Die neue Seidenstraße

Die Neue Seidenstraße ist das größte Infrastrukturprojekt der Menschheits-geschichte und soll auf verschiedenen Wegen Europas, Asiens und Afrikas Wirtschaftsräume enger miteinander verbinden. GEWINN beschreibt, mit ­welchen Aktien, Anleihen, Rohstoffen etc. Anleger von diesem Billionen-Euro-Projekt profitieren können.

Foto: bluesilent - GettyImages.com

Ob die „Neue Seidenstraße“ ein rein wirtschaftlich motiviertes Infrastrukturprojekt ist, das die Länder Eurasiens und darüber hinaus zum Vorteil aller Beteiligten besser miteinander vernetzen soll, oder ob es sich dabei um die von langer Hand geplante politische und militärische Einflussnahme der aufstrebenden Supermacht China  handelt – wie es „Mr. Dax“ Dirk Müller im GEWINN-Interview (siehe Juni-Ausgabe) einschätzt – kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden.

Unbestritten ist: Das 2013 von der chinesischen Regierung unter Führung des Premiers Xi Jinping
ini­tiierte OBOR-(One Road – One Belt)-Projekt wird bereits tatkräftig umgesetzt und sprengt dabei alle bisher gesehenen Dimensionen. In den Aufbau des gewaltigen Infrastrukturnetzes zwischen China, Asien, Europa und Afrika – zu Land und zu Wasser – sollen in Summe rund 1.300 Milliarden US-Dollar investiert werden.
GEWINN-Tipp: Details zum Projekt „Neue Seidenstraße“ finden Sie unter www.gewinn.com in der Kategorie „Management & Karriere“.

Investieren in die Seidenstraße

Doch wie kann man als Anleger von diesem Jahrhundertprojekt profitieren, das in den kommenden Jahren und möglicherweise sogar Jahrzehnten starke wirtschaftliche Impulse aussenden wird?
GEWINN hat sich die bisher ­veröffentlichten Pläne für die Land- und Seewege angesehen und Unternehmen, Währungen und auch ­Rohstoffe identifiziert, die direkt
oder indirekt davon profitieren könnten.

Wenig überraschend sollte die chinesische Volkswirtschaft zu den Hauptprofiteuren des Projekts zählen, das aus erwartetem Eigennutzen von der chinesischen Führung mit großem Eifer vorangetrieben wird.
Chinas Industrie, die an Überkapazitäten leidet, wird aufgrund der effizienteren Logistik auf neue Absatzmärkte im Westen quer durch die Länder der Seidenstraße stoßen, wodurch die bisherige Erfolgsgeschichte der Exportnation China weiter fortgeschrieben werden sollte. Das führt zu einer positiven Außenhandelsbilanz, die China erneut zum Aufbau von Devisenreserven nutzen sollte. Chinas Währung, der Renminbi (Yuan bezeichnet eine Einheit dieser Währung), hat gegenüber dem US-Dollar nach einem Rekordhoch 2013 in den letzten Jahren etwas verloren. Durch das Projekt  könnte sich langfris­tig der Renminbi wieder festigen und seinen langfristigen Aufwertungstrend gegenüber den Leitwährungen US-Dollar und Euro wieder fortsetzen.

Auf chinesische Anleihen setzen

Anleger können von einer möglichen Aufwertung der Landeswährung Renminbi unter anderem mit Investmentfonds profitieren, die breit gestreut in Renminbi-Anleihen investieren (siehe Tabelle Seite 37).
Der DWS Invest China Bonds Fonds etwa investiert primär in Unternehmensanleihen aus China, Hongkong und Indonesien, wobei über 94  Prozent des Fondsvolumens auf Renminbi- und sechs Prozent auf US-Dollar-Anleihen entfallen. Der BGF China Bond Fonds von Blackrock fokussiert einerseits noch stärker auf Anleihen aus China, investiert dabei aber 30 Prozent in Anleihen, die nicht in Renminbi, sondern anderen Währungen begeben wurden.  Auch der Fidelity China RMB Bond Fonds inves­tiert vornehmlich in Unternehmensanleihen mit Investmentqualität, denominiert in Renminbi.

Die durchschnittliche Portfolio-rendite beim DWS-Fonds beispielsweise liegt aktuell bei 4,1 Prozent. Das bedeutet: Selbst wenn die Währung gegenüber dem Euro nicht aufwerten sollte, wären Bruttoerträge von zirka vier Prozent pro anno zu erwarten. Demgegenüber steht das Risiko von Zahlungsausfällen und einer Abwertung der chinesischen Währung.

Riskante Wetten: Russland und Türkei

Ein noch größeres, langfristiges Aufwertungspotenzial im Zusammenhang mit der neuen Seidenstraße und einer besseren Verbindung zwischen Asien und Europa haben Russland und die Türkei. Die Währungen dieser beiden Länder haben in den letzten Jahren aus unterschiedlichen Gründen sehr stark an Boden verloren: Der Rubel wertete zum Euro in den letzten fünf Jahren um rund 35 Prozent ab, die türkische Lira brach im selben Zeitraum um mehr als 58 Prozent ein.

Unter längerfristigen Aspekten könnte sich durch die Seidenstraße auch die Handelsbilanz der Türkei verbessern, während Russland als Rohstofflieferant für neue Industriebetriebe profitieren sollte. Jetzt Anleihen dieser Länder in Lokalwährung oder Dollar zu kaufen ist sehr gewagt, doch auf lange Sicht könnte jetzt ein günstiger Einstiegszeitpunkt sein – angesichts der Währungsabwertungen der vergangenen Jahre.
So bietet etwa eine Rubel-Staatsanleihe der Russischen Föderation (ISIN RU000A0JTK38) mit einer Restlaufzeit bis 2028 eine jährliche Rendite von 7,8 Prozent. Da die Rückzahlung des Kapitals und die Kuponzahlungen in Rubel erfolgen, unterliegt man damit dem vollen Währungsrisiko – somit kann die tatsächliche Rendite je nach Entwicklung des Rubels deutlich höher oder auch tiefer ausfallen.

Noch riskanter und chancenreicher sind Anleihen in türkischer Lira: Aktuell bringt eine Lira-Anleihe der European Investment Bank (EIB) eine Rendite von 21,6 Prozent (ISIN: XS1860487252). Aber auch hier gilt: Falls die türkische Lira ihre Talfahrt fortsetzen sollte, kann die tatsächliche Rendite deutlich tiefer ausfallen.
Eine Streuung des Risikos auf eine Vielzahl von Anleihen in türkischer Lira bietet etwa der KBC Renta Turkey Fonds: Er investiert in Staats- und Unternehmensanleihen in türkischer Lira.

Beginn der Wertschöpfungskette

Wenn man die Wertschöpfungskette der Neuen Seidenstraße Schritt für Schritt analysiert, stehen am Anfang die Rohstoffe und Baumaterialien. Was braucht man zum Bau von Straßen, Eisenbahnen, Pipelines, Terminals und Häfen? Stahl, Asphalt und die dafür erforderlichen Grundstoffe aus dem Bergbau und der Ölindustrie liefern die Basis. Daher sollten relativ unmittelbar die Aktien von Öl- und Bergbauunternehmen, von Zement- und Betonherstellern  und diversen Baumaterialien sowie vereinzelte Chemiewerte und Stahlaktien langfristig von der Seidenstraße profitieren können.

Anhui Conch Cement etwa ist der größte Zementhersteller Chinas und sollte durch die Seidenstraße in der Lage sein, das Tiefbaugeschäft anzukurbeln. Das Unternehmen ist wegen der negativen Exporttrends und steigender Umweltauflagen aktuell mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 7,0 sehr günstig bewertet.
Sollten jedoch die Seidenstraße-Projekte in Fahrt kommen, könnte das der Aktie neue Impulse verleihen. Und bis dahin tröstet eine Dividendenrendite von knapp fünf Prozent.

Die Rohstofflieferanten

Zu den Profiteuren des Mega-Infrastrukturprojekts sollten allein schon aufgrund der geografischen Lage und der guten Verbindungen der chinesischen und russischen Regierung auch zahlreiche russische Unternehmen vor allem aus dem Rohstoffsektor zählen.

So liefert der teilverstaatlichte Ölkonzern Rosneft, der über Explora­tions- und Produktionsaktivitäten auf den Sachalin-Inseln, in Sibirien, im Norden und Süden Russlands verfügt,  elementare Rohstoffe. Bereits 2014 schloss Rosneft  mit der China National Petroleum Corporation (CNPC) einen 25-jährigen Ölliefervertrag im Wert von 270 Milliarden Dollar ab und bis 2035 strebt der Konzern alleine ein China-Vertragsvolumen in Höhe von über 500 Milliarden Dollar an. Effiziente Handelswege sollen dies erleichtern.

Den Absatz des auch im Straßenbau benötigten Polymerbitumenbinders hat das Unternehmen  2018 bereits um 85 Prozent auf 76.000 Tonnen gesteigert und der freie Cashflow konnte infolge hoher Ölpreise von 4,1 auf 17,9 Milliarden Dollar verbessert werden. Das Unternehmen ist also ein Mehrfachprofiteur, mittelfristig vom Straßenbau, längerfristig von Chinas steigendem Durst nach Öl und der effizienteren Infrastruktur.
In der Bauphase sollte Malaysias führender integrierter Chemiekonzern, Petronas Chemicals Group, durch Lieferaufträge für benötigte elementare Grundstoffe und nach dem Ausbau der Handelswege von einem größeren Absatzmarkt durch neue Fabriken entlang der Seidenstraße profitieren. Das Unternehmen stellt Chemikalien für Massenmärkte wie Olefine, Polymere, Methanol, Düngemittel und andere Basis­chemikalien her.
Das Ertragswachstum stimmt. Das Unternehmen konnte 2018 den Cashflow um 25,5 Prozent steigern und die Analysten gehen im Durchschnitt für 2020 von einer Gewinnsteigerung je Aktie um 7,6 Prozent aus, während das Kurs-Gewinn-Verhältnis unter Branchenschnitt liegt.

Betreffend Schienen und Weichen decken Arcelormittal und die Voest­alpine diese Stufe der Wertschöpfungskette ab, wobei die heimische Voestalpine Weltmarktführer in der Weichentechnologie und im Spezialschienenbereich ist. Arcelormittal leidet derzeit unter rückläufigen Umsätzen und die Aktie befindet sich entsprechend auf Talfahrt. Hier sollten Anleger jedenfalls eine Stabilisierung der Entwicklung abwarten. Auch bei der Voestalpine sehen die Zeichen mittelfristig nicht so rosig aus, langfristig bietet das Unternehmen großes Potenzial und aktuell eine Dividendenrendite von knapp fünf Prozent.

Die Baufirmen

Die nächste entscheidende Frage ist, wer all diese Straßen, Eisenbahnen, Pipelines, Terminals und Häfen bauen wird. Hochbau-, Tiefbau- und Anlagenbaufirmen, aber auch Hersteller von Schienen und Weichen, Lokomotiven und Eisenbahnwaggons sowie Baumaschinen decken diese Stufe ab.

Die China Railway Group (siehe Foto oben) ist der drittgrößte Baukonzern weltweit und auf Schieneninfrastruktur spezialisiert. Darüber hinaus verlängert das Unternehmen die Wertschöpfungskette über die Aktivitäten von Tochtergesellschaften, zumal auch die Konstruktion von Baumaschinen, Schwerlastkränen und Tunnelbohrmaschinen abgedeckt ist.

Die Gesellschaft ist Pionier auf dem Gebiet städtischer Bahnverbindungen und baut Hochgeschwindigkeitsstre­cken (z. B. in Shanghai). Alleine im Jahr 2018 hat das Unternehmen Hauptgleise von 7.085 Kilometern verlegt und Autobahnen einer Gesamtlänge von 2.553 Kilometern gebaut. Von 2014 bis 2018 hat das Unternehmen Umsatz und Gewinn je Aktie um jeweils 5,8 bzw. 10,5 Prozent p. a. gesteigert, weshalb ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von aktuell 7,6 sehr günstig ist.

Ein bedeutender Erbauer von Bahnstrecken, Autobahnen, Gebäuden, Wasserkraftwerken und Kais ist die China Railway Construction Corporation. Bereits im Jahr 2016 wies das Unternehmen auf 111 laufende Projekte in 37 Seidenstraßenländern hin, deren Volumen bei über 15,11 Milliarden US-Dollar lag. Aktuell ist das Unternehmen neben China, Hongkong, Macau und Taiwan noch in 121 Ländern tätig. Referenzprojekte sind beispielsweise der Kara Highway in Pakis­tan und die Äthiopien-Dschibuti-Eisenbahnlinie mit einer Länge von 750 Kilometern, die gemeinsam mit der China Railway Group erbaut wurde.

Von 2014 bis 2018 stieg der Gewinn je Aktie um 6,7 Prozent  – ein Trend, der sich weiter fortsetzen sollte. Deshalb ist die Aktie mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2019 von nur 6,6 auch sehr günstig.

Die großen Chinesen

Die China State Construction Engineering Corporation ist mit über 260.000 Mitarbeitern und 190 Milliarden US-Dollar Umsatz (2019) die führende chinesische Gruppe für Hoch- und Tiefbauarbeiten in China. Die Gruppe baut vielfältige Infrastrukturprojekte wie Straßen, Autobahnen, Flughäfen, Eisenbahnen, aber auch Wohnimmobilien, Hotels, Krankenhäuser etc. 

Die Aktien des Unternehmens befinden sich aufgrund des Handelskonflikts mit den USA trotz steigender Umsätze und Gewinne derzeit im Sinkflug, wodurch das Unternehmen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 5,5 sehr güns­tig bewertet ist.

Die China Communications Construction Group geht aus einer Fusion der China Harbour Engineering und China Road and Bridge Corporation im Jahr 2005 hervor. Das Unternehmen baut Häfen, Terminals, Straßen, Brücken, Eisenbahnen, Tunnel und zivile Gebäude. Bezogen auf die Kapazitäten ist die Gesellschaft Chinas größtes Baggerunternehmen und weltweit die Nummer zwei. Gleichzeitig ist sie auch der weltweit größte Containerkranhersteller.

Ein großes Seidenstraße-Referenzprojekt des Unternehmens ist aktuell in Sri Lanka die Hafenanlage „Colombo Port City“ auf einer Fläche von 269 Hek­tar und mit Kosten von 1,4 Milliarden Dollar, weshalb auch die Regierung Sri Lankas das Projekt mitgestaltet. Die Wachstumsperspektiven sind hervorragend, weshalb ein für 2019 geschätztes KGV von 4,8 günstig erscheint.

Die Betreiber

Wer wird die Mautstraßen, Hafenterminals, Ölpipelines entlang der Seidenstraße betreiben?
Yuexiu Transport Infrastructure etwa ist  Mautstraßenbetreiber in China und verfügte Ende 2018 über zwölf Mautstraßen und Brückenprojekte.  Das Unternehmen sollte am Straßenausbau auch in den zentralen Provinzen Chinas und Guandong profitieren und überzeugt mit kalkulierbaren Erträgen. Im Zeitraum von 2014 bis 2018 wuchs der Gewinn je Aktie um 14,7 Prozent p. a., weshalb die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2019 von 8,4 noch Spielraum für Kursgewinne hat.

Im Pipeline-Bereich bzw. bezüglich der Erdgaslieferungen nach China ist die russische Gazprom ein klassischer Gewinner des Seidenstraße-Projekts. So sollte China auf der Abschluss­konferenz des Forums „One Belt, One ­Road“ Russland beharrlich darum gebeten haben, eine Erhöhung der Gaslieferungen durch die Pipeline „Kraft Sibiriens“ zu sondieren. Diese Pipeline soll gegen Ende des Jahres in Betrieb gehen. Die geplante Kapazität würde die Lieferung von über einer Billion Kubikmeter Gas in den kommenden 30 Jahren gewährleisten.

Indiens Konkurrenzprojekt

Obwohl Indien aufgrund seiner geografischen Lage und aufstrebenden Wirtschaft ein prädestinierter Partner für die neue Seidenstraße wäre, boykottiert Indien die chinesische Ini­tiative aus politischen Gründen. China plant in Pakistan eine Verbindung der Seidenstraße durch die umkämpfte Kashmirregion zu den Häfen am Arabischen Meer, wodurch Indien ­seine Interessen in Kashmir bedroht sieht.

Indien arbeitet an alternativen Routen für neuen Handelswege. So hat das Land zusammen mit Japan den Asia-Africa Growth Corridor (AAGC) vorgeschlagen. Dabei handelt es sich um einen Seekorridor, der Afrika mit Indien, Südostasien und Ozeanien verbindet. Daher sind auch in Indien weiterhin enorme Infrastrukturprojekte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sehr wahrscheinlich. Anleger können davon etwa mit dem Amundi Eqity India Infrastructure Fonds profitieren, der in Unternehmen investiert, die in den Infrastruktursektoren Energie, Telekommunikation, Transport, Wasser, Infrastrukturfinanzierung und Grundstoffe tätig sind und ihren Hauptsitz in Indien haben.

Fazit: Trotz aller Kritik und Zweifel an den Hintergründen hinter dem Billionenprojekt „Neue Seidenstraße“, das von der chinesischen Staatsführung mit vollem Eifer vorangetrieben wird, sind wesentliche wirtschaftliche Impulse für die Länder entlang der verschiedenen Routen sehr wahrscheinlich, von denen Anleger profitieren können.

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