„Ende einer Ära außergewöhnlich hoher Erträge an den Finanzmärkten“

Pascal Blanqué, Chefanleger von Europas größter Fondsgesellschaft Amundi, geht von geringeren Ertragschancen in Zukunft aus. Er rät Anlegern, den Aktienanteil zu erhöhen, dabei aber die gehypten Technologieaktien zu meiden.

(Foto: www.magalidelporte.com)

GEWINN: Während einige Länder wie etwa die USA oder China schon bald in der Lage sein sollten, wieder eine gewisse „Normalität“ zu erreichen oder bereits erreicht haben, scheint für andere Länder wie Brasilien oder Indien das Schlimmste der Pandemie erst bevorzustehen. Kann es mit solchen Unterschieden bei der Pandemiebekämpfung überhaupt eine globale Erholung der Wirtschaft geben?

BLANQUÉ: Wir starten von so niedrigen Niveaus aus, dass es allein durch den einfachen Basiseffekt nach einer Erholung der Weltwirtschaft aussieht. Aber Sie sprechen damit entscheidende Themen an. Wir werden aus meiner Sicht eine desynchronisierte Erholung erleben, weil auch die Bekämpfung der Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen sehr unterschiedlich erfolgreich verläuft. Die USA und China haben am effektivsten auf die Pandemie reagiert, daher sollte dort auch die wirtschaftliche Erholung stärker ausfallen. Während Europa hier sowohl in der Bekämpfung der Pandemie als auch im wirtschaftlichen Aufschwung hinterherhinkt. Und in den von Ihnen genannten Problemregionen ist es noch deutlich schlimmer.

GEWINN: Treffen die Regierungen und die EZB aus Ihrer Sicht die geeigneten Maßnahmen, um den wirtschaftlichen Rückstand Europas wieder aufzuholen?

BLANQUÉ: Die Herausforderung für die europäische Wirtschaft liegt nicht nur darin, sich von der Krise durch einen zyklischen Aufschwung zu erholen. Denn in Europa ist das langfristige Potenzialwachstum nach wie vor relativ gering. Daher ist es entscheidend, dass die Fiskalpolitik auf eine Steigerung des Potenzialwachstums, etwa durch Investitionen in Inf rastruktur, Bildung etc., abzielt. Die Geldpolitik hingegen ist geeignet, um einen zyklischen Aufschwung zu unterstützen oder einen Abschwung zu bremsen, sie kann aber nicht das Poten zialwachstum heben.

GEWINN: Zuletzt waren an den Anleihenmärkten erstmals wieder steigende Renditen zu beobachten. Ebenso erwarten sich viele Marktteilnehmer in Zukunft einen Anstieg der Inflation. Geht somit eine „Ära der niedrigen Inflation und der Nullzinsen“ zu Ende?

BLANQUÉ: Kurz gesagt, ja. Wir sehen nach drei Dekaden sinkender Zinsen und Inflation ein Ende dieses vorherrschenden Systems und eine Trendwende hin zu einer Phase höherer Niveaus und höherer Volatilität bei Zinsen und Inflation. Es ist auch ein Ende einer Ära außergewöhnlich hoher Erträge an den Finanzmärkten, die mit den fallenden Zinssätzen verknüpft waren. Daher sollten sich Anleger auf niedrigere, durchschnittliche Erträge gefasst machen.

GEWINN: Wie stark sollte man demnach als Anleger in Zukunft seine Ertragserwartungen runterschrauben?

BLANQUÉ: In den vergangenen drei Jahrzehnten hat ein ausgewogenes, globales Portfolio mit jeweils 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen in US-Dollar berechnet einen durchschnittlichen Ertrag von 8,8 Prozent pro Jahr gebracht. Das ist außergewöhnlich und kann so nicht wiederholt werden, weil wir in diesem langen Zeitraum eine Sondersituation mit sinkender Inflation und sinkenden Zinsen hatten. Der Faktor Zinsen war dominant und hat die klassischen, fundamentalen Bewertungskennzahlen wie etwa Gewinnwachstum überlagert. Dasselbe 50:50-Portfolio sollte in der kommenden Periode einen durchschnittlichen Ertrag von nur noch 3,5 Prozent bis 3,9 Prozent liefern – wohlgemerkt abzüglich der Inflation, Kos ten und Steuern. Daher ist man gezwungen, den Anteil riskanter Wertanlagen bis zu einem gewissen Grad zu erhöhen, um die erwarteten Erträge zu steigern.

GEWINN: Die Schlagzeilen sind voll mit Warnungen vor einem Anstieg der Inflation. Sind diese tatsächlich gerechtfertigt?

BLANQUÉ: Der Anstieg der Inflation, den wir aktuell beobachten, spiegelt temporäre Basiseffekte. Aber nicht nur. Langfristig denke ich hingegen, dass es aufgrund von Angebots- und Nachfragefaktoren eine strukturellere Entwicklung hin zu einer höheren Inflation geben wird. Zum Beispiel dadurch, dass in der Pandemie globale Wertschöpfungsketten „gerissen“ sind, was zu steigenden Preisen führt. Anleger sollten daher die Zusammensetzung ihres Portfolios im Hinblick auf die Inflation genauer ansehen.

GEWINN: Wie sollen Anleger jetzt angesichts dieser Erwartungen reagieren?

BLANQUÉ: In den kommenden Jahren ist es sehr wichtig, weiterhin in Aktien investiert zu sein und den Anteil der Aktien sogar noch auszuweiten. Aber dabei gilt es eine Sache zu beachten, nämlich die Blase bei den Technologieaktien. Es stellt sich aus meiner Sicht nicht die Frage ob, sondern nur mehr wann diese Technologieblase platzen wird. Daher sollte man innerhalb der Aktieninvestments den Technologiebereich und generell jene Märkte meiden, die besonders empfindlich auf Zinserhöhungen reagieren. Dazu zählen typischerweise einige Bereiche im Technologie- bzw. allgemeiner im Wachstumssektor, weil die Geschäftsmodelle häufig auf hohem Fremdkapitaleinsatz beruhen.

GEWINN: Gibt es noch Sektoren oder Regionen an den Aktienmärkten, in denen die erwartete Erholung nach der Covid-Pandemie bei den Kursen noch nicht vollständig im Preis enthalten ist?

BLANQUÉ: Ja, wir sehen aktuell noch eine Unterbewertung bei Value- in Relation zu Wachstumswerten sowie bei europäischen Aktien und ausgewählten Schwellenländermärkten. Die Schwellenländer sind eine bleibende Quelle für Mehrertrag. Anleger sollten daher aus strategischen Gründen in ausgewählte Schwellenländermärkte investieren. Einerseits in Anleihen, weil hier noch positive reale Renditen geboten werden, und auch bei Aktien bieten sie aufgrund des höheren Wirtschaftswachstums große Chancen auf einen Mehrertrag. Dabei muss man aber sehr selektiv vorgehen, weil man nicht alle Schwellenländer in einen Topf werfen kann. Wir präferieren hier zum Beispiel Aktien aus asiatischen Schwellenländern, unter diesen wiederum Unternehmen aus Nord-asien, und hier insbesondere aus China. Am unteren Ende der Skala sehen wir Länder wie die Türkei, wo Leistungsbilanzdefizite in einem Umfeld steigender Zinsen und stark abwertender Währungen als großes Risiko gesehen werden.

GEWINN: Die Globalisierung hat in den vergangenen Jahren eher Rück- als Fortschritte gemacht. Fürchten Sie nicht, dass möglicherweise exportorientierte Länder wie China in Zukunft das hohe Wirtschaftswachstum nicht mehr aufrechterhalten könnten?

BLANQUÉ: Sie sprechen damit eine wichtige Frage an. In einer Zeit, in der globales Wirtschaftswachstum nicht notwendigerweise mehr Welthandel bedeutet, ist es für Investoren um so wichtiger, wo sich Inlandsnachfrage bildet. Wie zum Beispiel Konsumnachfrage in Indien oder Infrastrukturprojekte und Services in China oder auf den Phi lippinen. Im Gegensatz zu den klassischen rein exportorientierten Modellen. Denn die Zukunft liegt in der Entwicklung autonomer Inlandsnachfrage als Wachstumsmotor für diese Schwellenländer.

GEWINN: In den vergangenen Monaten hat es eine gewisse Verschiebung von Wachstum- hin zu Value-Aktien gegeben. Was sind die treibenden Faktoren für diese Entwicklung und ist sie bereits abgeschlossen?

BLANQUÉ: Der Wechsel von Wachstum zu Value geht einher mit einem Ende des Niedrigzins- und Inflationsregimes. Ich glaube daher, dass sich diese Rotation erst in einer frühen Phase befindet und noch für lange Zeit bestehen bleiben wird. Anleger sollten daher nicht davon ausgehen, dass die Bewegung von Wachstums- zu Value-aktien bereits vorüber ist.

GEWINN: Und wie kann man als Privatanleger davon profitieren?

BLANQUÉ: Indem man etwa in entsprechende Value-Aktienfonds investiert. Oder indem man europäische Aktien stärker als US-Aktien gewichtet, weil es in Europa tendenziell weniger Technologie- bzw. Wachstumsunternehmen und dafür mehr zyklische Aktien, etwa aus der Industrie, gibt.

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