„Ein Zinsanstieg macht die Schwächen der Unter­nehmen sichtbar!“

James Butterfill, Head of Research and Investment Strategy bei ETF Securities, beschreibt die Auswirkungen vom Ende der Nullzinspolitik.

„Die EZB könnte die lockere Geld­politik bis Ende des Jahres einstellen.“ James Butterfill, ETF Securities (Foto: ETF Securities)

GEWINN: Die US-Notenbank hat als erste die Politik des billigen Geldes beendet. Ist in Europa die Wirtschaft stabil genug, sodass die EZB auch mit einer Normalisierung der Geldpolitik beginnen kann?
Butterfill: Ja, wir glauben, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre lockere Geldpolitik aufgrund der guten volkswirtschaft­lichen Entwicklung und den steigenden Inflationserwartungen mit Ende des Jahres einstellen könnte – solange es keine allzu große politische Unsicherheit gibt. Aber weniger in Form steigender Zinsen als in einer Beendigung des „Quantative Easing“-Programms der EZB (Anm. d. Red. Anleihenkaufprogramm).

GEWINN: Wie geht es diesbezüglich in den USA weiter?
Butterfill: In den USA sollte die Normalisierung der Geldpolitik fortgesetzt werden, außer der Konflikt mit Nordkorea eskaliert. Wir erwarten uns daher drei Zinserhöhungen im Juni, September und Dezember. Beide Zentralbanken müssen dabei eine sehr schwierige Gratwanderung zwischen der Gefahr von Inflation und Rezession absolvieren.

GEWINN: Was erwarten Sie von der Bank of England? Welche Auswirkungen hat der Brexit?
Butterfill: Wir gehen davon aus, dass die Royal Bank of England im Jahresverlauf Zinsanhebungen durchführen könnte, aber nicht wie die EZB die Bilanz verkürzen wird, um den Wachstumsimpuls für die Wirtschaft nicht zu gefährden. Denn in den nächsten beiden Jahren werden wir aufgrund der EU-Austrittsverhandlungen mit hoher Unsicherheit zu kämpfen haben. Die Zinsanhebung könnte aber dem britischen Pfund, aktuell die am stärksten unterbewertete Währung im G10-Raum, Auftrieb verleihen.

GEWINN: Was bedeutet die geänderte Geldpolitik für andere Währungen?
Butterfill: Der US-Dollar könnte bis zur Mitte des Jahres weiter abwerten, sich dann aber bis zum Jahresende wieder erholen. Der Euro könnte durch den Stimulus in den kommenden Monaten wieder auf 1,10 US-Dollar klettern.

GEWINN: Die Aktienmärkte werten die Normalisierung der Geldpolitik derzeit ja als positiv. Mittelfristig könnten steigende Zinsen die Wirtschaft aber dämpfen, oder?
Butterfill: Ein Zinsanstieg macht die Schwächen der Unternehmen sichtbar. Wir haben uns daher angesehen, welche Unternehmen aufgrund ihrer hohen Schuldenlast für Zinserhöhungen am verletzlichsten sind. Wir sind hier besonders in Bezug auf  Large Caps aus dem Vereinigten Königreich und US-Small- Caps vorsichtig. Diese Unternehmen haben eine wesentliche Verschlechterung ihrer „interest cover ratio“ gesehen. Das ist ein Maßstab für die Fähigkeit von Unternehmen, mit ausstehenden Schulden umzugehen.

GEWINN: Welche Branchen wären besonders betroffen?
Butterfill: Vor allem Immobilien- und Rohstoffunternehmen, aber auch der Energiesektor sind besonders anfällig.

GEWINN: Was sind die interessantesten Alternativen für Anleger?
Butterfill: Wir präferieren derzeit  Schwellenländer- und Hochzinsanleihen. Und bei den Rohstoffen bieten Industriemetalle aktuell die besten Chancen. Denn die rückläufigen Investitionen der Minenbetreiber führen schön langsam zu einer Verknappung des Angebots.    MM

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