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Wasserstoff-Investments

Grüner Wasserstoff wird beim Kampf gegen den Klimawandel eine Rolle spielen – welche, ist allerdings noch nicht ganz klar. Damit tun sich für Anleger hier riesige Potenziale bei mindestens ebenso großen Risken auf.

(Fotos: Best Content Production Group – GettyImages.com, Krafla – GettyImages.com; Bildbearbeitung: GEWINN)

Das Thema Klimaschutz lässt kaum jemanden kalt. Vor allem bei Diskussionen, wie die Klimaziele erreicht werden sollen, prallen häufig gegensätzliche Meinungen aufeinander. Insbesondere, wenn es um die Frage geht, welchen Beitrag dabei „grüner“ Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energiequellen hergestellt wird, leisten kann bzw. soll.

Auch an der Börse scheint es für Wasserstoffinvestments nur Extreme zu geben: Kursvervielfachungen und starke Korrekturen gehören bei Aktien von Unternehmen der Wasserstoffwirtschaft zum Alltag, was Clemens Klein, Fondsmanager der Erste Asset Management, anhand eines Beispiels illust - riert: „Die Aktien des US-Unternehmens Plug Power haben von Jahresbeginn bis Mitte August knapp 18 Prozent verloren. Aber auf Fünf-Jahres-Sicht sind sie immer noch über 1.600 Prozent im Plus. Das ergibt eine durchschnittliche jährliche Rendite von über 76 Prozent“, und er ergänzt: „Was diesmal anders ist als in den vergangenen Zyklen, ist der massive politische Wille und der finanzielle Stimulus, welcher in die Förderung der Wasserstoffzellen fließt. Damit kann man diesmal den technologischen Durchbruch schaffen, davon sind wir überzeugt.“

Politischer Wille

Der Hintergrund: Der im Dezember 2019 von der EU-Kommission vorgestellte „European Green Deal“ mit dem Ziel, bis 2050 in der EU die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren, führt zu einer Verschärfung bisher gesteckter Klimaziele. Die EU-Führungsspitzen billigten das neue verbindliche EU-Ziel, die Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union bis zum Jahr 2030 netto um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu verringern. Die EU hat dazu auch eine dreistufige Wasserstoffstrategie erarbeitet, mit dem Ziel einer signifikanten Kostenreduktion bis 2050 bei sogenanntem „grünen“ Wasserstoff. Die Bedeutung von Wasserstoff für die Klimaneutralität geht aber weit über den Umfang der EU-Strategie hinaus. Laut der Internationalen Energieagentur könnte sich die weltweite Nachfrage nach Wasserstoff bis 2050 versechsfachen. Derzeit werden weltweit 90 Millionen Tonnen Wasserstoff erzeugt und verbraucht, wobei die Produktion im Moment noch fast ausschließlich auf fossilen Rohstoffen (z. B. Erdgas und Kohle) beruht.

Schwerverkehr und Industrie

Das Potenzial könnte laut Johannes Trüby, Managing Director im Bereich Energy Markets & Modelling bei Deloitte, sogar noch größer sein: „Unsere Studie ,Hydrogen4EU‘ kommt zu dem Schluss, dass – sollte die EU den Green Deal umsetzen und bis 2050 klimaneutral werden – über 100 Millionen Tonnen Wasserstoff alleine in der EU verbraucht werden könnten. Das entspricht einer Verzehnfachung des derzeitigen Verbrauchs“, und er ergänzt: „Die Umstellung auf Wasserstoff ergibt nur Sinn, wenn dieser auch emissionsarm hergestellt wird.“

Am größten ist der Bedarf im Verkehrssektor und in der Industrie. „Wir schätzen, dass wir im Jahr 2050 einen Wasserstoffverbrauch von über 50 Millionen Tonnen im Verkehrssektor haben könnten, wenn die Klimaneutralitätsziele erreicht werden. Innerhalb des Verkehrssektors wird der Wasserstoff hauptsächlich im Schwerlastverkehr, in der Schifffahrt und im Flugverkehr eingesetzt.“

Und ein weiterer stark wachsender Teil der Nachfrage kommt laut Trüby aus der Industrie: „Unsere aktuelle Studie zeigt beispielsweise, dass 2050 die Industrie rund 40 Prozent der Wasserstoffnachfrage in der gesamten EU ausmachen könnte. Allen voran steht die Verwendung von Wasserstoff in der Stahlindustrie als Reduktionsmittel und Energielieferant.“

Aufbruchstimmung

Laut Industriewissenschaftlichem Institut beschäftigen sich allein in Österreich bereits 180 Unternehmen mit Wasserstofftechnologie und erzielen damit 730 Millionen Euro Jahresumsatz. So betreiben etwa Verbund und Siemens gemeinsam mit Voestalpine in Linz eine Pilotanlage zur Wasserstoffelektrolyse mit dem langfristigen Ziel der Erzeugung von Eisen und Stahl ohne Kohle und Koks.

Ein „Hidden Champion“ mit enormen Entwicklungspotenzial in der Wasserstoffwirtschaft ist die in Innsbruck ansässige und in Wien und München börsennotierte Wolftank Adisa Holding. Das Öko-TechUnternehmen entwickelte eine Beschichtung für Erdgaspipelines, die diese für den Wasserstofftransport tauglich macht. Ein weiteres neues Standbein sind Wasserstofftankstellen. Dazu Peter Werth, CEO von Wolftank: „Es werden allein in der EU gemäß dem European Green Deal weit über 5.000 Betankungsanlagen bis 2030 benötigt. Unsere Rolle ist es, einen signifikanten Marktanteil der Betankungsinfrastruktur zu besetzen, und zwar mit unseren modularen flexiblen Wasserstofftankstellen in Containerbauweise, in hoher Verfügbarkeit und kurzer Bauzeit.“

Wasserstoffnutzfahrzeuge

Aufbruchstimmung herrscht auch in Frankreich: Dazu Karin Kirchner, Direktorin Kommunikation Schweiz-Österreich bei Renault: „Vor einigen Wochen haben Renault Group und Plug Power, Weltmarktführer für schlüsselfertige Wasserstofflösungen, das neue Gemeinschaftsunternehmen Hyvia gegründet.“

Das Ziel dieser Kooperation ist die Entwicklung leichter Nutzfahrzeuge mit Brennstoffzellenantrieb, Ladestationen und die Versorgung mit regenerativ erzeugtem Wasserstoff, aber auch Wartungstätigkeiten. „Die ersten drei Brennstoffzellenfahrzeuge von Hyvia auf Basis des Renault Master werden Ende 2021 in Europa an den Start gehen. Die integrierte Wasserstofftechnologie von Hyvia ergänzt die E-TechTechnologie von Renault und erhöht die Fahrzeugreichweite auf 500 Kilometer bei einer kurzen Aufladezeit von drei Minuten.“

Wie investieren?

„Die Wasserstofftechnologie profitiert zum einen von steigender Nachfrage und sinkenden Produktionskosten – langfristig wird die Wirtschaftlichkeit erreicht werden. Der Versuch zu timen, wann dies sein wird und welche Aktien davon profitieren, ist denkbar schwierig. Daher ist im Wasserstoffbereich Diversifikation das Gebot der Stunde“, betont der Fondsmanager Clemens Klein.

Anleger sollten deshalb nur einen geringen Teil ihres Gesamtportfolios auf derart enge Nischenthemen setzen und in mindestens fünf Aktien investieren, um das Risiko zu streuen. Besser noch, man setzt auf Wasserstoffaktienfonds und -ETFs, Zertifikate oder über Öko- oder Klimaschutzfonds, die das Thema auch abdecken. So sind etwa die von Klein gemanagten Fonds „Green Invest“ als auch der „Erste WWF Stock Environment“ zu jeweils fünf Prozent in Wasserstofftiteln investiert.

Fonds: Als erster, reiner Wasserstoffaktienfonds ist der GG Wasserstoff Fonds von Hansainvest auf dem Markt. Mit rund 35 Werten eine Mischung aus reinen Wasserstoffaktien und Firmen mit signifikantem Wasserstoffumsatzanteil.

ETFs: Kostengünstig können Wasserstoffindizes mit börsennotierten Indexfonds (ETFs) abgedeckt werden. Beispiele sind der L&G Hydrogen Economy-ETF, der den aus 32 Aktien bestehenden Solactive-HydrogenEconomy-Index abbildet. Der VanEck-Hydrogen-Ecnonomy-ETF bildet den 25 Werte enthaltenden MVIS-Global-Hydrogen-Economy-Index ab, der die Themen „Wasserstoff“, „Brennstoffzellen“ und „Industriegase“ kombiniert und dabei die beiden Brennstoffzellen-Pioniere Plug Power und Ballard Power Systems, den niedergeprügelten Brennstoffzellen-Truck-Hersteller Nikola, Mitsubishi Chemical und Air Liquide am stärksten gewichtet.

Zertifikate: Das HVB-Open-Index-Zertifikat bildet den Global-Hydrogen-Index und damit die Entwicklung von 20 Firmen ab, die im Bereich der Entwicklung und Produktion von (grünem) Wasserstoff, Wasserstoffantrieben und Brennstoffzellen engagiert sind. Zehn Werte aus den Bereichen Wasserstoffproduktion und Brennstoffzellen enthält hingegen das von Morgan Stanley emittierte Zertifikat auf den E-Mobilität-Wasserstoff-Index. Einen anderen Zugang bietet die Société Générale mit ihrem Zertifikat auf den Solactive-Hydrogen-Index, dessen 15 Werte rund um das Thema Wasserstoff mittels einem von Solactive entwickelten Algorithmus zur Verarbeitung natürlicher Sprache anhand Schlüsselwörtern selektiert werden. Ein weiteres Zertifikat der französischen Bank deckt diesen Index ohne US-Werte ab.

Einzelaktien nur für Mutige Für alle jene, die es bei diesem ohnehin spekulativen Investmentthema wagen, in Einzelaktien zu investieren, zählen Plug Power, Ballard Power, Fuelcell Energy, Bloom Energy, McPhy Energy und Ceres Power zu möglichen Basisinvestments.

„Als sogenannter „Pure Play“ gefällt uns etwa Plug Power immer noch sehr gut, weil das Unternehmen mehrere Teile der Wertschöpfungskette abbildet und sehr strategisch vorgeht. Mit dem Bau einer Gigafactory für Elektrolyseure (Anm. Geräte zur Herstellung von Wasserstoff) und aktiven Verträgen mit namenhaften Firmen wie Renault, Walmart oder Amazon ist Plug Power gut für das kommende Wachstum im Wasserstoffbereich gerüstet“, meint etwa Klein.

In Bezug auf die Unternehmen im Bereich Wasserstofferzeugung ergänzt der Fondsmanager: „Wir denken, dass verschiedene Technologien koexistieren können. So gibt es auch bei der Elektrolyse drei konkurrierende Technologien, welche alle ihre Rolle in der Energiewende spielen werden. Sich heute festzulegen, welche der Technologien sich durchsetzen wird, ist sehr schwierig“, und er ergänzt: „Wir sind sowohl in Nel als auch ITM Power investiert, haben aber auch noch andere Firmen im Portfolio, welche im Bereich der Elektrolyse tätig sind – beispielsweise Ceres Power.“ Bosch will 2024 mit der Serienfertigung dezentraler Kraftwerke auf Basis der Festoxidbrennstoffzellen-Technologie beginnen und hat dazu eine vertiefende Zusammenarbeit mit Ceres Power vereinbart.

Ballard Power erhielt von Siemens Mobility den Auftrag für die Herstellung von 200-Kilowatt-Brennstoffzellenmodulen eines ZweiWagen-Personenzugs. Aussichtsreich sind mittelfristig insbesondere Brennstoffzellen für Busse (z. B. Tata in Indien oder Solaris). Weitere Chancen bieten Ballard-Brennstoffzellen für Trucks und Schiffe.

FuelCell Energy baut, betreibt und wartet kleine Brennstoffzellen-Kraftwerke, die mit Erdgas und Biogas betrieben werden, und bietet auch Anlagen zur Wasserstoffproduktion an.

Bloom Energy stellt Unternehmen FestoxidBrennstoffzellenkästen zur Stromversorgung zur Verfügung und erwirtschaftete 2020 bereits 794 Millionen Dollar Umsatz.

McPhy Energy ist ein führendes Unternehmen für die alkalische Elektrolyse unter Druck und bietet eine breite Palette an Elektrolyseuren an. Ein weiteres Standbein sind Wasserstofftankstellen.

Cell Impact beliefert Brennstoffzellenhersteller mit Fließplatten, die bei der Brennstoffzellenproduktion benötigt werden.

Als solide größere Unternehmen sollten Linde und Air Liquide in keinem Wasserstoffportfolio fehlen, denn auch sie bauen das Wasserstoffgeschäft kontinuierlich aus.

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