Die Tigermärkte sind zurück

Internationale Anleger sind in Asien unterinvestiert, meinen Finanzexperten. Dabei schlummert in den aufstrebenden asiatischen Aktienmärkten auch abseits Chinas noch viel verstecktes Potenzial.

Asien gewinnt aufgrund des steigenden Wohlstands zusehends an Bedeutung als Absatzmarkt und wird mit einer stärkeren Binnenwirtschaft schrittweise weniger abhängig vom Exportgeschäft mit Europa und den USA (Foto: satori13 - Thinkstock.com)

Anleger älteren Semesters werden sich noch an das geflügelte Wort von den Tigerbörsen erinnern. Darunter wurden ab den späten 1980er-Jahren vor allem die Aktienmärkte der sich schnell entwickelnden Länder Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong verstanden. Die Bezeichnung Tigerstaaten sollte in Anlehnung an die kraftvolle Energie eines Tigers, der zum Sprung ansetzt, auf die hohe Dynamik des Wirtschaftsaufschwungs hinweisen. 1997/1998 folgte – ausgehend von Thailand – die Asien-Krise, 2008/2009 jedoch hat die Region die globale Finanzkrise recht ordentlich überstanden, es waren keine Bankenrettungen nötig.
Längst schon haben sich jedoch im weltwirtschaftlichen Gefüge andere Trends und Entwicklungen herauskristallisiert und weitere Länder stehen nun vor dem Übergang vom Schwellenland zum Industriestaat. Ein Blick auf sie lohnt sich, zumal Asien größtenteils von Anlegern bisher übersehen wurde, wie viele Vermögensverwalter und Fondsmanager meinen.

Mehr als nur China

„Asien ist viel mehr als nur China. Die Bevölkerung übersteigt jene von Europa und den USA zusammen, etwa 60 Prozent der Menschen wohnen in Asien. Der Beitrag zum Welt-Bruttoinlandsprodukt auf Basis der Kaufkraftparität, ohne Japan, ist auf fast 40 Prozent angestiegen, was doppelt so viel wie Europas Anteil ist“, unterstreicht Stefan Scheurer, Asien-Ökonom bei Allianz Global Investors (AGI), die dem Kontinent ein jährliches internationales Symposium widmen.
Es scheint so, als wolle der Kontinent seinen alten Platz einnehmen, als vor tausend Jahren fast 70 Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukts auf Asien entfielen – zumal China explizit eine Politik der Öffnung zum Welthandel und Globalisierung fährt, während Präsident Trump für die USA nun das Gegenteil propagiert. Aber ohnehin koppeln sich die asiatischen Länder vom Handel mit westlichen Ländern ab, der Binnenhandel hat in der vergangenen Dekade stark angezogen.

Europa und die USA außen vor

Zugleich vollzieht sich fast unbemerkt von der westlichen Welt ein Zusammenschluss, der  3,4 Milliarden Menschen tangieren wird, wenn er Ende 2017 unterzeichnet wird und 30 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung bzw. 40 Prozent des Welthandels umfasst. Das Projekt zu Freihandelsvereinbarungen der zehn ASEAN-Mitgliedstaaten mit sechs weiteren Staaten hört auf das Kürzel RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership). Es soll ganz klar ein Gegengewicht zum Freihandelsabkommen TPP schaffen, an dem auch die USA beteiligt sind; weder die USA noch die EU nehmen an den RCEP-Verhandlungen teil. Scheurer: „Asien wird sehr wahrscheinlich als Gewinner der Deglobalisierung hervorgehen.“ Und: Der schwächelnde Greenback könnte das Comeback der Investoren nach Asien weiter pushen.
Die wachsende Verschuldung in den asiatischen Ländern, vor allem in China, stellt eine potenzielle Bedrohung dar. Auf der anderen Seite könnte der sinkende Anteil der Erwerbstätigen im Versuch enden, „reich zu werden, bevor die Bevölkerung alt wird“.

Noch nicht zu spät

Für Raymond Chan, Experte für Asian- bzw. Pazifik-Aktien bei AGI, ist vor allem die Kombination aus günstigen Bewertungen der Unternehmen und steigenden Erträgen in der Region überzeugend. „Es werden heute so oft Gewinnerwartungen nach oben revidiert wie seit 2011 nicht mehr.“ Unternehmen in Pakistan etwa verzeichneten in den vergangenen zwölf Monaten rund 50 Prozent Ertragsplus, jene in Taiwan an die 30 – die Liste lässt sich noch um weitere Länder fortführen.

Bei solchen Boom-Zahlen stellt sich automatisch die Frage, ob es das schon war oder man noch in diese Märkte einsteigen kann: Vom Kurs-Gewinn-Verhältnis her haben asiatische Aktien mit 12,8 im Schnitt immer noch reichlich Abschlag etwa gegenüber US-Titeln (14,5). „In globalen Aktienfonds hat zudem die Untergewichtung der Emerging Markets relativ zu den entsprechenden Indizes das größte Ausmaß seit fünf Jahren erreicht“, zu Unrecht, wie Chan meint. Es sei noch nicht zu spät, um in asiatische Schwellenländer und Frontier Markets zu investieren.

Die Börsenindizes in Pakistan, Indonesien, Vietnam, um nur einige der zukunftsträchtigen Pflaster zu nennen, weisen einen hohen Anteil an traditionellen Wirtschaftssektoren auf. Die Sparten Konsumgüter, Technologie und Dienstleistungen werden aufholen und für eine Steigerung des Pro-Kopf-BIPs in diesen Ländern sorgen. Gerade große Unternehmen, die „Mega Caps“ wie Samsung oder Taiwan Semiconductors, haben die Börsenindizes in der letzten Zeit zu neuen Höhen angetrieben. Chan glaubt daher, dass zuzüglich zu den sektoralen Änderungen in den Indizes 2017 und 2018 die bisher weniger stark gestiegenen kleineren und mittleren Unternehmen aufholen und den Börsenbarometern zu weiteren Höhen verhelfen werden.

Der erwachte Riese

Ein riesiger und bereits etablierter Markt ist Indien. „Letztes Jahr war ein besonders spannendes“, meint Siddharth Johri, Portfoliomanager bei AGI. Kein Wunder: Fast so als hätte Premierminister Narendra Modi die Aufregung um die US-Präsidentschaftswahlen als Ablenkung nutzen wollen, kündigte er in einer Fernsehansprache an die Nation in der Nacht vom 9. auf 10. November eine radikale Bargeldreform an. Mit einem Schlag verloren alle Geldscheine im Wert von 500 Rupien und 1.000 Rupien ihre Gültigkeit – das waren 85 Prozent des zirkulierenden Geldes. Das Ziel dieser drastischen Maßnahme ist die Eindämmung der bis dato dominanten Schattenwirtschaft und Korruption. Das monetäre Erdbeben führte zunächst dazu, dass Unternehmen Personal entließen, die Gewinnspannen massiv sanken. Gleichzeitig erstarkte jedoch der formelle Sektor – der Schritt stimuliert die Digitalisierung, die Nutzung von Kreditkarten und E-Wallets.

Ein weiterer Baustein, um Indien einen Modernisierungsschub zu verschaffen, ist die Einführung einer einheitlichen Steuer auf Waren und Dienstleistungen, die bisher von den einzelnen Bundesstaaten unterschiedlich geregelt wurden. Das komplexe Steuersystem mit teilweise doppelt- und dreifacher Besteuerung wird ab 1. Juli von einer zentralen „Goods and Services Tax“ abgelöst.

Eine zusätzliche Maßnahme, um die Menschenmassen zu erfassen und Innovationen voranzutreiben, besteht darin, nahezu allen Indern per Iris-Scan und Fingerabdruck eine biometrische Identität zu verpassen. Durch die Vernetzung per Mobilkommunikation erhalten viele Inder Zugang zu ihnen zustehenden Nahrungsmittelzuschüssen, Missbrauch allgemein wird eingedämmt.

„Diese Reformen werden das Wachstum in nächster Zeit zwar bremsen, aber auf längere Sicht ist der Ausblick für Indien unverändert gut“, schätzt Timothy Orchard, Portfoliomanager und CIO für Asien-Pazifik (ex Japan) bei Fidelity International, ein.

Steigende Kaufkraft

„Es spricht daher viel für Indien“, ist Johri überzeugt. Ein Unternehmen, das dem Fondsmanager gut gefällt, ist Marico International, ein Hersteller von Gesundheits- und Beauty-produkten auf Basis von Kokosnussöl: „Mit der steigenden Kaufkraft der Inder tendieren sie zu Markenprodukten und Marico befriedigt ihre Lifestyle-Konsumbedürfnisse mit zahlreichen Marken und einem Netzwerk von 4,6 Millionen Outlets.“

AGI-Kollege Chan allerdings hält die indische Börse aus fundamentaler Sicht bereits für überteuert, die positiven Gewinnrevisionen hielten sich in Grenzen, die Kapitalbasis der Banken sei nicht berauschend – ein Hemmschuh für die Unternehmen. Die Demonetarisierung im November habe zudem dazu geführt, dass die Inder selbst mehr investiert hätten, die Hausse an der Börse sei daher teils liquiditätsgetrieben gewesen. 

Hohe Dividenden in Korea

Auch Korea ist – gemessen an der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung – auf bestem Weg. Der staatliche Pensionsfonds in Korea übt mehr Einfluss aus, was sich günstig auf Dividendenzahlungen auswirkt: 72 Prozent der Unternehmen schütten nun an die Aktionäre aus, 2012 waren es erst 62 Prozent, die Summen dagegen haben sich fast verdoppelt, so die AGI-Experten. Chan: „Ein weiteres Novum: Erstmals in der Unternehmensgeschichte wird Samsung eigene Aktien einziehen – positiv für den Gewinn je Aktie.“ Amerikaner seien übrigens die fleißigsten Investoren des koreanischen Leitindex (KOSPI).

An einen Krieg mit Nordkorea glaubt Chan nicht. Die Drohgebärden des aggressiven Despoten bringen die Südkoreaner dieses Mal nicht aus der Ruhe. Die Nachbarstaaten würden militärische Handlungen nicht zulassen. Die Gelassenheit zeige sich daran, dass das Börsenbarometer sich neulich auf einem Allzeithoch befunden hatte. Wer sich zu viele Sorgen machte oder macht, verpasse den guten Lauf. Dies habe sich bereits beim Brexit-Votum, bei den US- oder den französischen Präsidentschaftswahlen gezeigt, wo Skepsis den „resilienten“Asien-Märkten gegenüber nicht angebracht gewesen sei.

Reformen in Korea

Probleme bereiten dem Markt allerdings die immer noch von großen Familien dominierten Mischkonzerne (Chaebols). Nach der Amtsenthebung Park Geun Hyes, der Erpressung, Bestechlichkeit, Machtmissbrauch und Verrat von Staatsgeheimnissen vorgeworfen werden, weht seit Mai dank des neuen Präsidenten Moon Jae In ein frischer Wind.

Allerdings wird es noch viel Geduld und Zeit benötigen, die Reform der Familienkong­lomerate voranzutreiben, meint Bruno Vanier, Analyst bei Gemway Assets: „Natürlich wird es besser, aber die nächsten zwei Jahre werden wir noch viele Aufs und Abs sehen.“ Louisa Lo, die den Schroder International Selection Fund Emerging Asia managt, hat Südkorea relativ zum Vergleichsindex stark untergewichtet. Sie investiert mindestens zwei Drittel des Fondsvermögens in Aktien von Unternehmen der aufstrebenden Länder Asiens. Mit gutem Erfolg: Die Ein-Jahres-Performance lag zuletzt bei 37,1 Prozent (zum 26. 5. 2017).

Über Malaysia scheiden sich wiederum die Geister: Einerseits leidet das Land noch unter den Nachbeben des großen Geldwäscheskandals rund um den malaysischen Staatsfonds 1MdB – bis zu fünf Milliarden US-Dollar könnten aus ihm abgezweigt worden sein. Die Währung steht ebenfalls ein wenig unter Druck, zudem ist es ein bevölkerungsschwaches Land, dessen Wirtschaft noch zu sehr von Rohstoffen wie Palmöl, Öl und Gas sowie Kautschuk abhängt. Andererseits finden sich dort doch auch gute Chancen, etwa in der Gaming-Industrie. Und auch nach Malaysia strömen immer mehr chinesische Touristen, daraus könnten sich ebenfalls gute Investmentgelegenheiten ergeben.

Verstecktes Potenzial in der 2. Reihe

Dennis Lai, Senior Portfoliomanager bei AGI, ist auf die sogenannten „Frontier Märkte“ Asiens spezialisiert, beständig auf der Suche nach neuen Wachstumsbereichen. Das versteckte Potenzial in diesen Märkten sei noch groß, Langfristanleger könnten also profitieren. „Man muss die Haltung des ,First Movers‘ einnehmen, denn freilich bergen diese Märkte höhere Risken, etwa auf der Währungsseite oder politisch“, so Lai. Auftrieb sollte die ganze Region vom Projekt „One Belt, One Road“, der „Neuen Seidenstraße“, erhalten. Daneben entsteht auch eine „maritime Seidenstraße“. Diese Korridore reichen über Pakistan bis hin zu Myanmar. Und während China auf der Fertigungs- und Wertschöpfungsleiter hinaufklettert, verliert das „Reich der Mitte“ Marktanteile im Bereich Schuh- und Bekleidungsherstellung an andere Länder wie Vietnam, Sri Lanka, Bangladesh etc.
Tourismus nicht zu vergessen: Chinesen entdecken auch andere asiatische Länder. So zählte Thailand 2016 mehr als zehn Millionen chinesische Besucher. Jason Pidcock, Manager des Jupiter Asia Pacific Income, hält neben InTouch, einer Gesellschaft im Bereich mobile Telekommunikation, Satelliten-Medien, E-Business etc., Bangkok Dusit Medical, das größte private Healthcare-Unternehmen, in seinem Fonds. Allerdings verliere Thailand an Wettbewerbsfähigkeit, die Arbeitskraft sei in Vietnam billiger, Landbesitz habe sich verteuert, so Lai. Thailändische Unternehmen wachsen, weil sie in andere ASEAN-Länder wie Kambodscha investieren. Viele Investoren weichen daher nach Indonesien aus, wo derzeit der Bau- und Immobiliensektor zu favorisieren sei. Der Wirtschaft wird immerhin ein BIP-Wachstum von fünf bis sechs Prozent zugetraut. Korrekturen auf dem Markt werden von den Anlageexperten für Zukäufe genutzt.

Geringe Korrelationen

Die nächsten Wachstums-Stories sieht Lai daher in Pakistan, Vietnam und Sri Lanka oder Bangladesh. Die beiden letztgenannten Börsen seien bereits von der Größe her „investierbar“ und die Regularien würden inves­torenfreundlicher. Vietnams Wirtschaft beispielsweise könnte heuer um 6,4 Prozent wachsen. Besonders gut gefällt ihm der Aspekt, dass die Nebenmärkte mit den Schwellenländerbörsen in der historischen Rückschau sehr wenig korreliert haben: „So kann man die Performance verbessern, ohne zusätzliches Risiko zu nehmen.“ Da massive Zuflüsse in diese Länder noch ausgeblieben sind, reagieren sie weniger sensibel auf raschen oder übertriebenen Abzug internationaler Gelder bei Börsenverwerfungen.

Dank IWF-gestütztem Reformprogramm haben sich die Schuldenquote und Währung in Pakistan beispielsweise stabilisiert, die Armutsquote ist stark gesunken, das Fiskaldefizit ist unter Kontrolle, ebenso das Inflationsrisiko. Ein guter Indikator für steigenden Wohlstand in Pakistan sei die stark steigende Zahl von Käufen von TV-Geräten.

Die Philippinen gefallen den Anlageexperten ebenfalls gut – dem kontroversiellen Präsidenten Duterte zum Trotz. „Mit seinem Amtsantritt hat Peking begonnen, viel zu importieren, Bananen, Mangos etc. Duterte ist very smart. Sein nächster Gang führte ihn zum japanischen Amtskollegen Abe, mit Erfolg. Er macht viele Dinge ökonomisch gesehen richtig“, sagt Lai. Bisher hat Konsum die Wirtschaft angekurbelt, künftig würden es Investments, vor allem in die Infrastruktur, sein. Der Markt und der lokale Pensionsfonds seien angewachsen, damit sei die Börse mehr in den Fokus internationaler Anleger gerückt. Pidcock favorisiert dort Unternehmen wie GT Capital (Banking, Infrastruktur, Development), SM Prime (Shopping Mall) und Universal Robina (Nahrungsmittel, Getränke).

Geeignete Fonds

Da es für Privatanleger extrem schwierig ist, gezielte Recherchen zu den kleineren und weniger liquiden asiatischen Märkten zu betreiben oder auf eigene Faust diversifiziert in diese zu investieren, empfiehlt es sich, zu einem langjährigen Investmentfonds zu greifen, wenn man an den Chancen der Region inklusive dem Schwergewicht China teilhaben möchte. Neben dem Schroder ISF Emerging Asia und dem Allianz Emerging Asia Equity weisen auch der Fidelity Funds Emerging Asia und der UniEM Fernost ein überschaubares Risiko bei langfristig guter Rendite aus. Des Weiteren stehen dem Kleinanleger auch börsengehandelte Exchange Traded Funds zur Verfügung, etwa der Amundi ETF MSCI Emerging Asia.

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