Wie wird man wirklich reich?

Mit Geldanlage wird man als durchschnittlicher Haushalt nicht wirklich reich, sondern in der Regel nur über unternehmerische Leistungen – außer man erbt viel, heiratet reich oder zieht den Lotto-Jackpot.

(Foto: kzenon – GettyImages.com)

Bücher, Finanz-Blogs und Seminare zur Frage: „Wie werde ich reich?“ existieren wie Sand am Meer. Sie enthalten in der Regel das Versprechen, allein durch Investieren neben­beruflich „reich“ zu werden. Doch dieses Versprechen ist unrealistisch, sachlich in hohem Maße fragwürdig und insgesamt ganz einfach unseriös. Das gilt sowohl für Börseninvestments als auch für Immobilienanlagen.

Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang „unrealistisch, sachlich fragwürdig und unseriös“? Wer setzt dafür den Maßstab? Ganz einfach: Die Wissenschaft, insbesondere die Statistik.

Vor diesem Hintergrund wollen wir ­nachfolgend drei Fragen beantworten:

1. Warum ist das Ziel: reich werden an der Börse und mit Immobilien für durchschnittliche Haushalte realitätsfremd?

2. Weshalb tun die meisten Privathaushalte dennoch gut daran, möglichst früh Aktien oder Immobilien zu kaufen?

3. Wenn nicht über die Börse oder über Immobilien, wie kann man denn sonst reich werden?

Zu Frage 1: Warum ist reich werden an der Börse für normale Menschen ­unrealistisch?

Selbst wenn wir reich für diese Zwecke eher bescheiden und statisch als ein Nettovermögen (Bruttovermögen minus Schulden) von einer Million Euro definieren würden, ist diese Million immer noch viermal so viel wie ein normaler Arbeitnehmer in Deutschland am Beginn seines Ruhestands im Alter von 65 Jahren selbst mit einem „aggressiven“ 100-Prozent-Aktienportfolio erreicht – mit statistischen Durchschnittswerten für Einkommen, Sparrate, Investmentnebenkosten, Steuerbelastung.

Die mittlere statistische Erwartung für den Vermögensendwert liegt in diesem Szenario nach Abzug der Inflation bei rund 250.000 Euro. Dass ein durchschnittlicher Arbeitnehmerhaushalt ein 100-Prozent-Aktienportfolio mental wohl kaum über 45 Jahre durchhalten würde, sei hier nur am Rande bemerkt. Diese Zahl und alle nachfolgenden sind inflationsbereinigt – das heißt, wir sprechen von der Kaufkraft, die 250.000 Euro heute haben, nicht von der voraussichtlich um etwa die Hälfte geschrumpften Kaufkraft, die 250.000 Euro in 30 Jahren haben werden.

Und wenn wir eine solche Berechnung ab dem 25. Lebensjahr auf der Basis des ­höheren Gehalts einer „Führungskraft“ durchführen, wird dieser Arbeitnehmer inflationsbereinigt im Alter von 65 nach 40 Jahren Arbeitsjahren statistisch auch nur ein Endwertvermögen von 430.000 Euro erreicht haben.

Legt man solchen Kalkulationen nicht Kapitalmarktanlagen, sondern Wohnimmobilien zur Selbstnutzung oder zur Vermietung zugrunde, resultiert kein grundsätzlich anderes Ergebnis, wenn, dann eher ein schlechteres.

„Nie mehr für Geld arbeiten“

Würde man die Schwelle zum Reichsein statt bei einer Million Euro sinnvollerweise ansetzen bei „so viel Vermögen, dass man bei einem normalen Lebensstandard nie mehr für Geld arbeiten muss“, dann käme für praktisch jede vernünftige Kombination aus Lebensalter und Lebenshaltungskosten eine deutlich höhere Reichtumsschwelle heraus. Diese Schwelle wäre umso höher, je jünger die betreffende Person ist. Das ist deswegen so, weil ein jüngerer, nicht mehr arbeitender Mensch mit seinem Vermögen eine längere Restlebenserwartung finanzieren muss.

All das ist eigentlich banal und jeder akademische Reichtumsforscher würde angesichts solcher Feststellungen nur müde gähnen. Die Vermarkter von Reich-werden-Investmentpornographie stellen den Sachverhalt in ihren Ratgeberbüchern, YouTube-Videos und Seminaren trotzdem ganz anders dar. Man muss dazu nur das jeweilige Reich-werden-Rezept befolgen, das von dem „Experten“ in Buch- oder Seminarform vermarktet wird. Diese Rezepte sind bei genauerer Betrachtung jedoch eine jeweils spezifische Mischung aus (a) systematisch überoptimistischen Annahmen zu Rendite und Risiko der propagierten Investments, (b) falschen Rechenmethoden oder (c) der Verklärung seltener positiver Ausreißer als „im Prinzip für jeden erreichbar“.

Zu Frage 2: Weshalb sollten Privathaushalte dennoch möglichst früh Aktien­anlagen ­tätigen?

Auch die Antwort auf diese Frage ist recht simpel. Die gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland und Österreich wird als alleinige Altersvorsorge für Jahrgänge ab etwa 1960 und jünger die Beibehaltung ihres vor dem Eintritt in den Ruhestand gewohnten Lebensstandards beinahe sicher nicht gewährleisten. Wer also seinen Lebensstandard im Alter nicht senken möchte, der muss als normaler Arbeitnehmer neben seinen Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung zusätzlich privat Vermögen bilden. Er könnte dies über den rechtzeitigen kreditfinanzierten Erwerb einer selbstgenutzten Wohnimmobilie tun oder eben über Kapitalmarktanlagen – am besten in Gestalt eines kostengünstigen ETF-Portfolios auf Buy-and-Hold-Basis.

Einer der lesenswertesten Finanzratgeberbuch-Autoren, William Bernstein, hat diesen Sachverhalt einmal schön prägnant formuliert: „Der Sinn von Investieren (für Privathaushalte) besteht nicht darin, reich zu werden, sondern nicht arm zu sterben.“

Geld in Aktien anlegen ist zwar keine Route zu Reichtum, aber dennoch der beste Weg, seine Vermögensbildung und Altersvorsorge zu organisieren. In Deutschland besitzen – und das ist im Grunde genommen eine Tragödie – nur rund zehn Prozent aller Haushalte überhaupt Aktien. In der ärmeren Hälfte der Bevölkerung liegt dieser Prozentsatz nahe bei null. In Österreich ist das Bild ähnlich, wenn nicht sogar schlimmer. Jeder Angestellte jenseits des 30. Lebensjahrs, der kein Vermögen über den kreditfinanzierten Erwerb einer selbstgenutzte Wohnimmobilie bilden kann oder will, ist gut beraten, sich in die „elitäre“ Minderheit der Aktienbesitzer einzureihen. Mit ETFs auf Buy-and-Hold-Basis ist das bei günstigen Online-Brokern schon ab 25 Euro im Monat möglich.

Zu Frage 3: Wenn nicht über die Börse oder über Immobilien, wie kann man denn sonst reich werden?

Auch hier liefert ein Blick in die Reichtumsforschung die Antwort, und die lautet: „im Wesentlichen nur durch unternehmerische Tätigkeit“. Unternehmerische Tätigkeit ist jedenfalls dann die einzige nicht wirklichkeitsfremde Route zu Reichtum, wenn man drei andere Reich-werden-Routen ausnimmt: (a)  Vermögen erben, (b) reich heiraten und (c) den Jackpot beim Lotto gewinnen. Es ist erstaunlich, dass diese triviale Erkenntnis vom Unternehmertum als einziger realistischer Weg zum echten Reichwerden unter Privatanlegern so wenig bekannt zu sein scheint.

Ganz peinlich wird es, wenn in den Büchern, Seminaren, Blog-Beiträgen, Artikeln oder YouTube-Videos über das Reichwerden dieser unmittelbar beobachtbare Sachverhalt noch nicht einmal am Rande erwähnt wird.

Unternehmerische Aktivität ist zwar die einzige einigermaßen realistische Möglichkeit, aus eigener Kraft reich zu werden, geht aber leider einher mit einigen unerfreulichen Begleitumständen: Überdurchschnittlich harte Arbeit und Stress über viele Jahre hinweg, weniger Freizeit, mehr Verantwortung für andere und ein höheres Privatinsolvenzrisiko als im Angestelltendasein.

Stichwort Risiko: Nach fünf Jahren sind zwischen 50 und 99 Prozent aller Unternehmensneugründungen (Start-ups) gescheitert – je nach Statistik und je nach Definition von „Scheitern“. Ganz abgesehen davon, dass man erst einmal eine Idee für ein unternehmerisches Vorhaben entwickeln muss.

Fazit

Wer aus eigener Kraft wirklich reich werden möchte, dem bleibt vermutlich kein anderer realistischer Weg, als unternehmerisch tätig zu werden. Allerdings erfordert der Weg zu Reichtum mit wenigen Ausnahmen die Bereitschaft zu mehr Arbeit und mehr Risiko.

Warum es dennoch Sinn macht, in Aktien oder Immobilien zu investieren? Haushalte, die keine andere Altersvorsorge als die gesetzliche Rentenversicherung haben, werden wahrscheinlich im Ruhestand ihren gewohnten Lebensstandard absenken müssen, wenn sie zu den Jahrgängen 1960 und jünger gehören. Als normaler Arbeitnehmerhaushalt muss man daher private Altersvorsorge über mindestens einen von zwei Wegen betreiben: Sparen in Kapitalmarktanlagen oder über den kreditfinanzierten Erwerb einer selbstgenutzten Immobilie. Sparen über Kapitalmarktanlagen geschieht am cleversten über preisgünstige, breit diversifizierte ETFs kombiniert mit Buy-and-Hold. Wer es richtig macht, wird über Aktien-ETFs mit einiger Wahrscheinlichkeit ein höheres Vermögen erreichen als über die Immobilienroute, weil Aktien langfristig und im Durchschnitt deutlich rentabler sind.

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