„Wir sehen Zeichen für das Überschreiten des Konjunkturgipfels!“

Für Julien Marcilly, Chefvolkswirt vom Kreditversicherer Coface, deutet im Interview in Paris vieles darauf hin, dass der Höhepunkt des Konjunkturzyklus überschritten wurde und die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen steigen wird.

„Wir konnten in Umfragen feststellen, dass die Bevölkerung die wirtschaftliche Lage deutlich schlechter einschätzt, als sie tatsächlich ist.“ Julien Marcilly, Chefvolkswirt von Coface, bei der Coface-Konferenz 2019 in Paris (Foto: Coface)

GEWINN: Die Wirtschaft scheint sich nach Jahren starken Wachstums etwas einzu­bremsen. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Marcilly: 2018 konnte die Weltwirtschaft  trotz einiger Hindernisse, wie etwa politischer Risken oder dem Anstieg der Ölpreise, das Wachstum noch auf 3,2 Prozent und damit auf demselben Niveau wie 2017 halten. Aber gegen Ende letzten Jahres zeichnete sich durch eine Vervielfachung der Erschwernisse ein Rückgang des Wachstums ab, was auch die Erwartungen für heuer eintrübt. Daher liegt unsere Prognose für heuer bei 3,0 Prozent Wachstum und damit etwas niedriger als letztes Jahr. Für die Euro-Zone erwarten wir 1,6 Prozent Wachstum nach 2,5 im Jahr 2017 und 1,9 Prozent im letzten Jahr.

GEWINN: Haben wir damit den Zenit im Konjunkturzyklus bereits überschritten?
Marcilly: Ja, es deutet vieles darauf hin. In der Euro-Zone etwa sind die Produktionskapazitäten zu 84 Prozent ausgelastet. Das ist sehr nahe an den Höchstständen der letzten Konjunkturzyklen. 2007, 2001 und 1991 lag die Kapazitätsauslastung auch jeweils bei 85 Prozent. Außerdem zeigt sich, dass Unternehmen zusehends Probleme bei der Rek­rutierung von Mitarbeitern haben. Selbst in Ländern wie Frankreich, in denen die Arbeitslosenrate noch vergleichsweise hoch ist. Beides sind typische Zeichen für das Überschreiten des Konjunkturgipfels.

GEWINN: Die Industrie zeigt ja auch erste Schwächen, oder?
Marcilly: Das erste Mal seit fünf Jahren ist das Wachstum der industriellen Produktion  in Europa negativ. Der Abschwung seit Anfang des letzten Jahres markiert damit das Ende des Expansionszyklus der europäischen Industrie. Wir bei Coface haben für einige europäische Länder unsere eigenen Vorlaufindikatoren entwickelt, die sehr stark mit der tatsächlichen Entwicklung des Wirtschaftswachstums korrelieren. Und diese Indikatoren zeigen uns, dass der Rückgang des Wachstums anhalten wird. In Italien erwarten wir etwa für die indust­rielle Produktion weiterhin negatives Wachstum, in Deutschland ein Wachstum sehr nah an der Nulllinie. In Frankreich ist es etwas besser, wenn auch mit einer Tendenz zur Verlangsamung. Generell werden die europäischen Unternehmen 2019 die Auswirkungen einer Verlangsamung des weltweiten Wirtschaftswachstums zu spüren bekommen.

GEWINN: Wie stark sind Europas Unternehmen von den protektionistischen Maßnahmen der US-Regierung betroffen?
Marcilly: Bisher war der direkte Impact auf europäische Unternehmen eher gering. Sind die europäischen Unternehmen damit resistent gegen diese Maßnahmen? Nein, überhaupt nicht. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Wenn die USA eine Erhöhung der Einfuhrzölle auf chinesische Waren durchführen, trifft das indirekt auch Zulieferer der chinesischen Wirtschaft, die von außerhalb kommen. So ist etwa Deutschland der wichtigste Zulieferer für die chinesische Automobilindustrie. Wir haben ein Modell entwickelt, um diese indirekten Effekte weltweit in über 100 Ländern quantifizieren zu können. Wenn die USA die Einfuhrzölle für ein Land wie etwa China um ein Prozent erhöhen, dann sinken bei den Handelspartnern dieses Landes die Exporte nach China weltweit im Durchschnitt um 0,5 Prozent.

GEWINN: Wen trifft es aus Ihrer Sicht am härtesten?
Marcilly: Der Maschinenbau und der Automobilsektor sind global gesehen am stärksten betroffen. In den meisten Branchen sind die Auswirkungen auf die europäischen Unternehmen ähnlich wie global. Unterschiedlich starke Auswirkungen gibt es etwa in der chemischen Industrie, auf die es auf globaler Ebene kaum ­einen Effekt hat, aber im Gegensatz dazu europäische Unternehmen trifft. Eine Erklärung könnte sein, dass wir in Europa in dieser Industrie Wettbewerbsvorteile und Weltmarktführer ­haben, die stärker betroffen sind. In der Elektronikindustrie ist das Verhältnis genau umgekehrt, hier wird Europa überhaupt nicht getroffen, während die Auswirkungen global spürbar sind.

GEWINN: Wird das aus Ihrer Sicht als  weltweit aktiver Kreditversicherer zu mehr Unternehmenspleiten führen?
Marcilly: Wir bei Coface gehen davon aus, dass die Anzahl der Insolvenzen in 24 von 39 Ländern, für die es entsprechende Daten gibt,  heuer steigen wird. Diese Länder umfassen rund 65 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Damit ist der Anstieg der Insolvenzen breiter als in den beiden Jahren davor. Auch in Europa wird es in 20 der 27 Länder, für die wir die Daten erheben, im Jahr 2019 mehr Insolvenzen geben als im letzten Jahr. 2018 war das nur in 16 Ländern der Fall. Und nur bei zehn Ländern im Jahr 2017. Das zeigt einen ganz klaren Trend nach oben, wobei es hier große regionale Unterschiede gibt. In gewissen Ländern wie etwa Portugal sinkt die Zahl der Insolvenzen. In Deutschland stagniert sie. Dagegen gibt es Länder mit steigenden Insolvenzzahlen, wie etwa Polen, Ungarn, Italien oder das Vereinigte Königreich mit den bekannten Problemen aus dem Brexit.

GEWINN: Steuern wir damit auf eine neue Euro-Krise zu?
Marcilly: Die gute Nachricht ist: Im Unterschied zum letzten Mal sind die Unterschiede in Bezug auf die Inflationsraten und Wachstumsraten in den Mitgliedsländern der EuroZone deutlich gesunken und waren noch nie so niedrig wie heute. Das gilt auch für die Leis­tungsbilanzen. Was schließen wir daraus: Die Konjunkturzyklen sind heute in der Euro-Zone immer ähnlicher, immer stärker synchronisiert. Das ist aber nicht der einzige Fortschritt, der im Lauf der letzten Jahre in Europa erreicht werden konnte. Das Budgetdefizit der gesamten Euro-Zone ist quasi auf null zurückgebracht worden. Der Anstieg der Gehälter war in den letzten Jahren nicht so stark wie heute, und die Arbeitslosenrate, die über zwölf Prozent lag, ist auf unter acht Prozent gesunken.

GEWINN: Trotz dieser Fortschritte regt sich in vielen Ländern massiver Protest, etwa durch die „Gelbwesten“-Bewegung hier in Frankreich. Wie lässt sich das erklären?
Marcilly: Wir konnten in Umfragen feststellen, dass die Bevölkerung die wirtschaftliche Lage deutlich schlechter einschätzt, als sie tatsächlich ist. Wir haben die Bewohner gefragt, an welcher Stelle sie ihr Land im Ranking der 200 größten Volkswirtschaften der Welt sehen. Die Ergebnisse waren verblüffend: In allen Ländern, ohne Ausnahme, unterschätzt die Bevölkerung tendenziell die wirtschaftliche Leistung ihres Landes. Das Vereinigte Königreich ist heute die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die Briten schätzen aber im Durchschnitt, dass sie nur an zwölfter Stelle liegen. Ähnlich in Frankreich, das aktuell an siebenter Stelle liegt. Die Franzosen glauben aber, wir seien bloß an fünfzehnter Stelle. Wir haben auch eine Frage gestellt, die einen viel unmittelbareren Einfluss auf die Frustration in der Bevölkerung hat. Wie hoch ist die Arbeitslosenrate in Ihrem Land? In Deutschland etwa ist die Arbeitslosenrate mit 3,4 Prozent aktuell am niedrigsten, aber die Deutschen schätzen die Rate auf 20 Prozent ein. In Frankreich liegt die offizielle Arbeitslosenrate bei neun Prozent, aber wir glauben, sie liege bei 30 Prozent.Wer hat recht? Die Statistik oder die Wahrnehmung der Bevölkerung? Wer auch immer recht hat, dieses Gefühl der Frustation führt zu einem Anstieg der politischen Risken in Europa.

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