„Man muss das Haus schon vor einem Sturm gebaut haben.“

Tassilo Seilern-Aspang, Chief Executive Officer und Leiter Research bei Seilern Investment, erklärt, wie man Unternehmen an den Börsen finden kann, die auch exogene Schocks wie Corona überstehen.

(Foto: Seilern Investment Management/ Chris Renton 2017)

GEWINN: Vor etwas mehr als einem Jahr kam es aufgrund der Ausbreitung der Covid-19-Pandemie weltweit zum rasches­ten Kurseinbruch der Börsengeschichte. Wie reagiert man im Management eines milliardenschweren Aktienfonds, wie dem Seilern World Growth Fund, auf einen derartigen Schock und die damit verbundene Unsicherheit?

Seilern: Ich glaube sehr wohl, dass man auch in unsicheren Situationen systematisch vorgehen kann. Und genau das haben wir gemacht. Wir haben mit unserem Team zunächst einmal ein aus unserer Sicht realistisches Worst-Case-Szenario für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der nächsten zwei Jahre geschätzt. In einem nächsten Schritt haben wir für jedes einzelne Unternehmen im Portfolio berechnet, wie stark es von diesem gesamtwirtschaftlichen Szenario betroffen sein könnte und ob es ausgehend von seiner Kostenstruktur, seiner Bilanz etc. dazu in der Lage sein sollte, diese erste Etappe zu überstehen. Und die Antwort auf diese Frage lautete bei allen Unternehmen im Portfolio „Ja“. Das war aber kein Zufall, denn wir suchen uns genau solche Firmen aus, die exogene unerwartete Schocks überstehen können.

GEWINN: Aber ein Unternehmen ist ja nicht deshalb schon eine gute Investition, weil es irgendwie die nächsten Jahre überstehen sollte, oder?

Seilern: Ja, deshalb haben wir uns in einem nächsten Schritt bei jedem Unternehmen angesehen, ob es genug Cash haben wird, um weiterhin zu investieren, und ob das Geschäftsmodell langfristig von der Pandemie gefährdet sein könnte. Und wir sind für unsere Unternehmen zum Schluss gekommen, dass der mögliche langfristige Effekt der Pandemie geringer ist, als der Kurssturz im März 2020 vermuten ließ. Der Markt hat in dieser Situation die Liquidität der Aktien wichtiger erachtet als den Wert der Unternehmen.

GEWINN: Viele stellen sich möglicherweise vor, dass Fondsmanager in so einem Börsencrash hektisch Aktien verkaufen und kaufen. Das war bei Ihnen demnach nicht der Fall?

Seilern: Wenn man sich in einem derartigen exogenen Schock befindet, ist es höchst unwahrscheinlich, dass man sich da „heraus traden“ kann. Man muss das Haus schon vor einem Sturm gebaut haben und dann im Sturm einfach Ruhe bewahren. Wir haben im Corona-Crash nur minimale Anpassungen gemacht, etwa weitere Aktien von Booking.com zugekauft. Viel entscheidender war die Arbeit, die wir in den Jahren davor gemacht hatten.

GEWINN: Anhand welcher Kriterien suchen Sie Unternehmen für Ihre Fonds aus?

Seilern: Wir folgen bei der Aktienauswahl zehn Kriterien, die wir als die „Zehn Goldenen Regeln“ bezeichnen. Wir investieren zum Beispiel nur in Unternehmen aus Branchen, die ein strukturelles und kein zyklisches Wachstum haben. Wie etwa der strukturelle Wandel von Bargeld zu elektronischem Geld, der auch von einer Rezession nicht gestoppt wird. Zweitens muss das Unternehmen am besten positioniert sein, um von diesem Wachstum zu profitieren, und über ein Geschäftsmodell verfügen, das organisch erweiterbar ist. Außerdem ist es entscheidend, dass ein Unternehmen sich nicht nur als First Mover einen temporären Wettbewerbsvorteil aufbaut, sondern auch langfristig in der Lage ist Mitbewerber fernzuhalten. 

GEWINN: Bei Seilern Investments liegt der Fokus  auf „Qualitäts-Wachstums-Unternehmen“. Wie definieren Sie denn „Qualität“?

Seilern: Ein wichtiges Kriterium ist zum Beispiel, dass das Unternehmen über viele Kunden verfügt und nicht von wenigen, großen Kunden abhängig ist. Das erhöht die Fähigkeit, die Preise selbst zu setzen. Zweitens suchen wir nach Firmen, die langfristig eine hohe Kapitalrendite erwirtschaften können. Das ist nämlich ein gutes Zeichen, denn bei den meisten Unternehmen sinkt die Kapitalrendite mit steigender Konkurrenz. Wir suchen auch nach Unternehmen, die nicht viel Kapital brauchen und hohe Cashflows generieren, weil diese ihr Wachstum selbst finanzieren können und sich dafür nicht verschulden müssen. Generell wollen wir nur Unternehmen, die wenig oder gar keine Schulden und eine simple Bilanz haben, wo wir die Risken verstehen, die damit verbunden sind. Hinter all diesen Kriterien steckt in Wahrheit gesunder Menschenverstand. Viel schwieriger ist es aber, die Disziplin zu bewahren und sich dran zu halten.

GEWINN: Können Sie Beispiele für Unternehmen nennen, die all diesen Kriterien entsprechen?

Seilern: Wir halten zum Beispiel Aktien von Alphabet seit über zehn Jahren in unserem Portfolio. Auch bei den Medizinprodukteunternehmen Stryker und Coloplast sind wir seit mehr als zehn Jahren investiert. Wir halten auch schon sehr lange Aktien des Kreditkartenunternehmens Mastercard, von United Health oder von Inditex, dem spanischen Modekonzern hinter bekannten Marken wie etwa Zara. Und bei uns ist es generell eher die Norm als die Ausnahme, dass wir Unternehmen derart lange im Portfolio halten.

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