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„Das Umland wird immer spannender“

Wolfgang Kristinus, Hauptaktionär, und Sebastian Nitsch, Vorstandschef des Immobilienentwicklers 6B47, über das Großprojekt Franz-Josefs-Bahnhof, das spannende St. Pölten und neue Büros trotz Home-Office.

(Foto: RoommeetsFreiland)

Gewinn: Herr Kristinus, Sie haben sich mitten in der Corona-Krise Ende April an einer Kapitalerhöhung bei 6B47 von über 25 Millionen Euro beteiligt und sind mit Ihrem Unternehmen Baustoff + Metall nun größter Aktionär. Wollten Sie damit nicht warten, bis ein Ende der Krise absehbar ist?
Kristinus: Sicherlich haben wir kurz darüber nachgedacht. Aber das war nur ein theoretisches Gedankenspiel. Für mich war klar, das wir das durchziehen. Es ist vielleicht sogar eine besonders gute Gelegenheit. Wenn in einer Krise alle in eine Richtung laufen, heißt das nicht immer, dass es das Richtige ist und dass es keine Chancen gibt. Und die Chancen im Immobiliensektor sind da. Auch weil die Zinsen aufgrund der Krise für lange Zeit niedrig bleiben werden.

GEWINN: Haben Sie wegen Ihres beruflichen Hintergrunds im Baustoffhandel eine besondere Immobilienaffinität?
Kristinus: Wir sind ein Trockenbaufachhandel mit einer angeschlossenen Industriegruppe. Unsere Produkte werden klarerweise in der Immobilienbranche verarbeitet. Dadurch haben wir natürlich eine große Nähe zu der Branche. Wir sind in 14 Ländern mit 103 Niederlassungen aktiv und setzen 800 Millionen Euro um. Dadurch wissen wir ziemlich genau, welche Bau- und Immobilientrends es in welchen Ländern gibt und wo die neuen Entwicklungen hingehen.

GEWINN: 6B47 spielt mittlerweile in einer Größenordnung, bei der auch ein Börsengang denkbar wäre. Könnte das in Zukunft ein Thema werden? 
Nitsch: Kurz- bis mittelfristig nicht.
Kristinus: Das würde ich unterstreichen. Wir sind gekommen, um zu bleiben. Wir denken bei einer Beiteiligung wie bei 6B47 nie daran, zu verkaufen, sondern zu entwickeln, größer zu werden und mit entsprechenden Gewinnen zu wachsen.

GEWINN: 6B47 arbeitet derzeit an Projekten mit einem Volumen von 1,6 Milliarden Euro. Durch die Kapitalerhöhung soll sich das Volumen aber verdoppeln. Wo wollen Sie groß investieren?
Nitsch: Wir werden uns regional nicht verändern. Unsere Märkte sind Österreich (45 Prozent), Deutschland (45 Prozent) und Polen (zehn Prozent). Wir wollen aber unseren Deutschlandanteil steigern. Wir haben unsere Büros in München, Düsseldorf und Berlin und wollen in den größten sieben Städten und ausgewählten B-Städten investieren. Wir haben z. B. schon Projekte in Ingolstadt realisiert. In Österreich sind unsere Kernmärkte Wien und Graz. Linz könnte ein Thema werden. Für uns als Projektentwickler wird auch das Umland einer Metropole entlang der großen Verkehrsadern immer spannender. Wien hört heute nicht mehr bei der Stadtgrenze auf. Das geht von Carnuntum im Osten bis St. Pölten – wo wir schon ein Projekt haben – im Westen und Wr. Neustadt im Süden. Dank Home-Office werden die Menschen auch beim Wohnort flexibler.

GEWINN: Ihr größtes Projekt ist das 100.000 Quadratmeter große Althan Quartier in Wien. Dabei geht es um die Neugestaltung des Franz-Josefs-Bahnhof-Areals im Neunten Bezirk,  wo viele Büroflächen vorgesehen sind. Braucht man diese Flächen durch den Home-Office-Boom noch?
Nitsch: Das angesprochene Projekt Francis im Althan Quartier hat über 38.000 Quadratmeter Bürofläche und Geschoßflächen von 7.000 Quadratmetern. So etwas findet man nicht so oft. Wenn es 2023 fertig wird, gibt es in der ganzen Stadt nur ein zweites Projekt in dieser Größenordnung, das ebenfalls fertig wird. Es gibt in Wien kaum Neuflächenproduktion. Ich glaube daher schon, dass wir damit einen Bedarf decken können. Am Bürostandort wird sich meiner Meinung nicht viel ändern, es wird sich aber viel am Innenleben eines Bürogebäudes verändern.
Kristinus: Natürlich wird verstärkt im Home- Office gearbeitet werden. Covid hat aber auch gezeigt, dass die Mitarbeiter jetzt wieder ihr Büro schätzen. Als soziale Plattform, wo man nicht nur hingeht, um zu arbeiten, sondern um zu leben. Die meiste Zeit verbringt man im Büro und nicht daheim. Ich glaube, der Trend geht in die Richtung, dass die Leute ein oder zwei Tage pro Woche im Home-Office arbeiten und die restliche Zeit sehr wohl im Büro sind.  Nitsch: Covid hat dem Management gezeigt, dass Home-Office gar nicht so schlecht ist, und hat den Mitarbeitern gezeigt, dass es im Büro gar nicht so schlecht ist (lacht).

GEWINN: Die Projekte von 6B47 gehen immer stärker Richtung Entwicklung von ganzen Stadtvierteln. Damit steigt doch das Klumpenrisiko?
Nitsch: Das Althan Quartier besteht in der Umsetzung aus vier Einzelprojekten, wo jedes für sich betrachtet eine ganz normale Größe hat. Ein Büroprojekt, zwei Wohnprojekte und ein Hotel. Und: In Zeiten wie diesen sind Großprojekte vielleicht sogar leichter zu verkaufen als kleinere. Wir sehen vor allem in Deutschland große Investoren, die weiterhin enormen Investitionsdruck haben.

GEWINN: Sind Investoren seit Ausbruch der Krise nicht zurückhaltender bei Immobilenkäufen?
Nitsch: Wir sind sehr vorsichtig mit Prognosen, welche Auswirkungen Covid haben wird. Von einem können wir aber sicher ausgehen: dass die Niedrigzinszeit noch länger dauern wird. Wenn das Parken von Cash Geld kostet, wenn ich mit Anleihen kaum etwas verdiene und  Aktien sehr volatil sind, dann bietet die Immobilie gerade für Investoren wie Pensionskassen eine attraktive Rendite. Es kann daher sein, dass die Renditen weiter sinken.

GEWINN: Das würde steigende Preise bedeuten. Corona könnte aber auch Immobilienfirmen unter Druck bringen und zu güns­tigeren Verkaufspreisen führen. 
Nitsch: Der eine oder andere wird Projekte abstoßen müssen. Mittelfristig glaube ich nicht, dass die Preise dramatisch fallen werden. 

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