Wachstumsschub

Ehemalige Flugfelder, Bahnhöfe, Werften oder Brauereien werden zu neuen Stadtteilen. Wo Österreichs Metropolen in den nächsten Jahren Platz für Tausende neue Bewohner schaffen.

Graz-Reininghaus: So soll das Zent­rum des neuen Stadtteils auf der früheren Brauereiliegenschaft aussehen. Mit 80 Metern entsteht hier auch das höchste Haus von Graz (Foto: GA Immobilienbesitzgesellschaft GmbH.)

Eine Fläche von 240 Hektar, fünf Milliarden Euro Investitionen, Wohnungen für 20.000 Menschen und noch einmal so viele Arbeitsplätze. Die Seestadt Aspern ist das mit Abstand größte Stadtentwicklungsprojekt Österreichs. Auf dem ehemaligen Flugplatz im 22. Wiener Gemeindebezirk entsteht bis 2028 ein völlig neuer Stadtteil. Derzeit ist erst ein Viertel der Fläche verbaut, die so groß ist wie der Siebente und Achte Bezirk zusammen. Heuer wurden bereits mehr als 200 freifinanzierte Eigentums- und Mietwohnungen fertiggestellt. Damit zählt die Seestadt Aspern aktuell um die 7.500 Bewohner und rund 2.000 Arbeitsplätze.

1,9 Millionen Wiener seit 2018

Dass gerade in Wien der Bedarf an zusätzlichem Wohnraum hoch ist, steht angesichts der dynamischen Bevölkerungsentwicklung außer Frage. Bereits 2018 wurde die Marke von 1,9 Millionen Einwohnern durchbrochen. Bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts werden laut Prognosen wieder zwei Millionen Menschen in Wien leben. Dabei hat sich die rasante Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahre – zwischen 2009 und 2019 wuchs die Stadt um 230.000 Personen – zuletzt etwas abgeschwächt. Heuer soll sich der Zuwachs auf 11.000 „Neo-Wiener“ belaufen. Immobilienprofis rechnen vor: Angesichts der durchschnittlichen Haushaltsgröße von 2,0 Personen, bedeutet das einen Bedarf von 5.500 neuen Wohnungen pro Jahr.
Aber nicht nur in der Bundeshauptstadt wächst die Einwohnerzahl sukzessive. Der Megatrend Urbanisierung zeigt sich auch in den Landeshauptstädten. Graz, die zweitgrößte Stadt Österreichs, soll in den nächsten 15 Jahren von derzeit 290.000 auf 329.000 Menschen zulegen und zählt damit zu den am stärksten wachsenden Zuzugsregionen des Landes. Auch in der Mur-Metropole sollen daher große Stadtentwicklungsprojekte helfen, den Bedarf an neuem Wohnraum zu mindern.

Wichtigstes Projekt sind die Reininghaus-Gründe. Nach jahrelangen Diskussionen um die Entwicklung des neuen Stadtteils geht es nun Schlag auf Schlag. Bis 2025 sind rund 5.200 Wohneinheiten für 10.000 Menschen geplant. Wo bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in der Brauerei Reininghaus das gleichnamige Bier hergestellt wurde, sollen aber auch – wie in der Seestadt Aspern – in großem Stil Arbeitsplätze entstehen. Rund 100.000 Quadratmeter des insgesamt 100 Hektar großen Areals sind als Gewerbezonen vorgesehen, wo künftig rund 5.000 Menschen ihrer Arbeit nachgehen werden. Eine weitere Ähnlichkeit mit dem Wiener Stadtentwicklungsgebiet: Während die Seestadt Aspern seit 2013 von der U2 angesteuert wird, soll in Graz der Ausbau der Straßenbahnlinie 4 die perfekte Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz sicherstellen. Mit der Straßenbahn wird man auch das zukünftige Zentrum der Reininghaus-Gründe erreichen. Zwei Türme – darunter das mit 80 Metern höchste Gebäude der Steiermark – werden dann hochgezogen. Geplant sind neben Büros auch ein Hotel, Nahversorgung und Gastronomie.

Smart City Graz: Energieautarker Stadtteil

Ebenfalls im Westen der steirischen Landeshauptstadt findet sich mit der Smart City Graz ein weiteres spannendes Stadtentwicklungsprojekt. Auf den Flächen des ehemaligen Gewerbe- und Industriegebiets nahe des Grazer Hauptbahnhofs werden künftig 3.500 Menschen wohnen und weitere 1.500 ihren Arbeitsplatz haben. Damit nicht genug: Die Smart City Graz soll völlig energieautark werden – unter anderem dank urbaner Solarstromerzeugung und Mini-Blockheizkraftwerk. Ermöglicht wird der neue Stadtteil im Übrigen durch die Fördermittel des Klima- und Energiefonds des Bundes für innovative Technologieprojekte. Wahrzeichen der Smart City ist der bereits fertiggestellte Science Tower, in dem unter anderem Forschungseinrichtungen eingemietet sind.

In Linz ist wiederum auf einem 85.000 Quadratmeter großen – und von der ÖBB nicht mehr benötigten – Areal auf dem ehemaligen Frachtenbahnhof in den vergangenen Jahren die „Grüne Mitte Linz“ entstanden. 800 Wohnungen wurden bereits realisiert, weitere 167 sollen mit der Fertigstellung des neuen Hochhauses „Lenau Terrassen“, einem Projekt der Erste Immobilien KAG, diesen Oktober bezugsfertig sein. In Innsbruck schreitet indes die Neugestaltung der alten Südtiroler Siedlung im Pradler Saggen voran. In fünf Bauteilen sollen dort bis Ende 2026 rund 500 neue Wohnungen entstehen. Dafür verantwortlich zeichnet die gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Neue Heimat Tirol (NHT), die in den kommenden Jahren in ganz Innsbruck insgesamt 1.000 neue Wohneinheiten errichten will.

Fleißig gebaut wird auch am ehemaligen Nordbahnhofgelände in Wien-Leopoldstadt. Stück um Stück sollen auf dem 85 Hektar großen Areal bis 2025 rund 10.000 Wohnungen und 20.000 Arbeitsplätze entstehen. Zurzeit ist bereits rund die Hälfte des Stadtentwicklungsgebiets bebaut. Auffallend ist die geplante große Hochhausdichte – bis 2022 sollen sechs Türme mit einer Höhe von über 60 Metern errichtet werden. Großes Potenzial schlummert auch am Frachtenbahnhof Nordwestbahnhof am Augarten. Ab 2022 soll auf einer Fläche von 44 Hektar ein neuer Stadtteil mit Wohnraum für 15.000 Menschen und 5.000 Arbeitsplätze realisiert werden.

Benko entwickelt Korneuburger Werft

Angesichts der Novelle der Wiener Bauordnung, die bei Neuwidmungen bzw. Widmungsänderungen einen verpflichtenden Anteil von geförderten Wohneinheiten vorschreibt, gehen Experten in der Bundeshauptstadt insgesamt von einem Rückgang bei der Anzahl an bewilligten Wohnungen aus. Die Folge des Angebotsrückgangs sowie im Übrigen auch der zunehmend hohen Bodenpreise im Wiener Stadtgebiet: Immer mehr Entwickler weichen in das Umland aus. So will 6B47 auf dem ehemaligen Metro-Areal in St. Pölten 400 Wohnungen bauen. Das Unternehmen ist auch in die Nachnutzungspläne der ehemaligen Glasfabrik in Brunn am Gebirge, südlich von Wien, involviert. Auf der brachliegenden Fläche sollen 350 geförderte und frei finanzierte Wohnungen entstehen. Ein weiteres Beispiel ist René Benkos Signa, die auf dem ehemaligen Werftareal in Korneuburg einen neuen Stadtteil entwickelt – der geplante Baubeginn ist Anfang 2022.

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