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Warum (junge) Fondssparer auf einen Crash hoffen sollten

„Wenn Sie um die 20 Jahre alt sind und gerade begonnen haben zu sparen, dann fallen Sie auf die Knie und beten Sie für einen Aktienmarkt-Crash.“

(Foto: AaronAmat – GettyImages.com)

Dieses Börsen-Bonmot stammt vom renommierten amerikanischen Finanzmarktforscher William Bernstein. Vergegenwärtigt man sich, wie hysterisch viele „Experten“ immer wieder vor den Gefahren eines Aktienmarkteinbruchs warnen, dann erscheint das Statement von Bernstein geradezu unseriös. In diesem Beitrag rechnen wir nach, ob Bernstein mit seiner kuriosen Aussage recht hat.

Bernstein hat recht

Das Hauptergebnis unserer Berechnungen nehmen wir gerne vorweg: Ja, Bernstein hat recht. Es lässt sich quantitativ zeigen, dass ein Aktienmarkt-Crash junge Anleger unter realistischen Bedingungen begünstigt, insofern die Anleger richtig vorgehen. Dieses richtige Vorgehen ist weder komplex, noch erfordert es Zugang zu speziellen Informationen, schon gar nicht zum Pseudowissen der „Crash-Propheten“. Was es erfordert, sind Disziplin und ein wenig kluge Demut.

Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen: Um einen finanziellen Vorteil aus einem Crash zu ziehen, muss man nicht einmal jünger als 30 Jahre alt sein, wie es das Bernstein-Zitat suggeriert. Der Crash-Ausnutzungsvorteil existiert auch für ältere Anleger.

Eine Klärung vorab: Dass ein noch gar nicht investierter Anleger rein rechnerisch von einem Aktienmarkteinbruch profitiert, darum geht es hier nicht. Es geht um bereits investierte Anleger.

So wurde gerechnet

Für die Berechnung unterstellen wir einen Anlagezeitraum von 35 Jahren, was salopp gesagt einem „Anlegerleben“ entspricht. Während dieses Anlegerlebens produziert das hier zugrunde gelegte Investment in Gestalt des globalen Aktienmarkts eine Rendite von 8,0 Prozent p. a. Dieser Wert entspricht ungefähr der tatsächlichen nominalen Rendite des MSCI-World-Index in den 35 Jahren von 1986 bis 2020 – in Euro, vor Kosten und Steuern berechnet. Auf die Berücksichtigung von Kosten und Steuern verzichten wir der Einfachheit halber, weil dieser Verzicht für das grundsätzliche Ergebnis unerheblich ist.

Ferner unterstellen wir, dass eine hypothetische Anlegerin, die wir Hanna nennen, in diesen 35 Jahren einen schweren Aktienmarkteinbruch von minus 60 Prozent in einem einzelnen Jahr erleben muss. Wir gehen mit dem Wert von minus 60 Prozent bewusst über das Ausmaß hinaus, das die meisten heftigen Aktienmarkteinbrüche in den vergangenen 120 Jahren hatten.

Die vollständige Markterholung nach dem Crash dauert angenommene vier Jahre. Logischerweise muss die Durchschnittsrendite über die vier Erholungsjahre hinweg merklich oberhalb von 8,0 Prozent liegen, damit wir über die gesamten 35 Jahre zum Mittelwert von 8,0 Prozent p. a. gelangen.

Hanna investiert ab dem ersten der 35 Jahre jährlich 1.000 Euro. Dieser Sparbetrag wird in den Folgejahren gleichförmig um vier Prozent p. a. gesteigert. Warum vier Prozent? Weil wir annehmen, dass auch Hannas Einkommen in diesen 35 Jahren jährlich um diesen Betrag steigt. Wie rasch ihr jährlicher Sparbetrag steigt, hat allerdings keinen Einfluss auf das grundsätzliche Ergebnis unserer Simulation.

Zeitpunkt des Crashs

Nun untersuchen wir, welchen Einfluss der genaue Zeitpunkt unseres angenommenen 60-Prozent-Crashs auf das Endvermögen von Hanna hat. Besonders interessiert uns, wie sich ein früher versus ein später Crash innerhalb der 35 Jahre auf das erreichte Endvermögen auswirkt.

Das Ergebnis ist verblüffend: In allen vier hier gezeigten Crash-Szenarien, auch in den beiden Szenarien mit einem Crash in der zweiten Hälfte der 35 Jahre, ist das Endvermögen und damit auch die durchschnittliche Rendite über den Gesamtzeitraum höher als im Referenzszenario ohne. Mancher Leser wird sich die Augen reiben und fragen: „Wie ist das möglich? Müssten Endvermögen und Rendite im Falle eines Crashs nicht schlechter sein als ohne Crash?“

Die Erklärung für dieses kontraintuitive Ergebnis: Bei der Errechnung des Vermögensendwertes eines einmaligen, anfänglichen Investments über einen Gesamtzeitraum von beispielsweise zehn, 20 oder 35 Jahren spielt die Reihenfolge der einzelnen Jahresrenditen keine Rolle. Das heißt, man kann die positiven und negativen Jahresrenditen in den einzelnen Jahren innerhalb des Gesamtzeitraums beliebig gegeneinander vertauschen – es resultiert stets die gleiche Durchschnittsrendite und der gleiche Vermögensendwert.

Anders verhält es sich in einem Portfolio, bei dem es im Zeitablauf Zuflüsse oder Entnahmen gibt – so wie im Fall von Hanna und so wie bei wohl 95 Prozent aller Privatanlegerhaushalte: Sobald nennenswerte Zuflüsse oder Entnahmen stattfinden, gilt das Vertauschungsgesetz für die Jahresrenditen nicht mehr. Es spielt mithin eine Rolle, wann genau die guten und wann die schlechten Renditejahre innerhalb des Gesamtzeitraums auftreten und wie viel Geld zum jeweiligen Zeitpunkt investiert war.

Anfangs weniger investiert

Zurück zu Hannas Portfolio: Im Szenario A (Crash im ersten Jahr) ist das Endvermögen deswegen höher als im Szenario X (kein Crash), weil sich der Crash hier unter allen gezeigten Szenarios auf den kleinstmöglichen bereits investierten Geldbetrag auswirkt. Die insgesamt höheren Jahresrenditen wirken sich auf höhere periodisch investierte Sparleis tungen aus, denn Hannas jährliche Sparleistung nimmt ja im Zeitablauf zu. Ferner haben die im Durchschnitt höheren Renditen nach dem Crash umso mehr Zeit, sich auf das bereits inves tierte Vermögen auszuwirken, je früher der Crash stattfindet. So kann der Zinseszinseffekt sein gutes Werk besser tun.

Und das ebenso Überraschende wie Erfreuliche ist, dass dieser Effekt sogar dann noch zu einem höheren Endvermögen führt, wenn der Crash recht spät stattfindet, im Extremfall erst im 31. Jahr. Man kann also schlussfolgern, dass fast alle Haushalte in der Portfolioaufbauphase für einen baldigen Crash beten sollten, nicht nur die jungen. Vorausgesetzt, die betreffenden Anleger sind in der Portfolioaufbauphase (so wie hier definiert), und vorausgesetzt, es sind noch mindes tens vier, fünf Jahre, bis erstmalig Entnahmen aus dem Portfolio stattfinden.

Würde der Crash in Hannas Welt allerdings im Jahr 32 (von 35 Jahren) oder noch später stattfinden und mithin keine vollständige Erholung in den von uns vorgegebenen vier Jahren bis zum Ende von Jahr 35 mehr stattfinden können, dann lägen der Vermögensendwert und die Rendite natürlich unterhalb der Werte für Szenario X (kein Crash). Und zwar umso mehr, je später der Crash auftritt.

Allerdings: Selbst bei einem 60-Prozent-Einbruch im allerletzten Jahr (Jahr 35) betrüge die durchschnittliche Rendite für den Anleger noch 2,6 Prozent p. a.

Fazit

William Bernstein hat recht: Anleger in der Vermögensaufbauphase – nicht nur „junge“ Anleger – sollten einen baldigen, möglichst schweren Crash am Aktienmarkt erhoffen, auf den eine besonders langsame Erholungsphase folgt. Dieser Crash wird ihnen finanziell nützen. Je früher der Absturz stattfindet, desto größer ist der finanzielle Vorteil relativ zu einem Nicht-Crash-Szenario. All das, was hier dargestellt wurde, gilt jedoch nur für passive Anleger mit einem weltweit breit diversifizierten Aktienportfolio auf Buy-and-Hold-Basis in der Portfolio- und Vermögensaufbauphase. Solche Anleger können sich absolut sicher sein, dass ihr Portfolio nach jedem Einbruch wieder zurückkommt und früher oder später das Vor-Crash-Niveau übersteigen wird.

Zwei weitere wichtige Voraussetzungen für die Gültigkeit und Anwendbarkeit der hier formulierten Einsichten sind, dass der Anleger in einem Crash erstens noch mindestens fünf Jahre Zeit hat, bevor Mittel aus dem Depot entnommen werden. Zweitens muss der Anleger seine regelmäßigen Sparleistungen im Crash planmäßig und diszipliniert weiterführen, idealerweise sogar noch erhöhen.

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