Kryptoindustrie - Wie die Technologie hinter Bitcoin Österreich verändert

Die Blockchain-Technologie hat wie das Internet in den 1990ern das Potenzial, Wirtschaft und Alltagsleben maßgeblich zu verändern. Einige heimische Unternehmen sind hier mittendrin, statt nur dabei und finden auch international große Beachtung. Ein Einblick in die reale Welt der virtuellen Geschäftsmodelle.

Foto: liuzishan - Thinkstock.com

Auf den ersten Blick wirkt alles recht konventionell: Das schicke Büro in der Innenstadt, Mitarbeiter, die an Schreibtischen sitzen und telefonieren oder am Computer arbeiten, Rechtsanwälte in Anzug und Krawatte, Schränke voll mit ganz gewöhnlichen Aktenordnern. Selbst die „hippen“ Jungunternehmer, die in Jeans und Kapuzenpulli am „nächsten großen Ding“ basteln, sind auch hierzulande schon weit verbreitet. Nur, dass sie an einem Thema arbeiten, das technisch, wirtschaftlich und letzten Endes gesellschaftlich so revolutionär ist, dass selbst die Pioniere in diesem Bereich jeden Tag vor Fragen gestellt werden, auf die sie keine Antwort haben.
„Ob es Bitcoin in dieser Form in fünf Jahren noch geben wird, kann ich nicht beantworten. Aber die dahinter liegende Blockchain-Technologie wird bleiben. Wir sehen, dass mehr und mehr Unternehmen auf dieser Technologie aufbauen. Es werden dadurch Geschäftsmodelle und Finanzierungsformen möglich, an die man vorher gar nicht gedacht hätte“, ist etwa Oliver Völkel überzeugt. Der Rechtsanwalt hat mit seinem Partner Arthur Stadler die erste Kanzlei in Österreich gegründet, die rechtliche Beratung in Bezug auf die sogenannte Blockchain-Technologie anbietet: „Wir fühlen uns so, wie sich die Rechtsanwälte in den 1990er-Jahren gefühlt haben müssen, als das Internet aufgekommen ist.“ Auch etliche andere heimische Unternehmen haben sich dieser Innovation als Basis für die Entwicklung verschiedenster Geschäftsmodelle vom Bitcoin-Händler bis hin zum  Steuerberater verschrieben. Die sogenannte Krypto-Indus­trie floriert in der Alpenrepublik.

Was steckt eigentlich dahinter?

Vereinfachend kann man sich die Blockchain-Technologie als eine „Vertrauensmaschine“ vorstellen. Diese Technologie stellt in einem dezentralisierten System sicher, dass sämtliche Daten korrekt sind und alle Teilnehmer des Systems über die exakt gleichen Informationen verfügen. Die Manipulation bestehender Daten wird dabei so gut wie ausgeschlossen. Damit ist zwischen den Teilnehmern eines Blockchain-Systems kein Vertrauen notwendig. Einander unbekannte Unternehmen oder Personen können über Kontinente hinweg – ohne sich wie bisher auf vertrauensstiftende Mittelsmänner oder Institutionen verlassen zu müssen ­­­– direkt miteinander Geschäfte oder Transaktionen abwickeln. Die erste und bekannteste Anwendung ist die Krypto-„Währung“ Bitcoin (unter Anführungszeichen, weil es rechtlich betrachtet keine Währung ist), die in den letzten Monaten aufgrund einer spektakulären Kursentwicklung und von Betrugsfällen Schlagzeilen gemacht hat.

Euphorie ungebrochen

Der aktuelle Kurseinbruch hat laut Paul Klanschek, Mitgründer und Co.-Geschäftsführer bei Bitpanda, die Euphorie in der Branche nicht gedämpft: „Es wird vielerorts als Weltuntergang dargestellt, man darf aber nicht vergessen, dass wir erst vor fünf Monaten erstmals das aktuelle Kursniveau erreicht haben. Die
meis­ten Beteiligten sind unabhängig ­davon nach wie vor vom Potenzial der Blockchain-Technologie überzeugt.“
Klanschek hat 2014 gemeinsam mit Eric Demuth und Christian Trummer Bitpanda als Handelsplattform für Krypto-Coins in Wien gegründet, weil sie den Handel mit Bitcoins in Europa genauso einfach und komfortabel machen wollten, wie es bis dahin nur in Asien oder den USA möglich gewesen war. Aus der dreiköpfigen „Start-up-Bude“ wurde innerhalb von drei Jahren ein Unternehmen mit mittlerweile über 50 fix angestellten Mitarbeitern, die aufgrund des raschen Wachstums auf mehrere Gebäude verteilt arbeiten. „Aber im September ziehen wir in den Campus Austria um, wo wir dann an einem Standort Platz für bis zu 150 Mitarbeiter haben“, freut sich Klanschek.

Trotz des Kurseinbruchs rechnet man bei Bitpanda heuer nach beachtlichen 600 Millionen Euro Handelsvolumen im Jahr 2017 mit einer Steigerung auf zumindest eine Milliarde Euro. Die Kunden stammen dabei aus der Europäischen Union mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. „Damit sind wir unseres Wissens nach die größte vergleichbare Handelsplattform in Europa“, schätzt der aus Kärnten stammende WU-Absolvent und ehemalige Profi-Poker-Spieler.

Max Tertinegg,  ein weiterer Pionier der Krypto-Industrie, startete von Graz aus 2014 mit Coinfinity, einer Handelsfirma für Krypto-Coins, und stellte damals bereits die ersten Bitcoin-Automaten Österreichs auf.
„Ausgehend davon hat sich das Geschäft mit der Online-Handelsplattform sehr gut entwickelt. Wir waren anfänglich zu zweit und heute sind wir bereits 17 Leute.“

Österreich als geeigneter Standort

Dass sich der Handel mit Bitcoins hierzulande schon relativ früh zu einem florierenden Geschäftsmodell entwickeln konnte, kommt dabei laut Arthur Stadler nicht ganz von ungefähr: „Meines Erachtens nach sind wir in Österreich in der sehr glücklichen Lage, dass hier der rechtliche Rahmen für Krypto-Währungen oder Blockchain-Anwendungsformen sehr wohl Innovationen erlaubt. Das beginnt damit, dass man hierzulande Krypto-Währungen etwa über Automaten verkaufen kann, ohne dass eine Banklizenz oder eine Zahlungsdienstleisterlizenz erforderlich ist. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man sich etwa die Situation in Deutschland ansieht.“

Außerdem gäbe es seiner Ansicht nach in Österreich einen durchaus rechtssicheren Rahmen für sogenannte Initial Coin Offerings (ICO), den momentan zweiten großen Anwendungsbereich der Blockchain-Technologie. ICOs stellen eine Finanzierungsform dar, die auf der Ausgabe von eigenen Coins beruht.
„Verbesserungen am Rechtsrahmen wären aber natürlich weiter begrüßenswert, gerade um den Wirtschaftsstandort zu stärken“, ergänzt Stadler.

Ständig Neuland betreten

Alle Protagonisten der heimischen Krypto-Industrie sind es dabei gewohnt, in  ihrem Job oder Geschäft ständig Neuland zu betreten. „Wir sind als Pioniere dabei, die rechtliche Seite auszuloten. Von österreichischen Behörden gibt es einige wenige Entscheidungen, von Gerichten in Österreich gibt es, so weit ersichtlich, noch gar keine Entscheidungen zu Krypto-Währungen oder Blockchain-Anwendungsformen, weil das Rechtsgebiet und die rechtlichen Themen dazu noch derart neu sind“, meint etwa Stadler, der gemeinsam mit seinem Kollegen Völkel an einem ersten Rechtshandbuch für dieses brandheiße Thema schreibt.

Auch der umtriebigen Grazer Steuerberaterin Natalie Enzinger ergeht es ähnlich: „Ich berate Firmen im Bereich der Krypto-Industrie zu steuerlichen Standardthemen, wie etwa der Einrichtung eines Buchhaltungssystems oder den ­Jahresabschluss. Nur sind es keine Standardthemen mehr, sobald es um Krypto-Währungen geht.“

Infiziert mit dem „Krypto-Virus“

Die auf das Krypto-Business spezialisierte Steuerberaterin wurde nach eigenen Angaben vor drei Jahren  von ihrem Klienten Max Tertinegg mit dem „Krypto-Virus“ infiziert: „Am Anfang war ich ein großer Skeptiker in Bezug auf Bitcoin, hab dann aber sehr rasch die Innovationskraft dahinter begriffen.“ Ihrer Ansicht nach würde die Blockchain-Technologie das Berufsbild des Steuerberaters und anderer Berufe extrem verändern: „Jene, die sich da mitentwickeln, werden bleiben, all jene, die diese Veränderung nicht wahrnehmen, werden Probleme haben.“

Zu ihren Klienten zählen Krypto-Händler, -Miner, -Software-Entwickler, aber auch private Anleger: „Glücklicherweise ist es eine so interessante Nische, dass ich auch Klienten ablehnen kann, wenn sie mir nicht seriös erscheinen. Das wird sich aber ändern und in zwei, drei Jahren wird jeder Steuerberater zu diesem Thema beraten.“ Aufgrund der negativen Berichterstattung hätten ihre Berufskollegen ihr auch schon vorgeworfen, sie würde „Bitcoin-Betrüger“ vertreten: „Dabei sind meine Klienten gerade jene, die steuerlich korrekt vorgehen wollen.“

Dabei sei es gar nicht so einfach festzustellen, was in Österreich „steuerlich korrekt“ bedeutet: „Es tauchen immer wieder neue Sachverhalte auf, wo nicht klar ist, wie diese steuerlich einzuordnen sind, weil es noch keine Judikatur gibt, auf die ich mich berufen kann.“ In Zweifelsfällen übemittelt sie dem Finanzamt eine Sachverhaltsbeschreibung, in der das Geschäft aus ihrer Sicht steuerlich eingeordnet wird. Wohlgemerkt, bevor der Kunde den Betrieb aufnimmt. Denn so habe die Finanz die Möglichkeit zu widersprechen: „Wenn man das unterlässt und mit dem Betrieb beginnt, können nachträglich Strafen drohen, wenn die Finanz das im Rahmen einer Betriebs­prüfung steuerlich anders einordnet.“

Katapultstart

Auch Riddle & Code hat einen erfolgreichen Katapultstart hingelegt und dafür laut Geschäftsführer Alexander Koppel bewusst Wien als Standort gewählt: „Wenn man als Anbieter für Krypto-Inf­rastruktur auftritt, ist ein Firmenstand­ort von Vorteil, der auch eine entsprechende Seriosität untermauert. Zweitens muss man in der Lage sein, entsprechend qualifizierte Mitarbeiter zu akquirieren. Das ist von Wien aus überraschend gut gelungen. Drittens haben wir Kunden in ganz Europa, die wir von Wien aus schnell erreichen können.“

Das junge Unternehmen sieht sich als Schnittstelle zwischen der Blockchain-Technologie und dem „Internet of Things“ und kann bereits nach einem Jahr auf zahlreiche namhafte Kunden wie Deuthsche Telekom oder Wien Energie verweisen: „Diese Unternehmen haben einen gemeinsamen Nenner. Sie möchten von ihren zentralis­tischen Geschäftsmodellen in die dezentrale Welt einsteigen und erkennen Blockchain als eine Möglichkeit dazu. Bei allen taucht dann irgendwann die Frage auf, wie man physische Objekte beziehungsweise Maschinen in einem Netzwerk eindeutig identifizieren kann. Und dazu brauchen sie uns. Wir verknüpfen das Objekt, die Maschine mit der Blockchain.“ Laut Koppel sind sie neben der US-Firma Chronicled weltweit derzeit die einzigen Anbieter von Soft- und Hardware in diesem Bereich.

Mittlerweile wird Österreich laut Stadler auch international als guter Hub für Unternehmen im Bereich der Krypto-Industrie  erkannt: „Es gibt aus dem umliegenden Ausland und vor allem aus Deutschland viele Unternehmen, die gerade das vermissen und deswegen nach Österreich kommen. So hat zum Beispiel unser Klient byte heroes, der international auftritt, letztes Jahr den ICO in Österreich, und nicht etwa in Malta, umgesetzt.“

Nicht alles eitel Wonne

Dennoch ist hierzulande nicht alles eitel Wonne. „Ich würde schon sagen, dass wir uns als kleines Land europaweit im oberen Drittel bewegen. Aber wenn man hierzulande ein Krypto-Business startet, kann man davon ausgehen, dass man am Anfang kein Bankkonto bekommt“, meint etwa Max Tertinegg.

„Das größte Manko in Österreich ist, dass es hier kein Risikokapital gibt“, stellt Klanschek von Bitpanda fest, wo gerade heftig am „nächsten, großen Ding“ geforscht wird. „Wir arbeiten unter anderem mit der TU Wien an der Entwicklung von Pantos, einem System, das es Nutzern ermöglichen soll, sehr einfach und problemlos ihre Coins oder Tokens von einer auf eine andere Blockchain zu mig­rieren, was derzeit nicht möglich ist.“ Die Entwicklung wird über ein ICO finanziert und soll als Open-Source-Modell der Community kostenlos zur Verfügung ­gestellt werden.

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.