Zündet jetzt endlich die Kursrakete?

Die Wiener Börse ist trotz Aufholjagd noch Galaxien vom Hoch im Jahr 2007 entfernt. Gute Konjunkturdaten und eine Rückkehr der Ostphantasie könnten jetzt für den nötigen Anschub sorgen.

Im Vergleich zur Deutschen Börse oder den US-Börsen konnten auf dem heimischen Aktienmarkt die Kurse seit der Finanzkrise noch nicht so richtig zünden (Foto: suriya silsaksom – Thinkstock.com, Hemera Technologies – Thinkstock.com; amoklv – Thinkstock.com)

An den Weltbörsen wurden aus den biblischen „sieben, fetten Jahren“ mittlerweile acht. Denn seit März 2009 dringen die internationalen Aktienmärkte – lediglich unterbrochen durch kurze Zwischenkorrekturen – in bis dato ungesehene Höhen vor. Wer mutig und glücklich zum Börsentief im Frühjahr 2009 einstieg, kann sich bei österreichischen Aktien, gemessen am ATX, immerhin über eine Kursverdoppelung  freuen. Ein schöner Erfolg, allerdings nur relativ. Denn die deutschen Aktien legten gemessen am DAX-Kursindex in diesem Zeitraum um knapp 150 Prozent zu und US-Titel schnellten sogar um rund 250 Prozent nach oben. ­GEWINN analysiert daher, wie groß die Chancen sind, dass unsere Austroaktien doch noch mit einem Turboeffekt einen fulminanten Spätstart hinlegen.

Wien ist anders

Die Wiener Börse ist in den letzten Jahrzehnten schon öfters ob ihres exzentrischen Verhaltens aufgefallen. Dabei gab es eine Mega-Hausse vom Herbst 2002 bis zum Juli 2007, in der sich die Kurse „unserer“ Aktien verfünffachten und der 20 Werte umfassende ATX-Aktienindex seinen bisherigen his­torischen Höchststand von 5.010 Punkten erzielte. Aber, wer hoch steigt, der kann auch tief fallen: Wien zählte mit einem Minus von 72,5 Prozent im Zeitraum vom Juli 2007 bis März 2009 zu den größten Verlierern in der „Nach-Lehman-Baisse“.
Während unter der Führung der Wallstreet einige Märkte seither sogar neue historische Höchststände erzielen konnten, dümpelt der ATX gerade einmal knapp über der Hälfte seines bisherigen Gipfelwertes dahin. Positiv formuliert: Um ihre alten historischen Höchststände wieder zu erzielen, können die Austro-Aktien noch 77 Prozent zulegen, nur wenige Börsen haben ein so tolles Nachholpotenzial . . .

„Aktienwunder“ in Wien

Blicken wir weit zurück, so war Wien sogar einmal die weltweite Finanzmet­ropole und dabei eine der wichtigsten Rohstoffbörsen. Mit dem massiven Börsencrash von 1873 sorgte der heimische Finanzplatz dann nach einer beispiellosen Spekulationsphase auch eine Weile für negative Schlagzeilen. Eher bekannt ist dann noch die „Dornröschenwachküssphase“, in der durch einen Beitrag des internationalen Investors Jim Rogers im US-Finanzwochenblatt „BARRONS“ die Wiener Börse als einer der interessantesten Randmärkte empfohlen wurde und damit eine spektakuläre Hausse auslöste.

Der Fall des Eisernen Vorhanges spielte dann Österreich neuerlich ins Zentrum des internationalen Interesses, Wien wurde sofort als wichtigste Drehscheibe für West-/Ostgeschäfte erkannt und die Mehrheit der börsennotierten Aktien tätigten gute Geschäfte mit den Staaten des ehemaligen Ostblockes.
Wien hat sich dann im Laufe der Jahrzehnte von der belächelten „Wild-Ost-Börse“ zu einem kleinen, aber feinen internationalen Aktienplatz gemausert. Die „wilden Pubertätsjahre“ sind vorbei und die meisten globalen Aktieninvestoren haben Wien auf ihren „Radarschirmen“, womit gemeint ist, dass Wien als Nebenschauplatz einer gewissen Beobachtung und der Analyse etlicher „Häuser“ unterliegt.

Unterbewertete Aktien

Natürlich dürfen wir uns da nichts vormachen, denn international werden wir irgendwo zwischen den Börsen von Istanbul (größer als Wien), Nigeria (Afrikas Hoffnungsmarkt) und Kolumbien (aktuelle Modebörse) eingeordnet.

Aber„Yesterdays losers can be tomorrows winners“ ist der Hoffnungssatz aus dem Wallstreetjargon, auf den wir auch setzen können. Tatsächlich ist in einer fortgeschrittenen Haussephase die Suche nach vergessenen und noch fair bewerteten Börsen durchaus üblich – eine weitere Chance für uns. Die faire und im historischen Vergleich noch immer attraktive Bewertung ruft dabei Analysten auf den Plan: Mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn bis zwölf auf Basis der für 2018 erwarteten Gewinne und einem Verhältnis von Kurs- zu Buchwert von 1,1 und einer Dividendenrendite von über drei Prozent ist Wien im internationalem Vergleich sehr attraktiv.

Hohe Liquidität

Eine weitere berechtigte Hoffnung liegt in der schrittweisen Umschichtung von den immer noch enormen Cashbeständen in Richtung Aktien, insbesondere da jetzt auch die Anleihenmärkte in Erwartung steigender Zinsen geringe Chancen bieten. Noch ist die Risikobereitschaft vieler Investoren sehr gering, aber steigende Kurse ziehen steigenden Mut nach sich, und der Mangel an Alternativen bei unverändert unat­t­raktiven Geld- und Rentenmarktzinssätzen könnte schrittweise zu Investments in Dividendentitel führen.
Mit der erhofften Erholung der Weltwirtschaft könnte beispielsweise das Zent­ral- und Osteuropa-Thema wieder interessant werden – eine Schlüsselszene für die heimische Börse. Springt einmal der ATX kräftig an und eilt er wieder über die 3.000er-Marke hinaus, wird dies auf den Radarschirmen“ mit Sicherheit registriert.

Auf Momentum setzen!

Beim Kursverlauf des ATX zeigt sich zwar ein lehrbuchmäßiger Aufwärtstrendkanal, der sich immer wieder durch trendbestätigende Formationen auszeichnet. Aber nach einem Plus von 40 Prozent seit Juni 2016 könnte wieder einmal eine Verschnaufpause erwartet werden. Die Strategie sollte daher aktuell eher noch auf „Abwarten“ ausgerichtet sein, wobei attraktive Werte an schwachen Tagen zugekauft werden können. Im Falle eines Rückschlages liegen aber bereits bei 2.650 und bei 2.520 wichtige Unterstützungszonen. Kann hingegen die wichtige 3.000er-Marke nach oben durchbrochen und gehalten werden, könnte der ATX lo­cker weitere zehn Prozent zulegen. Da müssen natürlich die Indexschwergewichte mitspielen, wobei eine freundliche Stimmung bei den beiden Banken- und etwas Konjunkturoptimismus den Industrieaktien helfen sollte.

Wohl wissend, dass die Luft in den höheren Regionen dünner wird, sollten die Investoren eher dem Trend folgen, das heißt bei neuen ATX- Jahreshöchstständen den Optimismus teilen und noch „aufspringen“ und bei Einzeltiteln eher auf jene Werte setzen, die schon im Aufwärtstrend sind und daher ein „Momentum“ aufweisen. Aktien, die attraktiv erscheinen, aber bis jetzt nicht gelaufen sind, sollte man hingegen weiterhin meiden. Anleger, die noch gar nicht inves­tiert sind, sollten etappenweise Positionen aufbauen.

Empfehlenswerte Einzeltitel

Folgende Aktien werden dabei von den Aktienanalysten empfohlen:
Andritz ist ein breit aufgestellter Technologiekonzern mit Schwerpunkten im Anlagebau für Wasserkraftwerke, die Papier- und Zellstoffindustrie. Die Auftragslage mit Orders über ein Jahr hinaus und die guten Konjunkturperspektiven in China und Indien sind neben der über drei Prozent liegenden Dividendenrendite positive Faktoren. Analysten bewerten die Aktie im Durchschnitt mit „Aufstocken“ und erwarten ein Kursziel von 55 Euro.

Palfinger zählt zu den weltweit führenden Herstellern von hydraulischen Hebebühnen und Hebelösungen und ist Weltmarktführer etwa bei Ladekranen. Palfinger sollte von höheren Inf­rastrukturausgaben und einer anziehenden Konjunktur profitieren. Die Aktie ist laut Analysten ein „Kauf“ mit einem Kursziel bei 38 Euro.

Das oberösterreichische Unternehmen Polytec ist ein führender Hersteller von hochwertigen Kunststoffteilen und verfügt über 24 Standorte mit über 4.000 Mitarbeitern. Im Kernbereich Pkw liegt eine gute Auftragslage vor, wobei das Unternehmen immer wieder durch Innovationen aufhorchen lässt. Trotz der jüngsten Kursanstiege weist die Aktie attraktive Kennzahlen auf. Im Durchschnitt bewerten Analysten Polytec mit „Aufstocken“ und setzen das Kursziel bei rund 15 Euro.

Mit einer Rendite von 5,7 Prozent zählt die Österreichische Post zu den „Dividendenkaisern“ im ATX. Trotz entsprechender Konkurrenz in einigen Segmenten ist von einer stabilen Ertragslage auszugehen. Die Post wird von Analys­ten mit „Halten“ eingestuft. Das Kursziel liegt im Schnitt bei 34,5 Euro.

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