Österreichische AGs an ausländischen Börsen

Warum notiert so manche Aktie heimischer Unternehmen nicht oder nicht ausschließlich in der Hauptstadt der kleinen, aber feinen Alpenrepublik, sondern an einer Börse im Ausland?

Ob am Bosporus (Foto) in Istanbul (Do&Co) oder an der Moldau in Prag (Erste Group, VIG), ob im polnischen Warschau (BUWOG, Immofinanz, Warimpex), in Frankfurt (BDI, BUWOG, C-Quadrat, S&T, Sanochemia) oder Zürich (ams) – so manche Aktie heimischer Unternehmen notiert nicht oder nicht ausschließlich in Wien (Foto: asikkk - Thinkstock.com)

In einem von der New York Times erstellten Ranking liegt Wien, nach Amsterdam und Frankfurt, auf dem dritten Platz um eine mögliche Nachfolge des Finanzplatzes London, wenn die Briten mit ihrem Brexit Ernst machen. Und tatsächlich hat das Lobbying um die Nachfolge bereits begonnen – ob für das hessische Mainhattan, Paris, Dublin etc. Auch wenn Wien sich in Sachen Lebensqualität nicht vor anderen EU-Hauptstädten verste­cken muss, so ist der größte Schwachpunkt sicherlich der recht unterentwickelte Finanzmarkt. Dieser Umstand mag  sich mit der geplanten Neuausrichtung der Wiener Börse weg vom Ost- und hin zum Westgeschäft zwar ändern, aber es ist davon auszugehen, dass Wien unmittelbar keine sehr großen Chancen im Rennen um die Nachfolge des wichtigsten Finanzplatzes der EU hat. Dabei ist der österreichische Finanzmarkt keineswegs „abgesandelt“, um es in Anlehnung an das prominente Zitat des Wirtschaftskammerpräsidenten Christoph Leitl zu formulieren, sondern verschenkt sein Potenzial weitestgehend. Durch die immer stärker werdende Regulierung des Marktes werden vor allem auch ausländische Investoren abgeschreckt und überlegen es sich zweimal, ob sie ein Geschäft in der Alpenrepublik wagen sollen.

Aktiengesellschaften mit Auslandsnotiz

Diese Tatsache zeigt sich auch bei einer TOP-GEWINN-Befragung von einigen Investor-Relation(IR)-Abteilungen österreichischer Aktiengesellschaften, die lediglich eine ausländische Börsennotiz besitzen, aber keine solche in Wien. So teilten die IR-Manager von S&T, ams und BDI mit, dass sie derzeit keinen Anreiz dafür sehen, ihre bestehende Auslandsnotiz um eine heimische an der Börse Wien zu erweitern.

Beim oberösterreichischen IT-Technologiekonzern S&T begründet man die alleinige und ausländische Börsennotiz an der Deutschen Börse in Frankfurt damit, dass die Investitionsbereitschaft in Deutschland deutlich höher sei und man genau an diese Inves­torenbasis adressieren wolle. Nach der 2012 erfolgten Verschmelzung mit der Quanmax wurde dementsprechend das Börsenlisting in Wien beendet und der Fokus somit auf die Frankfurter Börse gelegt. Auch die IR-Abteilung des steirischen Halbleiterherstellers ams argumentiert in eine ähnliche Richtung und begründet die Börsennotiz an der Schweizer Börse damit, dass die Wiener Börse zum Zeitpunkt des Börsengangs 2004 kaum Technologiekonzerne beheimatete und dass durch den relativ kleinen Finanzplatz kaum eine attraktive Investorenbasis gegeben sei. Auch die Argumentation von den Verantwortlichen des Maschinen- und Anlagenbauers BDI unterstrich die fehlende Attraktivität der Wiener Börse für einen international tätigen Konzern und deshalb sei die Börsennotiz in Frankfurt erfolgt.

AGs mit Bekenntnis zur Wiener Börse

Bei der zweiten Gruppe von Aktiengesellschaften – also jenen, die neben einer heimischen auch noch weitere ausländische Börsennotizen aufweisen – zeigt sich das Bild nicht ganz so einheitlich. Dies ergibt sich auch daher, dass die Unternehmen aus ganz verschiedenen Sektoren stammen. Was aber fast alle IR-Abteilungen gleichsam als Argument für eine Auslandsnotiz nannten, ist das Thema Werbung für das Unternehmen beziehungsweise Steigerung von dessen Visibilität im Zielmarkt. Auch der Kontakt zur ausländischen und internationalen Peergroup bzw. Community wurde häufig als Argument genannt. So wählte die BUWOG nach ihrer Abspaltung von der Immofinanz den Börsenplatz Frankfurt aus den vorgenannten Gesichtspunkten. Ihr Listing an der Warschauer Börse hingegen stammt zwar ebenfalls aus der Zeit der Abspaltung, ist aber mit der Zugehörigkeit von polnischen Pensionsfonds, welchen nur erlaubt ist, in ein Unternehmen der Warschauer Börse zu investieren, begründet. Es gilt natürlich ebenfalls für die Immofinanz, deren IR-Abteilung aber das Warschauer Listing noch mit dem Bekenntnis zur Region Ost­europa argumentiert. 

Bekenntnis zur CEE-Region

Für die Erste Group steht ihre Bindegliedfunktion zwischen Kapitalmärkten und ihren Kunden im Vordergrund. Darüber hinaus bekennt sie sich mit ihren Listings an der tschechischen und rumänischen Börse ebenfalls zur Region Osteuropa und leistet als Market-Maker einen entsprechenden Beitrag für die dortigen Kapitalmärkte. Auch betreibt die ­Erste Group Kapitalmarktforschung in den genannten Ländern.

Auch bei der VIG (Vienna Insurance Group) standen die strategische Ausrichtung und das starke Bekenntnis zur CEE-Region im Vordergrund der Börsennotiz in Prag.

Warimpex begründet ihre Börsenotiz an der Warschauer Börse vor allem mit dem höheren Bekanntheitsgrad, den das Unternehmen in Polen hat. Auch schien zum Zeitpunkt des Börsengangs 2007 der polnische Markt überaus dynamisch und chancenreich. Auch das schon zuvor erwähnte Aufkommen von polnischen Pensionsfonds, die überwiegend in heimische Börsen investieren, gab den Ausschlag zum Listing in Polen.

Zu geringe Liquidität an der Wiener Börse?

Bei der Fondsgesellschaft C-Quadrat liegen die Gründe für eine Zweitnotiz in Frankfurt – neben einem kostenlosen Werbeeffekt auf dem deutschen Markt und der Vernetzung und Vergleichbarkeit mit anderen Unternehmen aus der Branche – auch vor allem an den geringen Umsätzen von „Small Caps“ (kleineren Unternehmen) an der Wiener ­Börse.

Das Catering-Unternehmen Do&Co sieht zwar auch die Nachteile seiner ausländischen Börsennotiz wie die zusätzlich zu beachtenden Regularien und die Berichterstattung in der Fremdsprache, aber schlussendlich überwiegen die Vorteile ihres Istanbuler Listings. Da wären etwa das höhere Handelsvolumen, die damit verbundene ­bessere Liquidität und nicht zuletzt die Wichtigkeit des türkischen Marktes für Investoren.

Kaum Technologiewerte 

Gänzlich anders gelagert waren die Beweggründe des Chemiekonzerns Sanochemia, als dieser seine Aktien 1999 im Neuen Markt an der Deutschen Börse listete. 

Getrieben von der Hoffnung, ein europäisches Pendant zur US-Technologiebörse NASDAQ für zukunftsträchtige Branchen gefunden zu haben, wurde das Unternehmen schließlich vom Zusammenbruch des Marktsegments stark getroffen. Doch ungeachtet dessen stammt aus dieser Zeit das Listing des Unternehmens an der Frankfurter Börse, wo 70 Prozent der Unternehmensanteile gehandelt werden.

Es zeigt sich also, dass der österreichische Finanzmarkt für sich allein genommen für einige Aktiengesellschaften nicht attraktiv genug ist. Diesen Umstand rasch zu ändern und die Attraktivität der Wiener Börse auch vor allem für ausländische Investoren zu erhöhen liegt in den Händen der verantwortlichen Politiker.

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