Die neuen Lebensadern Österreichs

Bis 2030 werden einige der größten Infrastrukturprojekte in der Geschichte Österreichs fertiggestellt – vom längsten Tunnel der Welt über die Südstrecke der Bahn bis zum Ausbau der Wiener U-Bahn. Für die auf über neun Millionen Menschen wachsende Bevölkerung bringt das schnellere Verbindungen und kürzere Pendelzeiten.

Der Brenner-Basistunnel wird der größte Tunnel der Welt (Foto: BBT)

Verkehrsadern sind die Lebensadern einer Volkswirtschaft. Und in den 2020er-Jahren werden diese kräftig ausgebaut. Es wird das Jahrzehnt der Mega-Eisenbahntunnel. In den nächsten zehn Jahren werden die längsten Tunnel Österreichs fertiggestellt. Mit dem Brenner-Basistunnel sogar der längste Tunnel der Welt, länger als jeder andere Eisenbahn-, Straßen- oder U-Bahn-Tunnel.

Inklusive der Zulauftunnel wird das kurz BBT genannte Bauwerk 64 Kilometer lang. Seit 2011 graben sich 1.900 Arbeiter von österreichischer und italienischer Seite von elf Stellen gleichzeitig durch den Berg. Im Vorjahr wurde die Halbzeit bei einem der größten europäischen Infrastrukturprojekte gefeiert. 8,4 Milliarden Euro an Kosten sind dafür bis zum Fertigstellungsdatum 2028 veranschlagt. Ob der Termin hält, ist nicht zuletzt durch die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf die Baustelle unklar. Der Rechnungshof hielt zuletzt eine Verzögerung bis 2030 für möglich. Spätestens im nächsten Jahrzehnt soll der Lkw-Verkehr am wichtigsten Alpenpass des Kontinents im großen Stil auf die Schiene verlagert werden.

Bis der BBT fertig ist, wird ein anderer Tunnel für wenige Jahre die Nummer-eins-Position einnehmen. Mit fast 33 Kilometern wird der Koralmtunnel mehr als doppelt so lang wie der bisherige Spitzenreiter, der Münsterertunnel in Tirol, und schafft es auf Platz sechs der längsten Eisenbahntunnel der Welt. Der Koralmtunnel wird das Herzstück der Koralmbahn. Die 130 Kilometer lange Strecke wird komplett neu gebaut und verbindet Graz mit Klagenfurt in nur 45 Minuten.

Die Koralmbahn ist wiederum Teil der neuen Südstrecke. Was auf der Weststrecke bereits gelungen ist – schnellere Fahrtzeiten, die Autofahrer und Güterverkehr auf die Bahn umsteigen lassen –, soll sich noch in diesem Jahrzehnt zwischen Wien, Graz und Klagenfurt wiederholen. Zweites Herzstück der neuen Südstrecke ist der Semmering-Basistunnel. Die Fertigstellung des 27 Kilometer langen Tunnels zwischen dem niederösterreichischen Gloggnitz und dem steirischen Mürzzuschlag ist für 2027 geplant.

Bessere Verbindung der Wachstumsregionen

Mit dem Semmering-Tunnel verkürzt sich die Reisezeit zwischen Wien und Graz um 50 Minuten. Damit sind die beiden größten Städte Österreichs nur noch weniger als zwei Zugstunden voneinander entfernt. Zwei Ballungszentren, die auch mittelfristig ein starker Motor des Bevölkerungswachstums in Österreich sein werden.

Bis 2030 wächst Österreichs Bevölkerung um rund 300.000 auf 9,2 Millionen Einwohner. Mit einem Plus von 100.000 Einwohnern entfällt absolut der größte Anteil auf Wien, das bis zum Ende des Jahrzehnts wieder – wie schon zu Zeiten der Monarchie – eine Zwei-Millionen-Metropole werden soll. Graz dürfte bis 2030 um 30.000 auf über 300.000 Einwohner zulegen. Niederösterreich – und hier vor allem der Speckgürtel um Wien – wächst um 70.000 Einwohner.

Die Pendler aus dem Speckgürtel zählen zu den großen Profiteuren des Inf­rastrukturausbaus. Die neue Südstrecke stärkt auch die Anbindung zwischen ­Wien und Wiener Neustadt. Aus dem Süden pendeln die meisten Menschen nach Wien. Die Südbahn ist zwischen den beiden Städten bereits an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt. Bis 2024 wird daher zusätzlich die von Wr. Neustadt nach Wien-Meidling verlaufende Pottendorfer Linie zu einer zweigleisigen Hochleis­tungsstrecke ausgebaut, was wiederum Kapazitäten auf der eigentlichen Südbahnstrecke freimacht.

Da der Speckgürtel auch im Norden Wiens stark wächst, werden die wichtigs­ten Bahn- und Straßenverbindungen dort ebenfalls massiv ausgebaut. So soll der Regionenring, der Autobahn- und Schnellstraßenring um Wien, geschlossen werden. Wann der ursprünglich für 2025 geplante Lobautunnel tatsächlich fertig wird, ist allerdings noch offen. Im nächs­ten Jahr sollen zusätzlich die Bauarbeiten für die S8, die Marchfeld-Schnellstraße, beginnen, die im Norden Wiens vom Regionenring abzweigt.

Das Gegenstück zur S8 auf der Schiene ist die Strecke Wien–Bratislava. Bisher eingleisig und nur mit Dieselloks befahrbar, wird sie elektrifiziert und um ein zweites Gleis erweitert. Auch die Nordbahn, die Wien mit Prag verbindet, wird bis zur tschechischen Grenze ausgebaut. Das beschleunigt einerseits für die Pendler aus dem Weinviertel den Arbeitsweg und verkürzt andererseits die Fahrtzeit von Wien nach Prag um 30 Minuten.

Abwanderungsgebiete stärken

Doch nicht nur die Regionen, die ohnehin wachsen, sondern auch bisherige Abwanderungsgebiete sollen durch die neuen oder verbesserten Verkehrsachsen gestärkt werden. Bestes Beispiel sind das Kärntner Lavanttal oder die Weststeiermark, beides periphere Regionen mit einer schrumpfenden Bevölkerung. Mit der Eröffnung der Koralmbahn, neuer Bahnhöfe und Park & Ride-Anlagen werden diese Gebiete plötzlich an die beiden Ballungszentren Graz und Klagenfurt angebunden. Damit wird Pendeln für die bestehende Bevölkerung deutlich attraktiver und es könnten dank günstiger Immobilienpreise auch neue Bewohner aus den hochpreisigen Ballungszentren angezogen werden.

Ob der Trend zum Home-Office durch Corona den Zuzug auf das Land zusätzlich befeuern wird, bleibt abzuwarten. Wer nicht mehr täglich in das Stadtbüro pendeln muss und gleichzeitig leistungsfähige öffentliche Verkehrsmittel vor der Haustüre hat, dem wird die Übersiedlung in die Landgemeinde jedenfalls leichter fallen.

Corona-Paket soll Mini-U-Bahn anschieben

Ein Effekt der Corona-Krise ist hingegen schon sicher: Das erste Investitionspaket der Regierung, das die Wirtschaft ankurbeln soll, wird in den Ausbau und die Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel fließen. 300 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Große Hoffnungen auf diese Mittel macht sich die Salzburger Regionalbahn. Sie verbindet den Hauptbahnhof der Landeshauptstadt mit dem Norden des Bundeslandes und reicht mittlerweile bis über die Landesgrenze nach Oberösterreich. Geplant ist neben einem zweigleisigen Ausbau auch die unterirdische Verlängerung vom Hauptbahnhof Richtung Stadtzentrum. In einem ersten Schritt soll die Mini-U-Bahn bis zum Mirabellplatz fahren. Die langfristige Vision: Eine Verlängerung quer unter dem Stadtzentrum Richtung Alpenstraße und weiter Richtung Hallein.

Gegen eine Mini-U-Bahn hat sich hingegen Linz entschieden. Wegen zu hoher Kosten wurde der Plan einer zweiten, teilweise unterirdischen Straßenbahnachse fallengelassen. Stattdessen soll nun die Mühlkreisbahn in Form einer Stadtbahn über die neue Donaubrücke bis zum Hauptbahnhof verlängert werden. Bisher endet die Bahn für Pendler aus dem Mühlviertel am anderen Donauufer in Urfahr. Im besten Fall kommt die Stadtbahn bis 2027.

Neben der Donaubrücke für die Bahn wird in Linz auch an einer neuen Autobahnbrücke über den Strom gebaut. Die spektakuläre Hängebrücke mit ihren 500 Meter langen Tragseilen ist Teil der neuen Linzer Autobahn A26, die Anfang der 2030er-Jahre fertiggestellt werden soll.  Und noch ein spektakuläres Verkehrsprojekt könnte in Linz entstehen. Derzeit wird eine Seilbahn geplant. Sie könnte Pendler in einem ersten Schritt vom Bahnhof Ebelsberg bis zur Voest bringen. 

Im Gegensatz zu Linz läuft der Straßenbahnausbau in Graz bereits auf Hochtouren. Der neue Stadtteil auf den Reininghaus-Gründen wird schon im nächsten Jahr mit der Tram erreichbar sein. In einem nächsten Schritt wird der ebenfalls neue Stadtteil Smart City erschlossen. Und Ende 2021 sollen die Bauarbeiten für eine zweite Straßenbahnachse durch die Innenstadt beginnen. Damit soll das Nadelöhr der Grazer Straßenbahn, die Herrengasse, endlich entlastet werden.

Auch in Innsbruck geht der Tram-Ausbau weiter. Bis 2023 werden die Vororte Rum und Völs an das Netz angeschlossen. Neben Linz ist Innsbruck damit die zweite Landeshauptstadt, die ihre Straßenbahn in den Speckgürtel erweitert.

Neue U-Bahn-Linie für Wien

Der zuvor erwähnte Begriff Mini-U-Bahn trifft auf den Ausbau der Untergrundbahn in Wien definitiv nicht zu. Die Verlängerung der U2 Richtung Süden und der gleichzeitige Neubau der Linie U5 vom Karlsplatz Richtung Hernals wird von der Stadt als das wichtigste Zukunfts­projekt bezeichnet. Über eine Milliarde Euro wird für die erste Bauphase inves­tiert. Dabei wird die U2 bis 2027 zum Verkehrsknoten Matzleindsdorfer Platz verlängert. Ab 2028 soll die Linie bis zum bisher öffentlich nicht optimal angebundenen Wienerberg führen. Das freut auch die 2.000 neuen Bewohner, die seit heuer die Biotope City auf den Coca-Cola-Gründen besiedeln. Die U5 übernimmt Teile der alten U2-Strecke ab dem Karlsplatz bis zum Rathaus und soll bis 2025 zum Frankhplatz im Neunten Bezirk fahren. In einer weiteren Ausbaustufe soll sie bis zur vorläufigen Endstation am Hernalser Elterleinplatz verlängert werden. Das Besondere an der U5: Für sie werden erstmals fahrerlose Züge angeschafft, die den Verkehr vollautomatisch abwickeln werden.

Dritte Piste noch ohne Zeitplan

Wie es mit einem anderem Infrastrukturgroßprojekt in diesem Jahrzehnt weiter geht ist ungewiss. Für die nach langen Diskussionen genehmigte dritte Piste des Flughafen Wien steht derzeit noch kein Zeitplan fest. Bei den bisherigen Wachstumsraten des Flugverkehrs war damit gerechnet worden, dass sie um das Jahr 2030 notwendig werden würde. Doch wann die Passagierzahlen aus der Zeit vor Corona wieder erreicht werden, kann derzeit niemand vorhersagen.

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