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Reaktanz – der Reiz des Verbotenen

Auf viele Kinder übt Cola gerade deshalb einen so großen Reiz aus, weil ihre Eltern es ihnen verbieten ­dieses koffeinhältige Getränk zu trinken.

(Foto: Andrii Shablovskyi – GettyImages.com)

Kleine Kinder haben eine Vorliebe für süße Getränke. Und den meisten Kindern wird dieser Wunsch auch erfüllt. So dürfen sie frei zwischen Himbeer- und Apfelsaft, Zitronen- und Orangenlimonade oder selbstgemachtem Hollersaft von der Oma wählen. Aber in den meisten Fällen endet für die Kinder die freie Wahl, wenn es um Cola geht. Und gerade das Verbot dieses braunen klebrigen Getränks führt oft dazu, dass Kinder es umso lieber haben wollen und dafür auch bereit sind ihre Eltern anzubetteln, im Haushalt zu helfen oder Cola heimlich hinter dem Rücken der Eltern zu trinken.

Auch auf Erwachsene übt das Verbotene oft einen ganz besonderen Reiz aus. So soll etwa Katharina die Große versucht haben, der russischen Bevölkerung Kartoffeln besonders schmackhaft zu machen, indem sie Kartoffelfelder einzäunen und bewachen ließ. Die bis dahin kaum beachteten, frei zugänglichen Kartoffeln sollten dadurch einen ganz besonderen Reiz ausüben, weil auf einmal der Zugang versperrt war.

Jetzt erst recht!

Diese Motivation zur Wiederherstellung einer (wahrgenommenen) eingeschränkten persönlichen Freiheit wird in der Psychologie „Reaktanz“ genannt – ein Konzept, das von Jack W. Brehm 1966 erforscht und beschrieben wurde. Dieser Prozess läuft dabei folgendermaßen ab: Erstens, jemand nimmt eine persönliche Freiheit wahr. Zweitens wird diese Freiheit bedroht oder eingeschränkt. Drittens reagiert man darauf, indem man die verloren gegangenen Alternativen aufwertet. Unter dem Motto: „Was man nicht mehr wählen kann, wird einem umso wichtiger.“ Viertens versucht man in Folge, sich diese Freiheit wieder zurückzuholen. Und wenn es sein muss, sind dazu alle Mittel recht: Man ist stur und bockig und macht genau das Gegenteil von dem Verhalten, zu dem man gezwungen bzw. angeregt werden soll. Manchmal kommt es auch zu Feindseligkeiten oder Aggression – vor allem auch gegenüber dem „Übeltäter“, der für die Einschränkung verantwortlich ist.

(Bar-)Geld macht frei

Gerade auch, wenn es um Geld geht, fühlen sich viele Menschen sehr rasch ihrer Freiheiten beraubt. So ist etwa der Aufschrei gerade hier in Österreich immer dann groß, wenn sich Experten für eine Abschaffung von Bargeld aussprechen. Selbst teilweise Einschränkungen, wie das von der Europäischen Kommission vorgeschlagene 10.000-Euro-Limit für Bargeldzahlungen, rufen bei einem großen Teil der Bevölkerung heftige Widerstände hervor. Selbst wenn sich in der Praxis die tatsächlichen Einschränkungen durch das 10.000-Euro-Limit bei den meisten Menschen in Grenzen halten sollten. Wann haben Sie das letzte Mal bzw. jemals eine Rechnung über 10.000 Euro in bar gezahlt?

Viele Menschen schätzen auch ganz besonders die freie Wahl bei ihrer Geldanlage: Allerdings kommt es gerade bei beliebten Investmentfonds vor, dass die Fondsgesellschaft temporär keine weiteren Anteile eines bestimmten Bestsellerfonds mehr verkaufen kann, weil dieser schlichtweg zu groß geworden ist. Manche Anleger wenden sich dann im Fall eines sogenannten Closings „beleidigt“ von dieser Fondsgesellschaft ab, ohne sich ähnliche Fonds, die von diesem Anbieter als gute Alternativen präsentiert werden, überhaupt näher anzusehen.

Tipps

Wenn man das Gefühl hat, dass einem jemand Freiheiten wegnehmen oder beschränken will, sollte man trotzdem versuchen, möglichst „kühlen Kopf“ zu bewahren und nicht automatisch stur auf seine Freiheiten pochen. Besser sollte man sich bemühen, auf Basis der (veränderten) Rahmenbedingungen und von objektiven Informationen rationale Entscheidungen zu treffen. Das kann in vielen Fällen zielführender sein, als zu versuchen, seine bisherigen Freiheiten mit allen Mitteln zu verteidigen. Wenn Sie Kollegen, Mitarbeiter, Freunde etc. zu einer Handlung oder Verhaltensänderung motivieren möchten, sollten Sie berücksichtigen, dass Reaktanz genau das Gegenteil bewirken kann („Boomerang-Effekt“). Statt diese Personen mit Druck zu zwingen, sollten sie daher eher versuchen, sie in die Entscheidungen miteinzubeziehen. Geben Sie im bes - ten Fall den anderen mehrere Alternativen (die allesamt das Problem lösen) zur Auswahl und lassen Sie die Betroffenen selbst die passende Alternative aussuchen.

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