Wo Städte und Infrastruktur wachsen

Wie Österreichs Städte auf das starke Bevölkerungswachstum reagieren, wo die größten Entwicklungsgebiete entstehen und warum Milliarden Euro in den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur fließen müssen.

So wird die Wiener Skyline in einigen Jahren aussehen. Der DC Tower 1 (ganz links) steht schon, doch sein kleiner Bruder DC Tower 2, der DC Tower 3 (grau, dritter von links) und die Danube Flats (weiß, ganz rechts) müssen erst in den Himmel wachsen (Foto: OLN - Office Le nomade)

Die Wiener Skyline an der Donau verändert sich rasant. Neben dem DC Tower 1, dem mit 252 Meter höchsten Gebäude Österreichs, wachsen in den nächsten Jahren drei neue Wolkenkratzer in den Himmel. An zweien wird schon gebaut. Der DC Tower 3 wird 100 Meter hoch und das mit 830 Zimmern größte Studentenwohnheim des Landes beherbergen. Auf der anderen Seite der Wagramer Straße, entstehen anstelle eines abgerissenen Kinocenters die Danube Flats. Nach jahrelanger Verzögerung steht dem Bau des mit 160 Meter dritthöchsten Wohnturms Europas nichts mehr im Weg. 600 Apartments wird das Hochhaus beherbergen. Noch eine Spur höher wird der DC Tower 2. Der 175-Meter-Turm soll gegenüber seines großen Bruders DC Tower 1 Büros und Einkaufsmöglichkeiten, aber auch 470 Wohnungen beherbergen. Die Vorbereitungen für den Baustart laufen auf Hochtouren.

125.000 neue Wiener bis 2030

Sorgen, dass die Studentenapartments und Wohnungen lange leer stehen werden, machen sich die Immobilienentwickler nicht. Österreich wächst. Bis 2030 steigt die Bevölkerungszahl um über 400.000 auf 9,3 Millionen Menschen. Das Bevölkerungswachstum konzentriert sich vor allem auf die Ballungszentren. Allein in Wien werden bis Ende des nächs­ten Jahrzehnts um rund 125.000 Menschen mehr leben, womit dann die Zwei-Millionen-Einwohner-Grenze bereits überschritten wird. 125.000 Menschen in elf Jahren: Damit wächst Wien fast um die Bevölkerung der Stadt Innsbruck. Das Wachstum der Bundeshauptstadt schwächt sich allerdings ab. In den vergangenen zehn Jahren war die Bevölkerungsentwicklung noch stärker. Von 2009 bis 2019 wuchs Wien um die Einwohnerzahl von Innsbruck und Klagenfurt zusammen, nämlich um 230.000 Menschen.
Auch die anderen fünf heimischen Großstädte – Städte ab einer Einwohner­zahl von 100.000 Menschen – wachsen. So soll die zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, von derzeit 290.000 bis 2030 auf 321.000 Einwohner zulegen.

Der Bedarf an neuem Wohnraum bleibt also in den Ballungsräumen noch für mindestens weitere zehn Jahre hoch. Dazu kommt, dass die Haushaltsgrößen aufgrund der steigenden Zahl für Singlehaushalte kleiner werden. Derzeit gibt es in Österreich 3.946.000 Haushalte, 2030 werden es fast 4,2 Millionen sein.

Fünf Milliarden Euro für einen neuen Bezirk

Dass all die neuen Bewohner nicht in den bestehenden Strukturen Platz haben, liegt auf der Hand. Nachdem sich die Stadtplaner noch bis in die 1980er-Jahre auf schrumpfende Städte eingestellt hatten, befinden wir uns jetzt im Zeitalter der großen Stadtentwicklungsgebiete. Das größte Projekt Österreichs ist die Seestadt Aspern und befindet sich auf dem Areal des ehemaligen Flugplatzes Aspern im 22. Wiener Bezirk. Wobei das Areal selbst so groß wie ein eigener Bezirk ist. Auf 240 Hektar – das entspricht fast der Größe der Bezirke Sieben und Acht zusammen – entstehen seit 2012 Neubauten mit einer geplanten Fläche von 2,6 Millionen Quad­ratmetern. Das erfordert Investitionen von fünf Milliarden Euro. Bis 2028 soll der Stadtteil für 20.000 Bewohner fertig sein. Derzeit ist erst ein Viertel der riesigen Fläche bebaut. Doch bereits jetzt leben in der Seestadt – der Name stammt von dem eigens geschaffenen, fünf Hektar großen See – fast 7.000 Menschen in 3.000 Wohnungen. 2.000 Menschen haben dort ihren Arbeitsplatz. Derzeit sind 700 weitere Wohnungen in Bau. Noch heuer wird der Büroturm HoHo fertig, eines der weltweit höchsten Holzgebäude.

Graz wird zur Smart City

In Graz reagiert man auf das starke Bevölkerungswachstum mit zwei neuen Stadtteilen im Westen der Mur-Metropole. Auf ehemaligen Industrieflächen hinter dem Hauptbahnhof entsteht mit der Smart City ein energieautonomer Stadtteil. Bereits fertiggestellt ist der Science Tower, das 60 Meter hohe Wahrzeichen des Entwicklungsgebiets. Insgesamt werden hier bis 2025 330 Millionen Euro investiert, Wohnraum für 3.800 Menschen und 1.500 Arbeitsplätze geschaffen.

Beeindruckende Dimensionen für eine Stadt wie Graz. Aber gerade einmal zehn Fahrradminuten entfernt liegt ein noch wesentlich größeres Stadtentwicklungsgebiet: das 100 Hektar umfassende Areal der früheren Brauerei Reininghaus. Nach jahrelangen Diskussionen gibt man auf dem nur 1,8 Kilometer von der Altstadt entfernten Gebiet nun Vollgas. Hier sollen einmal 10.000 Menschen wohnen, aber auch Tausende Arbeitsplätze entstehen. Für entsprechende Flächen ist jedenfalls gesorgt. Schon Ende des Jahres soll der Bau des Zentrums der Reininghaus-Gründe beginnen. Zwei Türme – darunter das mit 80 Metern höchste Gebäude der Steiermark – werden dann hochgezogen. Geplant sind neben Büros auch ein Hotel, Nahversorgung und Gas­tronomie.

Alte Bahnhöfe machen Entwicklung erst möglich

Was die Reininghaus-Gründe in Graz oder die Seestadt in Wien von vielen anderen großen Stadtentwicklungsgebieten in Österreich unterscheidet: Sie entstehen nicht auf ehemaligen Bahnflächen. Aufgelassene Bahnhofsareale machten die zentrumsnahe Schaffung von neuen Stadtteilen oft erst möglich. In Wien entstanden das Quartier Belvedere und das Sonnwendviertel rund um den neuen Hauptbahnhof. Der neue Stadtteil ist nach rund zehn Jahren fast fertiggebaut.

Noch einige Jahre dauern wird die Fertigstellung des 85 Hektar großen früheren Nordbahnhofgeländes beim Wiener Praterstern. Es ist derzeit etwa zur Hälfte bebaut. Bis 2025 soll der neue Stadtteil für 20.000 Bewohner finalisiert werden. Im Vorjahr übersiedelte die Bank Austria dorthin ihre neue Zentrale. Noch teilweise in Betrieb ist hingegen der Güterbahnhof Nordwestbahnhof. Das 44 Hektar große Gebiet beim Augarten – das fast direkt an das Ende des Nordbahnhofareals angrenzt – soll im nächsten Jahrzehnt ebenfalls zu einem neuen Stadtteil für fast 15.000 Bewohner werden. Vor 2030 ist allerdings nicht mit einer Fertigstellung zu rechnen.
Deutlich weiter ist man schon am ehemaligen Linzer Frachtenbahnhof. Das 85 Hektar große Gebiet ist die größte Stadtentwicklung in Oberösterreich und heißt nun Grüne Mitte Linz. Hier wurden bereits 800 Wohnungen fertiggestellt. 

Noch ungeklärt ist hingegen die Zukunft des Innsbrucker Frachtenbahnhofs. Für die wachsende Tiroler Landeshauptstadt, in der Platz so knapp wie in keiner anderen heimischen Metropole ist, stellt das zentral gelegene Areal jedenfalls die wichtigste Flächenreserve dar.

Fahrerlose U-Bahn fährt in Wien ein

Einen Fehler der Vergangenheit möchte man in den wachsenden Städten jedenfalls vermeiden. Dass neue Stadtteile mit Tausenden Bewohnern und Arbeitsplätzen ohne leistungsfähigen Anschluss an die öffentlichen Verkehrsmittel gebaut werden.

In Wien ging man bei der Seestadt Aspern überhaupt einen neuen Weg. Noch bevor der erste Wohnbau fertiggestellt war, verlängerte man die U-Bahn-Linie U2 auf die grüne Wiese in den Nord­osten.
Nun soll die U2 auch Stadtentwicklungsgebiete im Süden erschließen. Die Verlängerung der U2 und der gleichzeitige Neubau der Linie U5 wird von der Stadt als das wichtigste Zukunftsprojekt bezeichnet. Rund eine Milliarde Euro wird für die erste Bauphase investiert. Dabei wird die U2 bis 2027 zum Verkehrsknoten Matzleindsdorfer Platz verlängert. Bis 2029 soll die Linie bis zum bisher nicht optimal angebundenen Wienerberg führen. Das freut auch die 2.000 neuen Bewohner, die nächstes Jahr in die Biotope City auf den Coca-Cola-Gründen ziehen werden.

Die U5 übernimmt Teile der alten U2-Strecke ab dem Karlsplatz bis zum Rathaus (wo sie die neue U2 kreuzt) und soll 2027 am Hernalser Elterleinplatz enden. Das Besondere an der U5: Für sie werden erstmals bis zu 45 fahrerlose Züge angeschafft, die den Verkehr dann vollautomatisch abwickeln werden.

Erweiterung aller Straßenbahnnetze

Wie ernst es die Städte mit der Verbesserung der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur meinen, zeigen auch die Investitionen in die Straßenbahnen. Erstmals seit Jahrzehnten werden alle heimischen Straßenbahnnetze verlängert. Egal ob in Wien, Graz, Linz oder Innsbruck. Sogar die kürzeste Straßenbahn des Landes – in Gmunden am Traunsee – wurde letztes Jahr zur Regiotram ausgebaut und verbindet nun die Bezirksstadt mit dem Umland. Das ist insofern beachtlich, als viele Straßenbahnlinien bis in die 1970er-Jahre wegen des steigenden Autoverkehrs eingestellt wurden.

In Wien wird in Zukunft unter anderem die Seestadt Aspern nicht nur an die U-Bahn, sondern auch an die Straßenbahn angebunden. In Graz investiert die Stadt bis 2023 117 Millionen Euro in den Ausbau des Netzes, der auch die beiden erwähnten Entwicklungsgebiete Reininghaus-Gründe und Smart City anbinden wird. Eine weitere Ausbaustufe in Höhe von 200 Millionen Euro nach dem Jahr 2023 ist in Planung. In Linz baut man derzeit an einer völlig neuen, zweiten Straßenbahnachse. Dafür wird auch eine neue  Donaubrücke errichtet. Insgesamt werden 4,7 Kilometer neue Strecke gebaut, 2,6 Kilometer davon unterirdisch.  Sieben von neun Haltestellen der Linzer Mini-U-Bahn werden unter der Erde gebaut.

Die zweite Straßenbahnachse war auch deshalb notwendig geworden, weil im Linzer Stadtzentrum ein Schienenabschnitt von allen Linien genutzt wird. Dieses Nadelöhr wird in Zukunft entlastet. Die Grazer Straßenbahn, die mit einer ähnlichen Situation im Stadtzentrum kämpft, baut ebenfalls an einer Entflechtung der Strecken.

Besonders ambitioniert ist das Ausbauprogramm der Tram in Innsbruck. Dort arbeiten die städtischen Verkehrsbetriebe seit 2010 an einer schrittweisen Verlängerung der Straßenbahn als Ost-West-Verbindung. Im Jänner wurde wieder ein Teil der insgesamt 15 neuen Schienenkilometer eröffnet. Bis 2023 soll der 400 Millionen Euro teure Ausbau abgeschlossen sein. Dann werden auch die beiden Vororte Rum im Osten und Völs im Westen an das Stadtzentrum angeschlossen sein. Eine Straßenbahn über die Hauptstadtgrenzen hinaus – das hat bisher in Österreich nur Linz mit der Anbindung von Leonding und Traun geschafft.

Mini-U-Bahn für Salzburg

Im staugeplagten Salzburg braucht man nicht über den Ausbau der Straßenbahn nachzudenken. Die Linie wurde schon in den 1940er-Jahren eingestellt und durch den O-Bus ersetzt. Doch nun scheint man auch hier auf eine innerstädtische Schienenlösung zu setzen. Das Langzeitprojekt der unterirdischen Verlängerung der Salzburger Lokalbahn vom Hauptbahnhof bis zum Mirabellplatz nimmt konkrete Formen an und könnte bis 2024 realisiert werden. Das wäre zwar nur eine Verlängerung um nicht einmal einen Kilometer, doch könnte sie ein erster Schritt sein, um die Lokalbahn unter der Innenstadt in den Süden zu verlängern.

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