Bitcoins & Co

Dezentrale, digitale (Krypto-)Währungen sind heute so weit wie das Internet im Jahr 1993 – unausgereift, aber mit gewaltigem Potenzial. GEWINN skizziert Chancen und Risken von Bitcoins als Zahlungsmittel und Geldanlage.

Magdalena Isbrandt, Geschäftsführerin der Bit-Trust Services GmbH, die Anfang Feb­ruar das „House of Nakamoto“ in der Wiener Mariahilfer Straße eröffnet hat. Hier kann man Bitcoins kaufen und verkaufen (z. B. am Bitcoin-Automaten) und sich unverbindlich über das Thema informieren (Foto: Peter Schmidt)

Auf die Frage: „Kann man bei Ihnen auch mit Bitcoins bezahlen?“, antwortet der Kellner so selbstverständlich mit „Ja, gerne“ – als ob es das Normalste der Welt wäre, sein Mittagessen in einem Wiener  Lokal mit der digitalen Währung zu bezahlen. Der Bezahlvorgang mit Bitcoins ist dabei recht unspektakulär und funktioniert mit einer speziellen Handy-App (digitale Geldbörse) genauso schnell und reibungslos wie mit der Bankomatkarte. Transaktionen dieser Art sind im Vergleich zu herkömmlichen bargeldlosen Zahlungen via Überweisung, Bankomat- oder Kreditkarte derzeit noch so selten wie die „Blaue Mauritius“: Aktuell finden weltweit rund 240.000 Bitcoin-Transaktionen pro Tag statt, während herkömmliche Banken mehr als eine Milliarde und damit rund 4.000-mal mehr bargeldlose Geldtransfers abwickeln. Mit zwölf Millionen Menschen weltweit hat nur eine verschwindend kleine Minderheit derzeit auf ihrem Smartphone eine digitale Geldbörse für Bitcoins installiert. Doch das könnte sich nach Ansicht vieler Experten relativ rasch ändern.

Was ist Bitcoin eigentlich?

Bitcoin steht einerseits für eine neue digitale Währung, die auch in herkömmliche Währungen wie z. B. Euro  konvertierbar ist. „Aber das an sich ist noch nicht neu. Auch das Geld, das wir auf der Bank liegen haben, ist digital. Das Revolutionäre daran ist, dass man über das Bitcoin-Netzwerk erstmals weltweit von Nutzer zu Nutzer direkt und gänzlich ohne Banken oder andere Intermediäre Geld verschicken kann“, erklärt Max Tertinegg, Mitgründer und Geschäftsführer von Coinfinity, dem größen heimischen Bitcoin-Händler.

Die wichtigsten Grundlagen des Bitcoin-Systems legte ein Programmierer bzw. ein Kollektiv (das ist bis heute nicht geklärt) 2008 unter dem Pseu­donym Sathosi Nakamoto fest: „Ein für jedermann frei zugängliches Netzwerk mit gleichberechtigten Teilnehmern, die alle auf ihrem Computer den sogenannten Bitcoin-Client ausführen und über das Internet miteinander verbunden sind, um Transaktionen durchzuführen“, erklärt Elfriede Sixt, Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin, die Firmen mit Internet-Geschäftsmodellen berät und 2016 ein Buch über Bitcoins veröffentlicht hat.

2009 ging das Bitcoin-Netzwerk online, und einige Pioniere führten damit die ersten Transaktionen durch. Dabei wird bei jeder Transaktion von sogenannten „Minern“ überprüft, ob die Bitcoins nicht schon einmal ausgegeben wurden, und erst danach in der „Blockchain“ festgeschrieben. Das ist eine dezentrale Datenbank, in der in einer langen Kette alle Transaktionen seit dem Tag null aufgereiht sind. Im System ist auch fixiert, dass die Menge aller Bitcoins auf maximal 21 Millionen begrenzt ist.

„Was einmal in die Blockchain geschrieben wurde, kann nachträglich nicht mehr verändert werden. Als Belohnung für die zur Verfügung gestellte Rechenleistung erhalten die Miner Bitcoins“, erklärt Magdalena Isbrandt, Geschäftsführerin der Bit-Trust Services GmbH, die Anfang Februar das „House of Nakamoto“ in der Wiener Mariahilfer Straße eröffnet hat. „Wir sehen dieses Geschäftslokal als eine Art Keimzelle, in der wir den Kauf von Bitcoins und Beratung sowie Platz für Unternehmensgründer in diesem Bereich anbieten und das Thema mit Informationsveranstaltungen der Öffentlichkeit näher bringen wollen“, beschreibt ­Mathias Roch, Gründer und Miteigentümer.

Praktischer Nutzen

„Bitcoins haben als Zahlungsmittel bei digitalen Geschäftsmodellen und Zahlungen im Internet unbestreitbare Vorteile. Aufgrund der Schnelligkeit und der geringen Kosten vor allem dort, wo es um Kleinstbeträge geht“, beschreibt Sixt ein Einsatzgebiet, in dem Bitcoins ihre Vorteile auch in westlichen Indust­rieländern voll ausspielen können. Für den Einkauf im Supermarkt oder die Bezahlung im Restaurant braucht es ihrer Ansicht nach keine Bitcoins, weil hier die bargeldlose Bezahlung mittels Bankomat oder Kreditkarte reibungslos funktioniert und zumindest aus Sicht des Konsumenten kostenlos ist. Ganz anders stellt sich die Situation laut
Isbrandt in anderen Ländern dar, wo das Bankensystem nicht so gut ausgebaut ist: „Es gibt Milliarden Menschen ohne Bankkonto. Aber ein Handy haben fast alle. Dank Bitcoin haben sie erstmals Zugang zu bargeldlosen Geldtransfers in die ganze Welt.“

Als konkretes Beispiel für den praktischen Nutzen von Bitcoins erzählt Max Tertinegg von einem österreichischen Kunden, der in Kambodscha lebt: „Der hat Probleme, Geld von Österreich nach Kambodscha zu bekommen, weil es mehrere Tage dauert und sehr teuer ist. Er kauft bei uns Bitcoins, schickt sie nach Kambodscha und tauscht sie dort gleich in die lokale Währung. Für ihn sind Bitcoins nur ein Medium zum Werttransfer.“

Und die heftigen Kursschwankungen? „Die sind ihm egal, weil er die Bitcoins ja ohnehin zeitnah verkauft.“ Prinzipiell kann man Bitcoin-Transaktionen kostenlos durchführen. Eine Bestätigung im Netzwerk kann aber einige Stunden dauern. Um den Vorgang zu beschleunigen, kann  man freiwillig eine kleine Gebühr (z. B. 50 Cent bis einen Euro) hinzufügen. Damit wirft man den Minern quasi einen „Knochen“ hin, um sie zur schnelleren Bearbeitung der Transaktion zu motivieren.

Schlechter Ruf

In ihrer relativ jungen Geschichte haben sich Bitcoins laut Ralf Beck, Professor an der Fachhochschule Dortmund, einem Experten für innovative Geschäftsmodelle im Bankenbereich, „einen schlechten Ruf eingehandelt. Zum einen, weil Bitcoins für den Handel mit illegalen Waren genutzt werden. Dabei sind die Transaktionen nicht wirklich anonym, sondern können von Behörden mit etwas Aufwand auch konkreten Personen zugeordnet werden. Man muss da schon zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um anonym zu bleiben. Bargeld ist im Vergleich viel anonymer.“

Zweitens wurden bereits mehrere Bitcoin-Börsen wie etwa Mt.Gox im Jahr 2014 oder zuletzt Bitfinex gehackt und dort deponierte Bitcoins im Wert von Millionen Euro entwendet. „Wenn aus dem Safe einer Bank Gold gestohlen wird, würde auch niemand Gold als unsicher bezeichnen, sondern eher die Sicherheit der Bank anzweifeln“, verteidigt Isbrandt die Krypto-Währung.

Als „Geld“ möchte Beat Weber, Ökonom bei der Oesterreichischen Nationalbank, Bitcoins nicht bezeichnen: „Geld muss drei Funktionen erfüllen. Erstens muss es eine verlässliche Recheneinheit sein, um einzuschätzen, was ich mir damit kaufen kann. Zweitens muss Geld eine halbwegs stabile Kaufkraft  bieten, damit man einen Wert aufbewahren kann, und drittens, dass ich damit im Alltag zahlen kann. Bitcoins erfüllen diese Kriterien nur sehr bedingt.“  

Noch keine Regulierung

Vonseiten der Finanzmarktaufsicht steht man neuen Technologien wie Bitcoins „neutral“ gegenüber. „Wir wollen derartige Innovationen nicht verhindern, wir haben aber auch keinen gesetzlichen Auftrag, das zu fördern. Wir weisen jedoch auf die großen Risken hin, weil diese Systeme derzeit noch nicht reguliert und beaufsichtigt sind. Broker brauchen zum Beispiel noch keine Finanzmarktkonzession. Ein Geschädigter wird hier schwer einen Ansprechpartner finden“, meint  Klaus Kumpfmüller, Vorstand der FMA. Die Europäische Kommission arbeite laut Kumpfmüller an einer Regulierung. Bereits 2017 wird in einem ersten Schritt durch die Geldwäscherichtlinie auch Bitcoin-Brokern vorgeschrieben werden, dass sie die Identität ihrer Kunden feststellen müssen. 

„Bitcoin befindet sich heute dort, wo sich das Internet 1993 befunden hat. Die Technologie war da, aber zu kompliziert in der Anwendung“, meint Tertinegg. Auch Stefan Erlich, Leiter der Redaktion des Verbraucherportals Kritische-Anleger.de, sieht das ähnlich: „Bitcoins haben zwar das Potenzial, zu einem seriösen und sicheren Zahlungsinstrument zu werden, allerdings muss dafür zum einen die breite Akzeptanz noch verbessert und zum anderen die Technik so vereinfacht werden, dass auch weniger technikversierte Menschen damit problemlos und mit Vertrauen umgehen können.“

Laut Experten wie Professor Wolfgang Prinz vom Fraunhofer-Institut ist das eigentlich Spannende die dahinter liegende Blockchain-Technologie: „Sie könnte auch in vielen anderen Bereichen, etwa bei Wertpapiertransaktionen, wesentliche Kosteneinsparungen, bringen.“ Am Fraunhofer-Institut wird deshalb in einem Blockchain-Labor an weiteren Verwendungsmöglichkeiten etwa für das Internet der Dinge geforscht. Auch einige Großbanken und Nationalbanken, wie die Schwedische Reichsbank, arbeiten intensiv an einer möglichen Nutzung von Blockchain-Systemen in ihrem Bereich.

Internet-Gold

In Industrieländern werden Bitcoins bisher mehrheitlich als Spekulationsobjekt gesehen, das manche rasch reich, andere arm gemacht hat, wie der äußerst volatile Kursverlauf zeigt.

„Bitcoins haben ähnliche Charakteristika wie Gold. Sie sind unabhängig vom Staat, sind in der Menge begrenzt und gut handelbar. Wer über ein größeres Vermögen verfügt, der kann aus meiner Sicht durchaus einen sehr kleinen Teil auch in Bitcoins halten, allerdings weniger wegen der möglichen Wertsteigerungen – die können kommen oder auch nicht –, sondern wegen der Eigenschaften als Versicherung für einen möglichen Notfall“, rät Erlich. Kauf und Verkauf sind dabei laut Steuerberaterin Sixt von der Umsatzsteuer befreit. Kursgewinne sind  in der Steuererklärung gegebenenfalls  auszuweisen und werden mit dem individuellen Einkommensteuersatz besteuert.

Wo bekommt man Bitcoins?

Für Neugierige, die sich diesem Thema mit ein paar Euro spielerisch nähern wollen, gibt es im Wesentlichen drei Wege, um Bitcoins zu erhalten. Erstens selbst zum „Miner“ zu werden: Einfach die kostenlose Software auf dem Computer installieren und mit dem Netzwerk verbinden, um derart neue Bitcoins zu „schürfen“. „Für Privatanwender ist das aber mittlerweile zu vergessen, weil die Stromkos­ten höher sind als das, was man damit verdienen kann“, weiß Tertinegg aus Erfahrung.

Zweitens könnte man als Händler oder Dienstleister seine Leistungen gegen Bitcoins anbieten, was bereits mehr als 100.000 Firmen weltweit tun. Darunter befinden sich so bekannte Unternehmen wie Microsoft, Tesla oder Dell. Laut www.coinmap.org akzeptieren auch in Wien 43, in Graz 14 Unternehmen Bitcoins als Zahlungsmittel.

Die dritte und naheliegendste ­Möglichkeit wäre es, Bitcoins zu kaufen: Der Handel ist etwa über On-
line-Marktplätze wie Coinfinity oder bitcoin.de möglich. Dazu braucht man nur ein klassisches SEPA-Bank-Konto und kann nach einer Registrierung Bitcoins handeln. Die Gebühren für diese Handelsplätze liegen bei 0,6 bis ein Prozent des gehandelten Volumens.

Die gekauften Bitcoins kann man dann in seiner digitalen Brieftasche oder auch bei manchen Brokern deponieren. Für die Einrichtung einer digitalen Geldbörse muss man eine entsprechende App auf seinem Smartphone installieren, die es kostenlos für alle Betriebssysteme gibt. Tertinegg empfiehlt die App „Copay“, „weil sie einen vor der ersten Transaktion zu einem Back-up zwingt. Denn sonst ist das Geld weg, wenn man das Handy verliert. Ganz so wie bei richtigem Bargeld auch.“

Manche Broker wie bitcoin.de bieten auch die Möglichkeit, Bitcoins zu deponieren: „Wir haben 98 Prozent der Bitcoins unserer Kunden offline gespeichert, wodurch sie vor dem Zugriff durch Hacker gesichert sind“, betont Oliver Flaskämper, Vorstand der Bitcoin Deutschland AG, die gemeinsam mit der Fidor Bank Deutschlands einzigen Bitcoin-Handelsplatz betreibt.

Ebenso kann man Bitcoins an Bitcoin-Automaten in Wien, Graz und Wiener Neustadt (Details www.coinfinity.co) kaufen, was aufgrund der Gebühren von aktuell vier Prozent eher für kleinere Beträge sinnvoll erscheint. 

Österreichweit kann man Bitcoins auch in 3.000 Trafiken in Form von Gutscheinen erwerben. Hier liegen die Gebühren mit acht Prozent noch höher, womit man die Fans der virtuellen Währung rasch auf den „harten Boden“ der physischen Welt zurückholt.

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