Gewinnen mit "langweiligen" Aktien

Wie man als Anleger mit vermeintlich „faden“ Aktien entspannt ein Vermögen aufbauen kann, während andere vergeblich kurzlebigen Börsentrends hinterherrennen.

(Foto: 2018 Shutterstock.com)

In den vergangenen Monaten wurden trotz Corona-Krise in vielen Märkten neue Höchststände erreicht. Die Aktienkursentwicklung von E-AutoBauer Tesla oder der Spekulationskrimi rund um die Gamestop-Aktie haben diese Entwicklung sogar noch weiter auf die Spitze getrieben. Doch als Anleger muss man nicht krampfhaft versuchen, auf den nächsten Hype aufzuspringen und dabei höchste Risken einzugehen. Auch mit vermeintlich „langweiligen“ Aktien wie Coca-Cola oder Colgate-Palmolive lassen sich auf lange Sicht überzeugende Erträge erwirtschaften und so relativ entspannt ein Vermögen aufbauen.

GEWINN zeigt auf, wie man diese chancenreichen Perlen unter den scheinbar „faden“ Aktien finden kann und wie man auch mit Fonds oder ETFs breit diversifiziert in diesem unaufgeregten Stil souverän sein Geld anlegen kann.

Positives Momentum notwendig

Während die starken Aktienkursschwankungen nach oben, etwa bei Highflyern wie Moderna, dem erfolgreichen Entwickler von Covid-19-Impfstoffen, oder Zoom, dem bekannten Anbieter des Service für Videokonferenzen, gerne gesehen werden, bereiten deren Kursausschläge nach unten vielen Investoren schlaflose Nächte. Anleger, die ihre Nerven schonen möchten, bevorzugen daher eher „konservative“ Aktien, deren Kurse tendenziell weniger stark schwanken.

Doch auch mit diesen vergleichsweise „langweiligen“ Aktien lassen sich hübsche Erträge erzielen, wenn man bei der Auswahl einige Kriterien beachtet: Wichtig neben den geringen Schwankungen – Experten sprechen von einer niedrigen Volatilität („Low Volatility“) – ist auch eine tendenziell positive Kursdynamik. Zumindest sollten sich die Kurse nicht in einem mittelfristig fallenden Trend befinden. Denn es hilft auch nicht nix in ein sinkendes Schiff zu investieren, nur weil es langsam und stetig sinkt.

„Innerhalb des konservativen Aktienspektrums fokussieren wir uns etwa auf Low-Vola-Aktien, aber integrieren auch das kurzfristige Momentum. Beispielsweise wandte sich im Verlauf des Jahres 2020 die Strategie den gut performenden Branchen Basiskonsumgüter, Gesundheit und dem defensiven Teil der IT-Branche zu“, erklärt dazu Pim van Vliet, Experte für konservative Aktien beim Fondsanbieter Robeco.

„Innere“ Werte zählen

Neben der Frage, wie volatil der Aktienkurs sich entwickelt, geht es vor allem um die „inneren“ Werte, die Qualität des Unternehmens und des Geschäftsmodells: Kann das Unternehmen kontinuierliches Gewinnwachstum vorweisen oder variieren die Ergebnisse ständig zwischen Jubelstimmung und tiefroten Zahlen? Zählt das Unternehmen zu den führenden in seiner Branche und wie hoch sind die Eintrittshürden für neue Konkurrenten?

Und zu guter Letzt sollte das Unternehmen auf dem Aktienmarkt nicht überteuert bewertet sein bzw. am bes­ten vom Markt unterschätzt werden – viele sprechen hier von sogenannten „Value-Aktien“. „Value-Aktien handeln im Vergleich zu Wachstumsaktien zu historisch niedrigen Multiplikatoren. Bei Robeco etwa haben wir seit dem Start unserer Strategie im Jahr 2006 defensive Value-Variablen wie Dividendenrendite, Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und Dividendenstabilität integ­riert. Für die kommenden Jahre sehen wir dies notwendiger denn je. Deshalb werden durch die Strategie bereits seit vielen Jahren US-Aktien untergewichtet, was uns in den vergangenen Jahren wenig weiterhalf. Aber wir glauben daran, dass sich dies im Hinblick auf den großen Bewertungsunterschied zwischen den USA und dem Rest der Welt in den kommenden Jahren bezahlt macht“, erklärt van Vliet.

Value oder Qualität?

Doch Value ist nicht gleich Value. Jeder Value-Investor hat hier seinen etwas anderen Ansatz, wie Hendrik Leber, Gründer und Chef von Acatis Investment, betont: „Value heißt, ich bekomme für meine Investition einen guten Gegenwert. In der Zeit allgemein gestiegener Kurse sind erwartete Performancewerte von acht Prozent schon als Value zu betrachten.“ Bezüglich tauglicher Kennzahlen differenziert er:

„Die Kennziffer Kurs-Buchwert hat ihre Bedeutung weitgehend verloren, aber das Kurs-Gewinn-Verhältnis und die Dividendenrendite sind immer noch gute Value-Indikatoren. Um die Sache komplizierter zu machen: Auch manche Firmen mit sehr hohem Cash-Flow und sehr hohem verlässlichem Wachstum können teuer und trotzdem zugleich Value sein.“

„Billig“ ist nicht immer „günstig“

Thomas Lehr, Kapitalmarktstratege beim Vermögensverwalter Flossbach von Storch, sieht bei vielen Anlegern folgende Schwierigkeiten: „Statt tief in Unternehmen einzutauchen, begnügen sich viele mit ein paar wenigen, nicht besonders aussagekräftigen Finanzkennzahlen, wie beispielsweise dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, dem Kurs-Buchwert-Verhältnis oder der Dividendenrendite. Ist beispielsweise das Kurs-Gewinn-Verhältnis sehr niedrig oder die Dividendenrendite hoch, suggeriert dies, dass die Aktie ,billig‘ ist. Das ist gleich aus mehreren Gründen problematisch und führt deswegen nicht selten in die Irre.

Zum einen beziehen sich die obengenannten Kennzahlen auf einen vergleichsweise kurzen Zeitraum zwischen gestern und morgen. Vor allem aber ist ,billig‘ eben nicht gleich ,günstig‘ und schon gar nicht ist ,billig‘ ein Qualitätsmerkmal. Im Gegenteil.“

Achtung Bewertungsfalle!

Thomas Lehr warnt vor der sogenannten Bewertungsfalle: „Ist das Geschäftsmodell sehr zyklisch und der Erfolg davon abhängig, dass die Wirtschaft gut läuft, schwanken die Ergebnisse stark. Investoren verlangen zu Recht von solchen Unternehmen höhere Risikoprämien – sie gehen schließlich auch weniger gut kalkulierbare Risken ein.“ Das sei aus seiner Sicht auch der Grund, weswegen die Bewertung dieser Unternehmen eher niedrig ist.

„Es ist eine Ironie, dass speziell Anleger, die große Sorgen vor Wachstumsdellen haben, in einem falschen Verständnis von ,Value‘ in genau den Sektoren landen, die es beim nächs­ten Abschwung oder der nächs­ten Rezession besonders stark trifft. Um es auf die Spitze zu treiben, könnte man sagen, dass man in den Unternehmen, die allgemein mit ,Growth‘ umschrieben werden, oft zuverlässiger Value findet als in den Unternehmen, die aus der Schublade ,Value‘ gezogen werden“, differenziert Lehr.

Zehn vermeintlich „fade“ Aktien

Gemäß den beschriebenen Selektionskriterien und inspiriert durch wertvolle Experten-Inputs selektierte ­GEWINN zehn „Geheimtipps“.

Beiersdorf: Fast jeder kennt die Marken Nivea, Tesa und Hansaplast. In 45 Ländern ist Nivea die führende Hautpflegemarke. Von 2010 bis 2019 konnte das operative Ergebnis (Ebitda) von 804 auf 1.270 Millionen Euro gesteigert werden, während der Gewinn je Aktie eine Zuwachsrate von 9,5 Prozent p. a. verzeichnete. Nach einer Corona-bedingten Ertragsdelle 2020 soll sich der Wachstumstrend fortsetzen.

Check Point Software Technologies: Das israelische Unternehmen ist der Allrounder im Bereich der IT-Sicherheit und schützt u. a. vor Phishing-Attacken, Malware und Ransomware. In den vergangenen vier Quartalen lagen die veröffentlichten Gewinne je Aktie im Schnitt sechs Prozent über den Analystenprognosen. Die Aktie ist relativ günstig bewertet.

Coca-Cola: Der hochrentable Dauerbrenner konnte bereits 58 Jahre in Folge die Dividende steigern und soll mit weniger zuckerhaltigen Getränken und einer Reduktion auf zirka die Hälfte der Hauptmarken effizienter werden. In der  Corona-Krise ging der Nettogewinn 2020 auf 7,8 Milliarden Dollar (Vorjahr: 8,92 Mrd.) nur leicht zurück. Die vergangenen vier Quartale sorgte das Unternehmen für positive Gewinnüberraschungen und ab heuer könnte der nächste Wachstumsschub folgen.

Colgate-Palmolive: Überzeugt als Weltmarktführer bei manuellen Zahnbürsten und -pasta mit globalen Marktanteilen von je 31,1 bzw. 39,8 Prozent.  2020 konnte trotz Corona-Krise bei  zirka fünf Prozent Umsatzplus die Betriebsergebnismarge um einen Prozentpunkt auf  23,6 Prozent verbessert werden. Zudem revidierten Analysten in den vergangenen 60 Tagen für 2021 ihre Gewinnprognosen je Aktie von 3,20 auf 3,29 Dollar nach oben.

Deutsche Telekom: Die US-Tochter T-Mobile fusionierte mit dem Rivalen Sprint und rollt mit 5G-Netzen den US-Markt auf. Die Wachstumsstory stimmt: Von 2012 bis 2019 konnte das Unternehmen den Cashflow von 13,6 auf 23,1 Milliarden Euro steigern.

Mayr-Melnhof Karton: Seit dem Börsengang 1994 schreibt das Unternehmen jedes Jahr schwarze Zahlen und selbst im Krisenjahr 2008 lag der Gewinnrückgang nur bei 16 Prozent. Zuletzt beschleunigen Akquisitionen im Frischfaserkartonmarkt den Wachstumstrend. Jüngste Übernahmen: Kotkamills Group in Südfinnland und das polnische Werk Kwidzyn.

Nestlé: Das Unternehmen ist mehr als die führende Marke „Nespresso“ und Purina (Heimtiernahrung). Mit Wasserflaschen und der expansiven Health-Science-Sparte ist Nestlé in zukunftsträchtigen Märkten. Im Gesundheitsbereich werden Medikamente, Diätprodukte sowie Diagnostika angeboten. Ein wichtiger Meilenstein war 2020 die Übernahme des Spezialisten für Lebensmittelallergien, Aimmune. Auch beim operativen Gewinn zeigt das Unternehmen solides Wachstum.

Procter & Gamble: Geht aus einer Neuausrichtung mit Fokus auf Top-marken gestärkt hervor. Zu den wichtigsten Marken zählen u. a. Duracell (Batterien), Oral-B (E-Zahnbürsten), Gillette, Ariel und Pampers. Kontinuierlich positive Gewinnüberraschungen und  Dividendenerhöhung 64 Jahre in Folge zeugen von Qualität.

Republic Services: Mit Müllabfuhr, Deponien und Recycling lässt sich gut Geld verdienen. Das zeigt eine Steigerung vom Cashflow von 1,53 auf 2,35 Milliarden Dollar im Zeitraum 2014 bis 2019. Weiteres Highlight: Kontinuierlich positive Gewinnüberraschungen in den vergangenen vier Quartalen von im Schnitt 15 Prozent.

Walmart: Die weltgrößte Supermarktkette ist bekannt für ihre Stabilität in Krisenzeiten. Laut Marktforschern von eMarketer ist Walmart in den USA im Online-Handel bereits auf Platz zwei hinter Amazon. Ein Ertragsschub im vergangenen Geschäftsjahr und positive Gewinnüberraschungen sind gute Zeichen.

Fonds und ETFs

Wie immer ist auch bei konservativen Aktien eine entsprechende Streuung entscheidend, um das Risiko zu minimieren. Anleger, die mit einem Streich in viele vermeintlich „langweilige“ Aktien investieren wollen, können das aber auch komfortabel über einen Aktienfonds oder -ETF tun:

Ein kostengünstiger ETF mit weniger volatilen internationalen Aktien ist der iShares-Edge-MSCI-World-Minimum-Volatility-ETF. Wer ruhige großzügige US-Dividendenzahler bevorzugt, sollte einen Blick auf den Invesco-S&P-500-High-Dividend-Low-Volatility-ETF werfen. Als aktiv verwalteter Aktienfonds bietet der Robeco QI Global Conservative Equities ein Portfolio mit geringer Volatilität aus Industrie- und Schwellenländern, mit hohen Dividendenrenditen, attraktiven Bewertungen, starkem Kursmomentum und positiven Gewinnrevisionen der Analysten.

Qualitätsaktien mit günstigem Chancen-Risiko-Verhältnis findet man im Flossbach von Storch – Global Quality, dessen Top-drei-Positionen Ende Jänner Microsoft, Alphabet und Constellation Sofware sind. Wer hingegen Value-Orientierung im Sinne von Warren Buffett bevorzugt, ist im Acatis Value und Dividende gut aufgehoben. Eine Dividendenstrategie mit flexibler Investmentgradsteuerung zwischen Aktien und Anleihen verfolgt indessen der DJE Zins & Dividende und in Österreich der Arcus-Alpha-Double-Income-Fonds, ein kleiner Fonds verwaltet von Privat Consult, die sich mit stabilen Dividendenzahlern befasst.

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