„Eine gewisse Sorglosigkeit hat an den Börsen Einzug gehalten.“

Für Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, sind Aktien langfristig nach wie vor die attraktivste Anlageklasse. Kurzfristig hingegen gibt es seiner Meinung nach ein erhebliches Enttäuschungspotenzial an den Aktienmärkten.

„Generell werden die Renditen niedriger als in den vergangenen zehn Jahren sein – über alle Anlageklassen hinweg.", Tilmann Galler, J.P. Morgan Asset Management (Foto: JP Morgan Asset Management)

Erstmals sahen sich die Experten von J.P. Morgan Asset Management gezwungen, den seit 25 Jahren jährlich erscheinenden Kapitalmarktausblick „Long-Term Capital Market Assumptions“ unterjährig einem Update zu unterziehen. Tilmann Galler ist seit 2007 für J.P. Morgan Asset Management tätig und in seiner Funktion als Kapitalmarktstratege an der Erstellung dieses langfristigen Ausblicks beteiligt. Im Interview mit GEWINN erklärt Galler die Hintergründe für die langfristigen Einschätzungen, kommt aber auch auf die aktuellen turbulenten Entwicklungen an den Märkten zu sprechen.

GEWINN: Derzeit sind die Börsen der realwirtschaftlichen Entwicklung noch weiter voraus geeilt als in bisherigen Krisen. Ist das gerechtfertigt?

GALLER: Das Tempo, das die Aktienmärkte im Mai und Juni vorgelegt haben, war doch relativ hoch. Es hat ein gewisser Optimismus, vielleicht sogar Sorglosigkeit Einzug gehalten. Es gibt zwar in der Tat einiges, das die Aktienmärkte unterstützt – wie etwa die niedrigen Zinsen und die Liquiditätsflut durch die Notenbanken. Aber wir sehen auch erhebliche Risken, die aus unserer Sicht nicht ausreichend beachtet werden.

GEWINN: Was könnte den aktuellen Erholungsaufschwung gefährden?

GALLER: Erstens wird es Regierungen und Notenbanken immer schwe - rer fallen, nach den historischen CoronaHilfs programmen die Aktienmärkte noch einmal positiv zu überraschen. Und es besteht das Risiko einer zweiten Infektionswelle. Dieses Risiko ist an den Märkten derzeit noch nicht ausreichend eingepreist. Und drittens, geht der Markt offenbar davon aus, dass die Unternehmensgewinne bereits Ende 2021 wieder auf dem Niveau sind, auf dem sie vor der Krise waren – und das trotz Rezession. Allerdings hat es in den vergangenen drei Rezessionen – Anfang der 1990er, in der DotcomKrise und in der Finanzkrise – jeweils drei Jahre gedauert, bis die Unternehmen ihre alte Ertragskraft wiedererlangt hatten. Diese optimistischen Erwartungen können theoretisch zutreffen, wenn alles glatt läuft. Aber da besteht ein erhebliches Enttäuschungspotenzial. Deshalb lassen wir aktuell zumindest eine gewisse Vorsicht walten.

GEWINN: Ist es damit Zeit, den Aktienmärkten den Rücken zu kehren?

GALLER: Nein, man sollte nie ganz aus Aktien rausgehen, sondern immer im Rahmen seiner strategischen Ausrichtung investiert bleiben und sich eher auf das Feintuning konzentrieren. Denn die langfristige relative Attraktivität von Aktien bleibt bestehen.

GEWINN: Welche Themen sollten Anleger langfristig im Auge behalten?

GALLER: Längerfristig relevante Themen sind die Schuldentragfähigkeit, die Fiskalpolitik, Nachhaltigkeit und alternative Anlagen. Gerade das Fiskalthema wird für die Märkte interessant werden. Jetzt, wo die Geldpolitik an ihre Grenzen stößt, wird immer mehr die Fiskalpolitik gefordert, die Wirtschaft zu unterstützen. Und im Unterschied zu den vergangenen zehn Jahren ist die Bereitschaft dazu – teilweise durch die Covid-19-Pandemie auch zwangsläufig – größer geworden.

Das vollständgige Interview mit noch mehr Einschätzungen von Tilmann Galler finden Sie in der aktuellen Juli-Ausgabe des GEWINN – jetzt in Ihrer Trafik!

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