„Wir befinden uns wieder am Anfang eines neuen Konjunkturzyklus...“

...und das ist laut Gunter Deuber, dem neuen Leiter von Raiffeisen Research und Chefanalysten der Raiffeisen Bank Inter­national, in Kombination mit niedrigen Zinsen immer ein sehr positives Umfeld für die Aktienmärkte.

„Wir sehen die Old Economy wieder stärker in den Fokus rücken.“ Gunter Deuber, Leiter von Raiffeisen Research (Foto: GEWINN)

GEWINN: Das Börsenjahr 2020 war global gesehen deutlich besser, als man angesichts der Corona-Pandemie und dem damit verbundenen Wirtschafts­einbruch annehmen könnte. In ihrem ­aktuellen Ausblick für 2021 sind Sie sehr optimistisch in Bezug auf die Aktienmärkte. Woher kommt der Optimismus?

Deuber: Unserer Ansicht nach, steht und fällt an den Aktienmärkten heuer alles mit einer spürbaren Konjunkturerholung. Hier sehen wir durchaus positive Nachrichten vonseiten der Corona-Impfungen. Ja, wir sehen sogar die Chance, dass diesbezüglich noch die eine oder andere zusätzliche positive Meldung kommt. Denn wir dürfen nicht unterschätzen, dass jene Pharma-Firmen, die jetzt Genehmigungen bekommen haben, alles daran setzen werden, möglichst viel davon auf den Markt zu bringen. Außerdem gibt es ja auch klar die Bereitschaft der Regierungen, hier entsprechend mehr zu kaufen. Somit erwarten wir im Basisszenario ein sukzessives Überwinden der Corona-Pandemie, einhergehend mit einer weiterhin stark expansiven Geld- und Fiskalpolitik.

GEWINN: Gleichzeitig scheint aber die Bereitschaft relativ gering zu sein, sich impfen zu lassen. Gibt’s da nicht Zweifel, dass möglicherweise die Bevölkerung nicht mitspielen wird?

Deuber: Ja, die Impfskepsis ist gerade auch in Österreich und in Deutschland ein sehr großes Thema. Aber wir denken, dass sich letztendlich eine gewisse Akzeptanz einstellen wird, wenn sich zeigt, dass diese Impfungen Schutz bieten und keine gravierenden Nebenwirkungen haben. Vor allem dann, wenn mit smarten Anreizsystemen gearbeitet wird. Dass zum Beispiel Personen, die sich impfen lassen, geringere Einschränkungen im Alltag haben und schneller in die Normalität zurückkehren können.

GEWINN: Die Aktienmärkte haben sich 2020 sehr unterschiedlich entwickelt. Vor allem US-Aktien, und da wiederum große IT-Unternehmen, waren sehr gefragt. Kann das so weitergehen?

Deuber: Ja diese Aktien sind im letzten Jahr tatsächlich besonders gut gelaufen. Das macht sie daher auch anfälliger für mögliche Gewinnmitnahmen. Und es gibt auch hier einige regulatorische Themen in Bezug auf die Marktmacht beziehungsweise den Wettbewerb, die durchaus Herausforderungen für diesen Sektor mit sich bringen könnten. Wir erwarten zwar keine massiven Kurseinbrüche, aber das Kurspotenzial könnte dadurch begrenzt werden.

GEWINN: Welche Regionen, welche ­Sektoren sollten von einem Aufschwung im heurigen Jahr besonders profitieren?

Deuber: Wir sehen die Old Economy wieder stärker in den Fokus rücken. Also die klassischen Value-Aktien, die auch besonders unter den Restriktionen gelitten haben, und bisher vernachlässigte Sektoren – defensiver Konsum, Energie, Versorger, Immobilien – könnten durchaus wieder interessanter werden. Vielleicht auch etwas kleinere Märkte, wie etwa der Wiener Markt und auch die Emerging Markets. Die haben einiges aufzuholen, weil sich in und nach der Krise viele Investoren auf die großen liquiden Märkte fokussiert haben.

GEWINN: Sie schätzen in Ihrem aktuellen Ausblick etwa, dass der ATX bis Jahresende auf 3.200 Punkte klettern sollte, der DAX bis auf 15.800 Punkte und der S&P-500 auf 4.200 Punkte. Auf welcher Basis kann man derartige Prognosen treffen?

Deuber: Wir setzen uns diesbezüglich mit den Bewertungen der Aktienmärkte auseinander, das Kurs-Gewinn-Verhältnis etwa spielt dabei immer eine entscheidende Rolle, es bildet auch das Gewinnwachstum mit ab. Und für uns ist immer auch die Dividendenrendite von großer Relevanz.

GEWINN: Und wie schätzen Sie das ­Gewinnwachstum für 2021 ein? Viele Unternehmen haben ja aufgrund des Wirtschaftseinbruchs massiv zu kämpfen?

Deuber: Also an den Börsen geht es überwiegend um die Großunternehmen, die bisher in Summe mit wenigen Ausnahmen – wie zum Beispiel der Luftfahrtbranche – relativ gut durch die Krise gekommen sind. Und damit sind bei einem Anspringen der Konjunktur auch recht schnell wieder Gewinnsteigerungen möglich. Auf volkswirtschaftlicher Ebene gibt es allerdings das Problem, dass viele kleine und mittelständische Betriebe vielleicht die Krise nicht so gut überstehen werden.

GEWINN: Die Prognosen der meisten Experten für die Aktienmärkte 2021 fallen äußerst positiv aus. Was könnte die angesagte Börsen-Party noch vermiesen?

Deuber: Ich bin generell auch sehr skeptisch und hinterfrage immer, ob nicht ein wesentlicher Punkt übersehen wird. Aber im Moment ist es echt schwer, als Analyst eine konträre Sicht einzunehmen. Wir sind ja quasi zurück an den Start gegangen und befinden uns damit wieder am Anfang eines neuen Konjunkturzyklus. Und das ist auch in Anbetracht der Zinssituation immer ein sehr positives Umfeld für die Aktienmärkte. Wobei wir erwarten, dass wahrscheinlich das erste Halbjahr noch positiver verlaufen könnte als das zweite Halbjahr, weil im späteren Verlauf des Jahres auch Sorgen darüber aufkommen können, wie nachhaltig denn diese Entwicklung ist. Negativ wäre es, falls es Anzeichen geben sollte, dass bei Mutationen des Virus bisherige Fortschritte bei der Impfung möglicherweise hinfällig werden. Oder falls in Asien, insbesondere in China, die Pandemie wieder stark ausbrechen sollte. Ich glaube, dann müsste man das Basisszenario hinterfragen.

GEWINN: Welche Erwartungen haben Sie abseits der Aktienmärkte, etwa bei Anleihen, Edelmetallen, Rohstoffen?

Deuber: Ich glaube im Staatsanleihenbereich ist wirklich nichts zu erwarten, außer vielleicht eine ganz leichten ­Renditebewegung nach oben in den USA. Aber das ist sicher nicht attraktiv genug, um die Anlageklasse für Neuinvestitionen interessant zu machen. Auch die europäischen Benchmark-Anleihen bleiben weiterhin alle im negativen Renditebereich. Als Substitut dafür werden weiterhin Unternehmensanleihen angesehen. Ansonsten ist der festverzinsliche Wertpapierbereich zumindest für Privatanleger völlig unattraktiv. Wir erwarten, dass sich beim Gold, das für viele Privatanleger sehr interessant ist, im heurigen Jahr eine Plateaubildung zeigt. Unsere Prognosen für den Goldpreis liegen nur noch bei 1.600 bis 1.650 US-Dollar zum Jahresende. Was logisch ist, in Anbetracht der erwarteten, deutlichen zyk­lischen Erholung. Entsprechend sollte sich im Gegenzug beim Ölpreis weiter eine klare Erholung fortsetzen. Wir sehen daher im Einklang mit dem konjunkturellen Aufschwung den Ölpreis zum Jahresende bei 58 Dollar.

GEWINN: Derzeit drückt die geringere Nachfrage des Privatsektors trotz Billionen an Staatsausgaben die Inflation. Ist zu erwarten, dass mit der angekündigten Erholung der Wirtschaft auch die Inflation kräftig ansteigt?

Deuber: Sie haben recht, wir haben eine Nachfragestimulierung. Aber wir werden bis zum Jahr 2022 oder 2023 brauchen, bis wir in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt das Vorkrisenniveau wieder erreicht haben werden. Wir haben es volkswirtschaftlich mit einer negativen Output-Lücke zu tun. Das heißt, bis wir die Kapazitäten überhaupt erst wieder voll auslasten, bis der Arbeitsmarkt wirklich anzieht, das wird sicher nicht vor 2023, 2024 passieren. Im heurigen Jahr wird es zunächst darum gehen, wieder auf ein normaleres Maß der Inflation zu steigen. Denn derzeit sind die Inflationsraten in Europa ja sogar leicht negativ, was natürlich mit dem extremen Energiepreisrückgang zu tun hat und teilweise auch mit Steuersenkungen und Ähnlichem. Diese Effekte werden 2021 auslaufen und in die Gegenrichtung wirken. In Richtung Jahresmitte, zweite Jahreshälfte kann die Inflation in Europa in den Bereich von 1,5 bis 1,7 Prozent nach oben ziehen. Das ist erstmal ein deutlicher Anstieg von derzeit sogar leicht negativ oder nahe null. Das sollte aber sicher noch nicht als Vorbote eines deutlichen Anstiegs auch in den Folgemonaten gesehen werden. Längerfristig, in der zweiten Hälfte der Dekade, sieht das Bild möglicherweise ganz anders aus.

GEWINN: Der US-Dollar hat nach ­Jahren einer starken Entwicklung zuletzt in Relation zu anderen Währungen an Att­raktivität eingebüßt. Ist das ein ­anhaltender Trend?

Deuber: Verschiebungen im Bereich der Leitwährung und der Reservewährung, das sind Trends, die dauern Jahrzehnte. Also eine Dollar-Schwäche auf Sicht der nächsten Jahre jetzt daraus herzuleiten, halte ich für etwas übertrieben. Wir sehen den Dollar heuer leicht schwächer als den Euro mit 1,23 bis zur Jahresmitte 2021 als Ziel. Aber wir erwarten jetzt nicht die drastische Abschwächung bzw. eine ganz große Euro-Stärke, da der Zinsvorteil des US-Dollar zum Euro bleiben wird.

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