Wer seine Investments ständig kontrolliert, fokussiert sich viel zu stark auf Verluste

In meiner Kolumne in der August-Ausgabe des TOP-GEWINN habe ich darüber geschrieben, dass wir Menschen dazu tendieren, uns mehr an Verlusten zu stören, als uns über Gewinne zu freuen.

Foto: WU - Wirtschaftsuniversität Wien

Eine Folge dieser Verzerrung ist das Phänomen des „Equity Premium Puzzle“: Rajnish Mehra und Edward C. Prescott entdeckten dieses Paradoxon im Jahr 1985. Sie erkannten, dass die Renditen von Aktien im vergangenen Jahrhundert gleich um sechs Prozentpunkte höher waren als jene von risikolosen Staatsanleihen. Die in der Aktienrendite enthaltene Risikoprämie („Equity Premium“), die man für eine riskantere Veranlagung als Zuschlag erhält, ist somit höher, als sie eigentlich – entsprechend dem empirisch festgestellten Ausmaß an Risiko­aversion der Anleger – sein dürfte.

Ein Erklärungsansatz dafür ist die kurzsichtige (myopische) Verlustaversion: Die sogenannte „Myopie“ liegt vor, wenn man als langfristig orientierter Anleger sein Portfolio sehr bzw. zu oft evaluiert. Die häufige Evaluierung des Portfolios führt dazu, dass die Anleger oft Gewinne und Verluste in ihrem Aktienportfolio zu stark wahrnehmen. Aufgrund der Verlustaversion stören sie dabei die Verluste stärker, als sie sich über die Gewinne freuen. Daher investieren sie tendenziell zu wenig in Aktien. Die mangelnde Nachfrage senkt den Kurs der Aktien und erhöht so die ex ante zu erwartende Risikoprämie beim Kauf von Aktien. Die myopische Verlustaversion führt also dazu, dass auf dem Markt sehr hohe Risikoprämien für Aktieninvestments bezahlt werden müssen, damit viele Investoren überhaupt Aktien kaufen. Das steigert die Renditen.

Performance-Präsentation beeinflusst Risikofreude

Aus der Verlustaversion resultiert auch das folgende damit verwandte Phänomen: Die Art, wie man einem Anleger die Performance seines Portfolios präsentiert, hat großen Einfluss auf seine Risikobereitschaft. Anleger investieren mit höherem Risiko, wenn man ihnen die Ergebnisse zeitlich oder über Wertpapiere hinweg aggregiert darstellt. Sie sehen dadurch nur das Ergebnis des Gesamt-Portfolios statt jenes der einzelnen Wertpapiere. Dies reduziert die Anzahl der wahrgenommenen Verluste.

Umgekehrt gehen Investoren umso weniger Risiko ein, je kürzer die zeitlichen Abstände sind, in denen sie ihr Portfolio evaluieren, bzw. je stärker sie ihr Portfolio bei der Performanceanalyse in Einzelteile zerlegen, weil sie dann umso häufiger auch Verluste wahrnehmen. Solche Investoren verzichten in der Folge auf lukrative Risikoprämien, die sie mit einer riskanteren Strategie langfristig verdienen könnten.

TIPPS:
Bei einem langfristigen Anlagehorizont können Sie vom Equity-Premium-Puzzle profitieren, indem Sie einen angemessen hohen Anteil Ihres Portfolios in Aktien (z. B. einem Fonds, der einen breiten Aktienindex nachbildet) veranlagen und so die übermäßig hohe Risikoprämie kassieren. Nehmen Sie bei der Bestimmung des Aktienanteils in Ihrem Gesamtportfolio  ruhig Rücksicht auf Ihre Risikoaversion, also Ihre mögliche Scheu vor Kursschwankungen in beide Richtungen. Vernachlässigen Sie dabei aber Ihre eventuell vorhandene Verlustaversion  – also die Angst vor einer negativen Kursentwicklung.

Betrachten Sie Ihr Portfolio aggregiert statt auf Einzelwertpapierebene und analysieren Sie die Performance nicht zu häufig! Akzeptieren Sie Verluste bei einem Wertpapier, wenn Sie dafür mit einem anderen Wertpapier Gewinne gemacht haben. Akzeptieren Sie Verluste in einem Quartal, wenn Sie dafür in einem anderen Quartal hohe Gewinne gemacht haben. Was zählt, ist einzig und allein der Ertrag des gesamten Portfolios über den gesamten Anlagehorizont. Mit diesen Tipps können Sie von der Verlustaversion der anderen sogar noch profitieren.

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