Büro mit Frühstück

Wer das Home-Office satt hat oder im Büro nicht genug Abstand halten kann, weicht ins Hotel aus. Angebote für „Hotelbüros“ gibt es mittlerweile viele – von Wien bis zu den Kanaren.

Für berufliche Aufenthalte dürfen Hotels weiter offen halten. Davon profitieren auch die Home-Office-Flüchtlinge, die ihr Büro in ein Hotelzimmer verlegen. (Foto: GettyImages.com - STEFANOLUNARDI)

„Ach, dort sind alle so lieb – ich fühle mich dort sehr wohl“,  schwärmt Megan Kahts, „und ich muss meine Nachbarn nicht quälen. Darum weiche ich für meine Arbeit regelmäßig ins Hotel Donauwalzer aus.“ Kahts fand im April durch ein Facebook-Posting des Wiener Hotel Donauwalzer die Lösung ihres Problems, denn in ihrem Home-Office geht es durchaus laut zu: Kahts ist Sängerin, Mezzosopran. „Die Nachbarn sind ja auch zu Hause und müssen arbeiten – oft neben ihren Kindern. Da will ich mit meinem Gesang nicht zusätzlich belasten.“ Im Hotel hingegen stört sie dank massenhaft Platz, dicken Wänden und doppelten Türen niemanden.

In Zeiten von Corona, gebotenem Abstand und Home-Office bieten immer mehr Hotels Ausweicharbeitsplätze an – als Hotel Office. „Wir machen das seit dem ersten Lockdown und waren meines Wissens die Ersten in Österreich“, meint Katharina Kluss, Direktorin des Hotel Donauwalzer – und ergänzt schmunzelnd: „Damit haben wir etliche Ehen gerettet!“ Die Idee entsprang einem klassischen Out-of-the-Box-Denken: „Wir haben ein Produkt, aber die Zielgruppe ist weggesperrt. Welche Bedürfnisse können wir sonst befriedigen? Für uns als Gastgeber ist nichts schlimmer als ein leeres, totes Haus! Das sprach sich in Musiker- und Schauspielerkreisen rasch herum. So machen Künstler nun rund ein Drittel unserer Hotel-Office-Gäste aus“, erklärt Kluss. Für sie wurde eigens ein Klavier im Salon aufgestellt: Hier wird geübt, gesungen, geprobt. Die Zimmer für Schreibtischtäter (etwa UNO-Mitarbeiter) sind weit entfernt und ruhig. Mitunter dient auch der (zwangsweise geschlossene) Wellnessbereich als Arbeitsplatz. Kluss: „Eine Dame wollte in einem Zimmer einen Online-Massagekurs abhalten – da ist der Spa wohl der bessere Rahmen.“

Im Durchschnitt sind pro Woche rund 15 Hotel-Office-Zimmer belegt. „Damit ist nichts zu verdienen! Ganz im Gegenteil, bedenkt man die immensen Reinigungskosten. Ich sehe das als reine Marketing-Maßnahme – mit der ich auch die Wiener über Hotelangebote in ihrer eigenen Stadt informiere. Wer kennt denn schon unseren Private Spa und Brunch?“, so Kluss.

Auch Andreas Purtscher vom Hotel Zeitgeist Vienna setzt auf Bürobetrieb statt Zusperren, auch wenn sich damit nichts verdienen lässt: Sein Hotel-Office-Angebot – in zwei Lockdowns wurden 680 Zimmer vermietet – generierte bis dato einen Umsatz von 30.600 Euro. Dadurch konnten zwei Mitarbeiterinnen gehalten werden.

Schnelles WLan zieht Gäste an

Der eigene Laptop, Strom, Internet: mehr braucht es oft nicht für den Beruf. „Ein Hauptgrund für das Arbeiten im Hotel ist leistungsstarkes WLan“ erläutert Purtscher. „Zu Hause ist das Internet oft zu schwach für Videokonferenzen.“

Die gängigen Hotel-Office-Leis­tungen sind rasch erklärt (siehe auch Angebotstabelle): So, wie das Hotelzimmer ist, darf es genutzt werden. Zusätzliche Schreibtische oder spezielle Adaptierungen gibt es laut unserer Blitzumfrage für die Hotelarbeiter nicht. Dafür werden zumeist die größten und besser ausgestatteten Zimmerkategorien als Büro vergeben. Im Zeitgeist sind das die „Prestige-Zimmer“ im 7. Stock – samt Terrasse oder Balkon. „Die Kunden schätzen eine Arbeitspause an der frischen Luft“, so Purtscher.

Generell ist im Tagespreis stets Corona-gerechte Reinigung inkludiert; zumeist auch Kaffee und Tee (Kaffeemaschine, Wasserkocher etc.) sowie Mineralwasser. Ob das Bett für ein Power-Nap oder die Dusche benutzt werden darf, muss der Gast vorab fragen – mitunter kostet das extra. Gegen Aufpreis könnte auch übernachtet werden – wird aber kaum verlangt.

Dank (kostenpflichtiger) Zusatzleistungen wie Druck-, Kopier-, Scan- oder Post-Service an der Rezeption wird das Hotel zum vollständigen Ersatzbüro. Fürs „Business-Upgrade“ stehen Meeting- und Konferenzräume samt technischem Equipment zur Verfügung. Was im Urlaub gefällt, macht auch den Arbeitsalltag leichter: Frühstück und kulinarische Leistungen (ins Zimmer serviert, im Restaurant oder vom Lieferdienst), für Entspannung sorgen Spa, Sauna, Garten, Fitness-Studio, Fahrräder etc. – natürlich nur, wenn es die aktuellen Corona-Bestimmungen gestatten.

Typische Hotel-Office-Gäste sind Büroangestellte und Freiberufler. Ins Zeitgeist etwa kommen Mitarbeiter vom Bundesheer, T-Systems, Siemens, A1 oder der Wirtschaftsuniversität. Gebucht werden die Zimmer von den Einzelpersonen, nicht von der Firma.

Wenn die Schüler im Hotel lernen

„Wir beobachten, dass an unseren Standorten in Deutschland nun auch immer mehr Firmen mit Platzbedarf maßgeschneiderte Lösungen anfragen“, erklärt Sabine Toplak von der Hotelgruppe Accor, Vicepresident Sales Zentraleuropa. Das Netzwerk verfügt über mehr als 3.000 Hotels in Europa, in der D-A-CH-Region empfehlen sich 200 Häuser als „Hotelbüro“. Toplak: „Allein wegen unserer schieren Größe stellen wir hier das breiteste Angebot – und denken es übrigens bereits weiter.“ In Wien gibt’s das „Hotelbüro“ seit dem zweiten Lockdown an allen sechs Standorten der Marken Mercure, Ibis, Novotel, Adagio und SO/ Vienna. Preise und Angebote werden von den einzelnen Häusern selbst bestimmt. „Sobald wir dürfen, öffnen wir auch die Wellnessbereiche für die Hotelbüro-Gäste.“ Ab 2021 wird das „Hotelbüro“ in den Bundesländern in Salzburg, Innsbruck, Linz, Graz, Klagenfurt und Bregenz angeboten (all.accor.com).

Accor hat aber auch ein Herz für Familien mit Platznot. Gemeinsam mit der Bildungsdirektion Wien und der Plattform „Book your Room“ wurde im Herbst 2020 die Aktion „fliegendes Arbeitszimmer“ gestartet (www.book-your-room.at/fliegendes-arbeitszimmer): Bedürftige Familien dürfen die Apartments im Adagio Vienna City nutzen – und zwar kostenlos! „Das Angebot wurde extrem gut angenommen – in den ersten drei Wochen des zweiten Lockdowns rund 200-mal – und bleibt weiterhin, auch bei (teil)offenen Schulen bestehen“, so Toplak.

Workation und Remote-Work: Arbeitsplatz unter Palmen

Sie sind dauerhaft im Home-Office und wollen Ihre Arbeit vorübergehend an einen Ort verlegen, wo die Corona-Zahlen niedriger sind? Dann sind Sie ein Kandidat für „Remote Work“ (Fernarbeit) bzw. „Workation“ (die Kombination von „work“ und „vacation“). Beides boomt in Pandemie-Zeiten – speziell dort, wo es das Virus zulässt. Das Karibik-Paradies Barbados etwa lockt mit dem neuen Einjahres-arbeitsvisum „Welcome Stamp Visa“ (830 Euro für Einzelpersonen, www.visitbarbados.org) und wirbt mit Work-Stationen direkt am Strand sowie güns­tigen Wohnmöglichkeiten. Auch Anguilla und die Bermudas empfehlen sich digitalen Nomaden.

Mauritius schuf unter dem Titel „Workation im Paradies“ ein Premium-Reisevisum für ein Jahr (www.mymauritius.de). Im luxuriösen Fünf-Sterne-Resort Shanti Maurice kosten 30 Tage „Office unter Palmen“ (inkl. Halbpension) ab 3.450 Euro (www.shantimaurice.com/de).

Billiger und einfacher ist es in Europa: Die Kanarischen Inseln richteten für Fernarbeiter rund 100 Co-Working-Spaces sowie Co-Living-Spaces ein (www.repeople.co/en). JoinMyTrip ist eine Plattform und „Mitreisezentrale für Reisesüchtige“, die (Sing­le)-Reisende als „Travel-Buddies“ zusammenbringt, auch für gemeinsame Co-Working-WGs auf Zeit: aktuell an der Algarve, auf Madeira, den Kanaren, Schweden und Island (www.joinmy trip.com).

Tui offeriert „Workation@Robinson“. Das Projekt kombiniert Arbeit in eigens adaptierten Zimmern mit dem umfangreichen Sport-, Freizeit-, Gast­ronomie- sowie Kinderangebot von Robinson. Bis 31. 1. 2021 ist Corona-bedingt nur der Robinson Club Jandia Playa auf Fuerteventura geöffnet (eine Nacht mit Vollpension ab 93 Euro), am 1. 2. 2021 folgen der Club Quinta da Ria an der portugiesischen Algarve sowie Cala Serena auf Mallorca (www.robinson.com/de/de/work­ation). Im Gespräch sind weiters das Hotel Tui Blue Falesia an der Algarve sowie der Tui-Club Magic Life auf Fuerteventura.

Generell gilt: Arbeitnehmer haben keinen Anspruch auf Fernarbeit im Ausland, sie ist nur mit (am besten schriftlicher!) Zustimmung des Arbeitgebers möglich. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür folgen angeblich im März 2021.

Achtung: gewisse Voraussetzungen für Steuer, Sozial- und Unfallversicherung müssen erfüllt werden – auch innerhalb der EU.

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