„Ich würde nicht auf ein schnelles Ende der Konflikte setzen! “

Jens Ehrhardt, Gründer und Leiter des Vermögensverwalters DJE Kapital, nimmt die aktuellen negativen Vorzeichen für Wirtschaft und Aktienmärkte sehr ernst.

Foto: DJE Kapital AG/andreas pohlmann

GEWINN: In den USA liegen die Zinsssätze für kurzlaufende Anleihen teilweise höher als für langlaufende. Bis auf ganz wenige Ausnahmen folgte auf diese ungewöhnliche Konstellation, die Experten „invertierte Zinskurve“ nennen, immer eine Rezession. Sollten wir uns daher auf einen Wirtschaftsabschwung in den USA einstellen?
Ehrhardt:  Einige nehmen das derzeit auf die leichte Schulter, aber ich finde, man sollte dieses monetäre Warnsignal durchaus ernst nehmen! Es zeigt jedenfalls, dass die US-Notenbank mit ihren Leitzinsanhebungen in den letzten Jahren zu stark auf die Bremse getreten ist und jetzt mit einer Zinssenkung gegensteuern musste. Es ist ja auch nicht so, dass unmittelbar auf eine Invertierung der Zinskurve sofort eine Rezession folgt. Oft ging es wirtschaftlich sogar kurzfristig noch bergauf, und die Aktienkurse erreichten neue Höchststände. Diese Veränderungen in der Zinslandschaft wirken langsam, können aber eine sehr große Wirkung entfalten.

GEWINN: Wie ansteckend wäre eine US-Rezession für die globale Wirtschaft?
Ehrhardt: Die USA sind, zumindest in US-Dollar berechnet, immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt. Und wenn dort die Investitionen zurückgehen, wie man aktuell bereits beobachten kann, wird man das auch in den Importländern wie etwa China oder in Europa deutlich merken. 

GEWINN: Generell ist ja das aktuelle Umfeld mit dem Handelskonflikt und zahlreichen geopolitischen Krisenherden weder für die Wirtschaft noch für die Aktienmärkte günstig. Sehen Sie diesbezüglich eine baldige Lösung?
Ehrhardt:  Im Kern geht es hier darum, dass sich die USA als führende Wirtschaftsmacht in ihrer Vormachtstellung durch den Aufstieg Chinas bedroht sehen. Und das ist unabhängig von Donald Trump, weil in dieser Angelegenheit sogar sehr viele Demokraten hinter ihm stehen. Und wie die Geschichte etwa beim antiken Rom und Kathargo gezeigt hat, können solche Aus­­einander­set­zungen sehr lange dauern. Ich würde daher nicht, wie aktuell viele Markt­teilnehmer, an der Börse auf ein schnelles Ende dieser Konflikte setzen. Die Chinesen haben sich schon auf einen langen Marsch eingestellt, und die Amerikaner werden wohl auch nicht nachgeben.

GEWINN: Wie sollen Anleger auf diese dunklen Zeichen reagieren?
Ehrhardt: Der Aktienmarkt ist dann ja nicht tot, sondern es verschiebt sich nur die Nachfrage. Auf der Aktienseite sollte man im Fall eines Wirtschaftsabschwungs vor allem Unternehmen aus zyk­lischen Branchen meiden, die dann weniger stark wachsen. Aber dafür werden wahrscheinlich scheinbar langweilige Versorgungs- oder Telekomunternehmen entdeckt, die auch in konjunkturellen Schwächephasen gebraucht werden. Schließlich ist das Geld ja nicht weg, sondern muss weiterhin investiert werden. Und es ist nicht davon auszugehen, dass alles nur auf dem Sparbuch oder bei Immobilien landet, bei denen ja auch kaum mehr interessante Renditen zu erwirtschaften sind. Ich denke, dass man im Fall eines ­globalen Wirtschaftsabschwungs mit dividendenstarken Unternehmen auch ohne Kursgewinn einen guten „Trostpreis“ hat.

GEWINN: In Österreich verfolgen viele die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland mit Sorge. Ist das eine vorübergehende Phase oder sehen Sie auch Anzeichen für ein strukturelles Problem?
Ehrhardt: Deutschland wurde, ähnlich wie Österreich oder die Niederlande, in den letzten Jahren durch den Euro quasi „gedopt“. Einerseits durch den aus deutscher Sicht zu niedrigen Wechselkurs, andererseits durch künstlich tiefe Zinsen. Das hat zu einer aus meiner Sicht ungesunden Entwicklung geführt. Vor dem Euro war Deutschland wirtschaftlich nur zu einem Viertel von den Exporten abhängig, mittlerweile ist es die Hälfte. Wir haben damit riesige Kapazitäten im Inland geschaffen, die nur bei einem Boom der Weltwirtschaft ausgelastet sind. Wir sind damit viel anfälliger für Schwächen der globalen Konjunktur, wie jetzt gerade eben.

GEWINN: In Ihren globalen Aktienfonds sind dennoch deutsche Aktien überrepräsentiert. Gehen Sie damit nicht ein hohes Risiko ein?
Ehrhardt: Ja, da haben Sie recht. Diese Investitionen sind jahrelang sehr gut gelaufen, weil wir aufgrund der Nähe zum deutschen Aktienmarkt einen Informationsvorsprung haben.  Zwar finden wir auch einige aktuell interessante Unternehmen aus de-
fensiven Branchen in Deutschland, aber wir werden dennoch tendenziell weniger auf dem Heimatmarkt investieren, auch wenn woanders, wie etwa in den USA, die Kursniveaus schon sehr hoch sind.

GEWINN: Sie haben 2018 in einem GEWINN-Interview Gold als antizyklisches Investment empfohlen. Seither ist der Goldpreis tatsächlich auf 1.500 USD gestiegen. Ist Gold nach dem Kursanstieg noch interessant?
Ehrhardt: In einer Zeit, in der Anleger selbst bei langlaufenden Staatsanleihen negative Renditen erhalten und die politische Lage unübersichtlich ist, ist eine Investition in Gold relativ gesehen vernünftig, auch wenn man dort keine Zinsen bekommt.

GEWINN: ETFs versprechen eine einfache und kostengünstige Geldanlage, die unabhängig vom Geschick oder Missgeschick aktiver Fondsmanager ist.Warum sollten Anleger dennoch in aktive Fonds vertrauen?
Ehrhardt: ETFs sind für Hausse-Phasen an den Börsen gut geeignet, weil viele zugrunde liegende Indizes von wenigen großen Unternehmen dominiert werden. Da können aktive Fonds, die sich nicht so stark auf einzelne Titel fokussieren, oft nicht mithalten. Aber umgekehrt sind ETFs dann in Abwärtsphasen anfälliger als aktive Fonds, die aufgrund ihrer Aktienselektion auf defensivere Titel setzen können.

Jens Ehrhardt live auf der GEWINN Messe 2019!

Jens Ehrhardt, einer der bekanntesten Vermögensververwalter und Fondsmanager im deutschsprachigen Raum, wird  auf der diesjährigen GEWINN-Messe am Donnerstag, 17. Oktober ab 19 Uhr an einer prominent besetzten Podiumsdiskussion zum Thema „Auswege aus der Zinswüste“ teilnehmen. Neben ihm werden mit Klaus Kaldemorgen und Hendrik Leber noch weitere bekannte Größen der Fondsbranche Platz nehmen. Ehrhardt verfügt als Gründer und Leiter von DJE Kapital über mehr als 45 Jahre Kapitalmarkterfahrung, die er als Interviewpartner oder gern gesehener Gast bei Talkshows in sehr pointierter Weise formuliert.

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