aber es wird lange dauern, weil man gleichzeitig versucht, das Wachstum aufrechtzuerhalten. Die Chinesen denken ja nicht in Jahren, sondern Jahrzehnten. So hat es China seit der Gründung 1950 auch geschafft, sich von einer landwirtschaftlich dominierten Wirtschaft zu einem Indus­t­rieland zu entwickeln. Und zuletzt hat sogar der Anteil der Dienstleistungen an der Gesamtwirtschaft den der Industrie überholt (siehe Grafik unten). 

GEWINN: Laut Ihrer jüngsten Studie hat das Projekt „Neue Seidenstraße“ eine große Bedeutung für China. Warum?
Scheurer: China verfolgt das Ziel bis ins Jahr 2050 mit 100-jährigem Bestehen der Volksrepublik zu der Weltmacht aufzusteigen. Ein Teil dieser Strategie umfasst die neue Seidenstraße, mit der China die Globalisierung vorantreiben möchte. Deshalb macht die Seidenstraße unserer Meinung nach gerade in der aktuellen Situation sehr viel Sinn. Die davon umfassten Länder machen derzeit etwa 60 Prozent der Weltbevölkerung, 30 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und rund 60 Prozent des weltweiten Handels aus.

GEWINN: Welche Rolle spielt die neue Seidenstraße für Anleger?
Scheurer: Für Anleger ist die neue Seidenstraße aus mehreren Gründen relevant. Zum einen ergeben sich aus den notwendigen Infrastrukturmaßnahmen interessante Investitionsmöglichkeiten. Und in einem zweiten Schritt sollten die neue Infrastruktur und der daraus resultierende Handel sich langfristig positiv auf das Wachstum dieser Länder auswirken.

GEWINN: Wie schätzen Sie das wirtschaftliche Potenzial in asiatischen Schwellenländern abseits von China ein?
Scheurer: Generell finde ich jene Märkte in Südostasien wie etwa Malaysia oder Indonesien interessanter als jene in Nordostasien, wie etwa Korea oder Taiwan. Denn die Länder im Süden haben trotz teilweise hausgemachter Probleme langfristig das größere Wachstumspotenzial. Märkte wie Korea sind schon viel stärker gesättigt. Als ich etwa unlängst in Jakarta war und dort eines der typischen Motorradtaxis genutzt habe, hat der Fahrer über eine Handy-App für die Fahrt eine Versicherung abgeschlossen. Das ist für mich ein Indiz dafür, dass die Digitalisierung dort deutlich stärker voranschreitet als bei uns. In dieser Hinsicht sind Indonesien oder Malaysia sogar weiter als China. Dagegen gibt es jedoch bei der Infrastruktur teilweise noch große Mängel, woran aber mit Hochdruck gearbeitet wird.

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