„Die positive Trendwende auf dem heimischen Arbeitsmarkt ist nachhaltig“

Ende März verkündete Johannes Kopf, Vorstand des AMS Österreich, nach fünf Jahren mit steigenden Arbeitslosenzahlen die Trendwende auf dem Arbeitsmarkt. Die Zahl der Beschäftigten steigt, die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Ist der Trend nachhaltig? Kopf bejaht, und nennt im Interview die Gründe.

"Über das gesamte Jahr 2017 wird die Zahl der Arbeitslosen sinken", so Johannes Kopf, Vorstand AMS Österreich. (Foto: Gewinn)

GEWINN: Ist die Trendwende auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig?
Kopf: Über das gesamte Jahr wird die Zahl der Arbeitslosen sinken.

GEWINN: Und für 2018?
Kopf: Die Prognosen sagen, im nächs­ten Jahr wird sie wieder steigen, wobei das IHS schon gegen Ende 2017 wieder mit einem knappen Anstieg aufgrund eines sich abschwächenden Konjunkturwachstums rechnet.

GEWINN: Glauben Sie das?
Kopf: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich der Konjunkturaufschwung durch die lange aufgeschobenen und nun wieder fließenden Investitionen der Unternehmen und der verbesserten internationalen Wirtschaftslage selbst verstärkt. Wir haben ein höheres Wachstum als die Jahre zuvor, es kommen wegen der Demografie weniger Junge nach, es gehen mehr Ältere in Pension. Zudem herrscht weniger Zuzug von Arbeitskräften aus EU-Ländern wie Deutschland, Polen, Tschechien oder Ungarn. Natürlich kann der Wunsch Vater des Gedankens sein, aber es würde mich nicht wundern, wenn die Prognosen angehoben werden.

GEWINN: Mit wie vielen Arbeitslosen weniger rechnen Sie?
Kopf: Insgesamt wird meiner Schätzung nach der Rückgang der Arbeitslosenzahlen inklusive Schulungsteilnehmer zwischen 5.000 bis 10.000 Menschen am Ende 2017 betragen.

GEWINN: Und bei den Branchen?
Kopf: Der Bau läuft mit minus zehn Prozent Arbeitslosigkeit exzellent, auch die Industrie mit minus 6,7 Prozent sowie Handel und Tourismus mit je minus fünf Prozent Ende April sind höchst erfreulich. Wir haben um über 40 (!) Prozent mehr offene Stellen (Anm. d Red.: 55.530; +16.171 Stellen) sowie 1.000 mehr offene Lehrstellen und 200 weniger Lehrstellensuchende. Da tut sich was! Die Entwicklung zeigt in die richtige Richtung, aber es gibt keinen Grund, euphorisch zu sein. Wir hatten im April noch immer über 400.000 Arbeitslose (Anm.: 413.683, davon 75.760 Schulungsteilnehmer; minus 2,6 Prozent zum Vorjahr) – und wir haben ein Phänomen, das wir früher kaum kannten, und zwar Langzeitarbeitslosigkeit in größerer Zahl (Anm.: 59.250 Personen; +9,4 Prozent zum Vorjahr). Darüber hinaus haben wir eine Riesenherausforderung mit den Geflüchteten. Der Bedarf und die angebotenen Qualifikationen der Arbeitssuchenden gehen auch immer stärker auseinander.

GEWINN: Wie sieht es bei 50+ aus?
Kopf: Die Arbeitslosenquote der Älteren ist zwar relativ konstant, weil es mehr Beschäftigung gibt, aber sie sinkt nicht. Seit über 1,5 Jahren haben wir das Sonderprogramm über die Eingliederungsbeihilfe für Ältere, also 50+, die sechs Monate vorgemerkt sind. Das Programm funktioniert gut, es gibt viel Geld, daher können wir großzügige Lohnzuschüsse zahlen. Damit bringen wir unsere Älteren wieder gut in Beschäftigung. Es gibt aber eine Zielgruppe, bei der gelingt uns auch bei einer sich verbessernden Konjunktur wenig.

GEWINN: Bei welcher?
Kopf: Das ist die Kombination 50+ und Langzeitarbeitslosigkeit. Da müssen wir ehrlich zugeben, bei ihnen gelingt uns kaum eine Verbesserung, auch mit unseren Förderungen nicht. Das fragt der Markt nicht nach. Das war der Grund, warum die Regierung die Aktion 20.000 (Anm.: Laut Plan der Regierung sollen 20.000 Arbeitsplätze in Gemeinden, gemeinnützigen Trägervereinen und Unternehmen geschaffen werden) plant, wo ab Mitte des Jahres in jedem Bundesland eine Pilotregion definiert ist und es ab Anfang 2018 einen Roll-out geben soll.

GEWINN: Ist sie durch die Neuwahlen in Gefahr?
Kopf: Es benötigt noch die parlamentarischen Beschlüsse, aber die Einigung der Regierungsparteien gibt es schon. Wir sind bereit, sind am Vorbereiten, führen Gespräche mit Bürgermeistern.

GEWINN: Industrie 4.0, Automatisierung, Digitalisierung verändern Geschäftsmodelle, in vielen Szenarien gibt es weniger Mitarbeiter.
Kopf: Automatisation und Industrie 4.0 werden derzeit höchst kontroversiell diskutiert. Ich bin der Überzeugung, dass uns unsere duale Ausbildung gerade in Zeiten der großen Veränderungen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den theoretischen Ausbildungen in anderen Ländern gibt, weil sie sich viel schneller anpasst. Wenn ein Unternehmen eine neue Maschine kauft, werden die Lehrlinge am nächsten Tag gleich darauf ausgebildet. Das geht mit einer Änderung des Curriculums in der Schule nicht, bis das passiert, ist der Lehrling fertig ausgebildet. Dass der große Magna-Auftrag nach Österreich gekommen ist, ist das beste Beispiel dafür.

GEWINN: Magna will 3.000 neue Mitarbeiter in der Steiermark.
Kopf: Die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen funktioniert sehr gut. Wir ernten rund um das gesamte Projekt viel Lob. Wir haben bereits 4.000 Menschen zu Vorstellungsgesprächen geschickt, aus Wien, Niederösterreich, dem Burgenland, aus der Steiermark. 1.000 Aufnahmen von zuvor arbeitslosen Personen haben wir schon erreicht. Es wird funktionieren. Das hat einfach damit zu tun, dass wir hier Arbeitskräfte mit den Qualifikationen haben, die Magna braucht. In Großbritannien findet man die offenbar nicht, mit ihrem hohen Akademisierungsanteil und theoretischen Ausbildungen. Ich behaupte, unsere Indust­rie ist sehr gut aufgestellt für die kommenden Veränderungen. Ich fürchte nicht um die Industriearbeitsplätze, aber wir sollten noch etwas entwickeln.

GEWINN: Und zwar?
Kopf: Die Kombination aus Matura und Lehre erscheint mir für den Arbeitsmarkt von morgen sehr interessant, und zwar Lehre nach der Matura. Die höhere Allgemeinbildung als Grundlage für zukünftige Lernfähigkeit und eine fachliche Spezialisierung. Derzeit haben nur drei Prozent der Lehrlinge vorher Matura gemacht. Die Deutschen bauen so etwas gerade auf, eher in Richtung Fachhochschule mit starkem praktischem Anteil. Wir sollten auch in Österreich Lehre nach Matura propagieren. Diese Absolventen hätten besonders in der Industrie, in technischen sowie Hightech-Berufen exzellente Job­aussichten. Das könnte unseren Wirtschaftsstandort sehr stärken. Ich bin aber nicht der Meinung, in Österreich gibt es zu wenig Akademiker.

GEWINN: Sie haben eine Qualifizierungsinitiative . . .
Kopf: In der schneller drehenden Welt ist immer weniger Platz für die weniger flexiblen, weniger leistungsfähigeren Personen. Für uns ist das Qualifizieren daher ein Problem des Hinterherhechelns. Heuer läuft die größte AMS-Qualifizierungsinitiative ever, wir fördern über 30.000 Menschen, die nur Pflichtschule haben, mit dem Ziel des Lehrabschlusses. Wir finden es gut, dass die Ausbildungsgarantie bis 25 Jahre verlängert wurde, wir haben mehr als 1,2 Milliarden Euro Förderbudget und sind gut aufgestellt, aber der Gegenwind aufgrund der Marktveränderungen bläst uns ordentlich ins Gesicht, und der Strom der Leute, die eine Höherqualifizierung benötigen, reißt nicht ab.

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.