Wer will schon sein GELD vermehren? (Geldillusion)

In Venezuela können die Menschen aufgrund der ­Hyperinflation zwar ihr nominelles Geldvermögen steigern, sich damit aber immer weniger leisten.

Foto: APA/MARVIN RECINOS/AFP/ picturedesk.com)

In kaum einem Land der Welt gibt es wohl aktuell einen so hohen Anteil an Millionären in der Bevölkerung wie in Venezuela. Was auf den ersten Blick erfreulich klingt, liegt in Wahrheit an der seit 2016 grassierenden Hyperinflation der Landeswährung Bolivar. 90 Prozent der Bevölkerung leben trotz ständig steigender nomineller Vermögen in bitterer Armut. Zuletzt führte die venezolanische Zent ralbank sogar einen „Eine-Million-Bolivar“-Geldschein ein. Das klingt nach viel, reicht aktuell aber gerade einmal, um ein Kilo Tomaten oder ein Glas Limonade zu kaufen.

Hierzulande liegt die bislang letzte Hyperinflation schon sehr lange zurück, aber selbst die in den vergangenen Jahren anhaltend geringe Inflation kann die Kaufkraft auf längere Sicht spürbar reduzieren. Dennoch fokussieren sich Menschen bei finanziellen Entscheidungen häufig auf die Erhaltung oder Vermehrung ihrer Geldmenge – obwohl es ihnen in Wirklichkeit wohl eher darum geht, die Kaufkraft zu erhalten oder zu steigern. Und diese hängt vom verfügbaren Kapital und von der Entwicklung des Preisniveaus ab. Letzteres wird jedoch bei Finanzentscheidungen häufig vergessen.

Geldillusion

Der US-Ökonom Irving Fisher prägte für dieses Phänomen 1928 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff „Money Illusion“, den sein britischer Kollege John M. Keynes später populär machte. „Geldillusion“ war auch Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen: So zeigt etwa die Studie von Shafir/Diamond/Tversky (1997), dass Menschen mit einer Gehaltserhöhung von fünf Prozent in einem Umfeld mit vier Prozent Inflation zufriedener sind als mit einer Gehaltserhöhung von zwei Prozent in einem Umfeld mit null Prozent Inflation. Und das, obwohl die Gehaltserhöhung real betrachtet im zweiten Fall doppelt so hoch ist.

Aus Sicht der Psychologie hat die Geld illusion folgende Ursachen: Zum einen spielt „Narrow Framing“ eine Rolle, wenn Menschen Scheuklappen aufsetzen und dabei auf die Geldentwertung vergessen. Andererseits ist auch die „Verlustaversion“ ein Faktor: So nehmen viele aus Gründen der Einfachheit einen nominellen Geldbetrag als Referenzpunkt, mit dem sie finanzielle Vergleiche anstellen.

Zusammenfassend in einfachen Worten: Es ist viel einfacher, „nominell“ als „real“ zu denken. Diesen Umstand nützt auch der Staat im Rahmen der „kalten Progression“ bewusst oder unbewusst aus: Denn die automatische Erhöhung des Steueraufkommens durch die inflationsbedingten Gehaltsvorrückungen (bei gleichbleibenden Steuerstufen) ist für den Staat bzw. die Politik leichter durchzusetzen, als die nominellen Steuersätze zu erhöhen.

Reale Rendite entscheidet

Viele Menschen beurteilen auch die Möglichkeiten, ihr Geld anzulegen, nach der nominellen statt nach der realen Rendite, welche auch die Inflation in die Überlegungen miteinbezieht. In der Folge wird meist ein eventuelles Inflationsrisiko eines Investments nicht ausreichend beachtet. So gelten etwa nominelle Staatsanleihen aus Deutschland aus Sicht eines Euro-Anlegers als quasi „risikolose“ Wertpapiere, obwohl sie in Wirklichkeit eindeutig ein Inflationsrisiko beinhalten. Das Risiko von Aktien wird hingegen relativ überschätzt, weil deren nominelle Renditen stärker schwanken als die realen. Das ist ein Grund, warum viele Anleger zu wenig in Aktien und zu viel in Anleihen, Geldmarktinstrumente oder Sparbücher investieren.

Tipps

Unterscheiden Sie bewusst zwischen der nominellen Rendite (Zuwachs des Geldes auf dem Konto bzw. Depot) und der realen Rendite (Zuwachs der Kaufkraft). Ebenso ist es ratsam, bei der Suche nach einer risikolosen Anlageform genau zu überlegen, ob die reale Rendite dieses Investments wirklich risikolos ist. So sollte man bei nominellen Anleihen, Geldmarktinstrumenten oder Sparbüchern vorsichtig sein und beachten, dass diese jedenfalls auch ein Inflationsrisiko in sich bergen.

Eine tatsächlich relativ risikolose Alternative wären inflationsgeschützte Anleihen, die etwa von Deutschland (AAA-Rating) oder Frankreich (AA-Rating) emittiert wurden. Bei diesen Papieren werden Kupon- und Tilgungszahlungen „inflationiert“. Das bedeutet, an den Verbraucherpreisindex angepasst, um einen automatischen Inflationsausgleich zu gewährleisten. Unabhängig davon sollte man generell eher in Sachwerte wie Aktien, Immobilien oder Rohstoffe investieren, wenn man das Inflationsrisiko eliminieren bzw. reduzieren möchte. Denn deren Preise steigen in der Regel auch, wenn das allgemeine Preisniveau in die Höhe klettert.

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