Für (fast) kein Geld der Welt – Besitztumseffekt

Viele Menschen trennen sich ungern von Dingen, die sich in ihrem Besitz befinden und messen ihnen einen höheren Wert zu als jene, die diese Gegenstände auch haben wollen, aber noch nicht besitzen.

(Foto: Sam Edwards – GettyImages.com)

Immer mehr Menschen nutzen die Möglichkeit über Online-Plattformen gebrauchte Gegenstände zu verkaufen. Viele haben dabei die Erfahrung gemacht, dass die Preisvorstellungen von Verkäufern und Käufern häufig weit auseinanderklaffen und Menschen einen Gegenstand wertvoller einschätzen, wenn sie ihn besitzen, als wenn er ihnen (noch) nicht gehört.

Mit anderen Worten: Jemand, der einen Gegenstand besitzt, verlangt tendenziell einen höheren Preis beim Verkauf als er bereit wäre für den Kauf desselben zu zahlen. Dieses Phänomen nutzen zum Beispiel Verkäufer auf dem Basar, indem sie Kaufinteressenten gewünschte Produkte gleich in die Hand drücken. So sind diese eher bereit den Kaufpreis zu zahlen, weil sie die Sachen nicht mehr aus ihren Händen bzw. ihrem Besitz geben wollen.

Besitztumseffekt

Dieser sogenannte Besitztumseffekt wurde 1980 vom späteren Nobelpreisträger Richard Thaler entdeckt und bereits mehrfach in empirischen Studien nachgewiesen. Im wohl bekanntesten Experiment hat man Kaffeetassen an eine Gruppe der Teilnehmer verschenkt und sie danach befragt, für welchen Preis sie bereit wären die Tasse wieder herzugeben. Die Teilnehmer der anderen Gruppe, die keine Kaffeetasse erhalten hatten, wurden gefragt, welchen Preis sie zahlen würden, um die Tasse zu bekommen. Das Ergebnis: Die durchschnittliche Preisvorstellung der Kaffeetassenbesitzer lag bei 7,12 US-Dollar, jene der „Käufergruppe“ lediglich bei 2,87 Dollar.

Grundsätzlich lässt sich der Effekt bei allen Arten von Besitz, auch bei austauschbaren Vermögenswerten, wie etwa den genannten Kaffeetassen, beobachten. Vieles deutet darauf hin, dass der Effekt bei physischen Gütern stärker ausgeprägt ist, vor allem, wenn mit einem Gegenstand auch Emotionen oder Erinnerungen verbunden sind.

Trotz der empirisch belegten Evidenz dieses Effektes sind seine Ursachen immer noch Gegenstand der Forschung. Oft wird der Besitztumseffekt als Folge einer irrationalen Verlustaversion interpretiert, wonach ein Verlust einen stärker schmerzt, als einen ein gleich hoher Gewinn freut.

Irrationales Anlegerverhalten

Auch im Bereich der Geldanlage kann der Besitztumseffekt eine wesentliche Rolle spielen: Insbesondere bei physischen Investments wie Gold- und Silbermünzen oder -Barren, Edelsteinen, Kunstwerken, Antiquitäten, Oldtimern und Ähnlichem kann dieser Effekt rationales Anlegerverhalten erschweren. Anleger verkaufen diese Gegenstände oft nur sehr widerwillig und damit tendenziell zu spät, weil sie so sehr an ihnen „hängen“. Zum Beispiel trennen sich viele selbst dann nicht (gerne) von ihren Goldmünzen, wenn der Goldpreis gerade extrem hoch ist oder sie das Geld eigentlich dringend benötigen.

In Bezug auf Immobilieninvestments ist anzunehmen, dass der Besitztumseffekt bei Immobilienfonds oder -aktien geringer als bei einer Vorsorgewohnung ausgeprägt ist, und dass man bei Letzterer weniger stark dem Effekt unterliegt als bei einer Eigentumswohnung, in der man selbst jahrelang gewohnt hat.

Tipps

Um den Besitztumseffekt weitestgehend zu vermeiden und möglichst objektive Entscheidungen in Geldfragen zu treffen, sollte man beim Kauf von physischen Wertanlagen generell vorsichtig sein, auch wenn deren Diversifikationseigenschaften aufgrund geringer Korrelationen mit Aktien oder Anleihen meist recht günstig sind. Denn es kann leicht passieren, dass aufgrund des Besitztumseffektes eine psychologische Barriere entsteht und man Wertzuwächse nicht oder nur verzögert realisiert, weil man sich von dem Besitz nicht trennen möchte.

Falls man sich selbst als besonders anfällig für den Besitztumseffekt einschätzt, sollte man den Anteil der physischen Wertanlagen an der Gesamtveranlagung eher gering halten. Außerdem sollte man für physische Anlageobjekte schon beim Kauf eine verbindliche und möglichst konkrete Exitstrategie schriftlich festlegen, wobei man vorab einen konkreten Zeitpunkt oder Preis definiert, zu dem man sich von seinem „geliebten“ Besitz trennt.

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