Vorschau aktuelle Ausgabe

 

 

Die Technologie des Jahrzehnts

Emotionale Künstliche Intelligenz, Drohnen, Blockchain, Gesichtserkennung, Sozialkreditsystem, Nanoscale 3D Printing, Biotech, Augmented Reality Cloud, 5G, Prescriptive Analytics, Digital Ethics etc. – zahlreiche neue Technologien werden in der Dekade marktreif. Die digitale Zukunft, ob sie düster oder hell sein wird, bestimmen wir alle.

(Fotos: Gugurat - GettyImages.com)

Technologie ist weder gut noch böse. Es kommt darauf an, wer (oder welches künstliche System) sie warum, wie und wofür einsetzt. Etwa Drohnen und Flugtaxis. Wer abgeschieden auf dem Land lebt und seine Medikamente einfach und unkompliziert per gelber Post-Drohne geliefert bekommt, wird es als guten, schnellen Service titulieren. Oder wer durch den Einsatz von Drohnen, Machine Learning und Künstlicher Intelligenz große Einsparungen bei Wartungskosten von Schornsteinen oder Windparks hat. Oder in Filmen um wenig Geld ganz neue Perspektiven dank Kameraluftaufnahmen auf die Leinwand bringt. Wer jedoch von den kleinen, kaum hör- und sichtbaren Drohnen mit ihren HD-Kameras paparazzimäßig gestalkt, gefilmt und ausspioniert oder bei sogenannten Anti-Terror-Einsätzen sogar von Militärdrohnen beschossen wird, entwickelt mit Sicherheit härtere Gefühle.

Diese Dekade entscheidet, wohin die Digitalisierung die globale Wirtschaft und Gesellschaft (allein Facebook hat mehr User als China und Indien Einwohner, siehe Seite 130) steuern wird. Hinter Abkürzungen wie KI, AR, 5G & Co. stecken Technologien mit enormem Entwicklungspotenzial und folglich riesige Chancen sowie milliardenschwere Investitionen. Allein die superschnelle Mobil- und Datenfunktechnologie „5G“ (Seite 104) hat das Potenzial, jedes Geschäftsmodell zu verändern, zu disruptieren, zu beschleunigen oder überhaupt erst zu gebären.

Allein – wann wird welche Technologie marktreif? Die Entwicklung neuer Technologien verläuft in Phasen. Und kaum jemand stellt potenziell einflussreiche Technologien dabei so gut dar wie die US-Unternehmensberatungsfirma Gartner. Welche Stufe der Entwicklung eine Technologie erreicht hat und wie viel Zeit sie noch bis zu einer weit verbreiteten Nutzung braucht. Und zwar in Form des „Gartner-Hype-Zyklus“ – wie Sie der Grafik auf Seite 98 sowie des Artikels ab Seite 114 entnehmen können.

Drohnen

Für den Bereich der „Light Cargo Delivery Drones“ etwa sieht Gartner den Einsatz im großen Stil für die zweite Hälfte des Jahrzehnts voraus (siehe Grafik). Aber was wird denn darunter verstanden? Fliegende? Oder neuerdings auch tauchende Drohnen? Kleine bis 250 Gramm oder darüber (Schwerere muss man anmelden)?
Mehr als 100.000 Drohnen sind laut Schätzung des ÖAMTC in Österreich bereits im Einsatz. Bei unseren Nachbarn in Deutschland schwirren rund 450.000 private Drohnen und etwas mehr als 19.000 gewerbliche unbemannte Flugobjekte herum. Bis 2030, schätzt der dortige Branchenverband, werden die gewerblich genutzten Drohnen auf 126.000, der Markt von 574 Millionen auf fast drei Milliarden Euro ansteigen. Ähnliche Zuwächse werden auch für Österreich erwartet. Von der Feuerwehrdrohne, die in unzugänglichem Gelände oder bei Großbränden den Einsatzkräften einen Überblick über das Brandgeschehen ermöglicht, reicht das Einsatzgebiet bis zur Lieferdrohne, die z. B. heute schon im Werksgelände bei ZF Friedrichshafen Ersatzteile zustellen oder bei der Post Dienst tun soll.

Medikamente sollen per Drohne auf Inseln vor dem Festland oder in den Bergen zugestellt werden, Drohnen mit (hochauflösenden) Kameras helfen Ingenieuren bei der Kontrolle schwer erreichbarer Bauteile wie Dächern, Brücken oder Masten. Mit einem Lasermessgerät ausgerüstet, können Drohnen bei der Vermessung von Gebäuden, der Landschaft und Landwirtschaft Zeit und Kos­ten sparen. Husqvarna z. B. denkt daran, seine Rasenmähroboter zum Mähen auf schwer erreichbaren Grundstücken wie begrünten Dächern oder Mittelgrundstücken von Autobahnkreuzungen per Drohne anzuliefern und wieder abzuholen. Nach dem Brand von Notre Dame in Paris wurden Kameradrohnen des Marktführers DJI (Da Jiang International Sciences and Technology) eingesetzt, weil die Bauruine wegen Einsturzgefahr nicht betreten werden konnte.

An der TU Graz wird daran geforscht, um Drohnen für die vollautomatisierte Überwachung von kritischer Infrastruktur (zum Beispiel Tunnel) oder von Hängen zu rüsten, damit gefährliche Rutschungen möglichst früh und automatisch detektiert werden können. Solche Hänge werden derzeit mittels stationärer Laser- und Radarmessung überwacht, was nur für einen Bruchteil des gefährdeten Gebiets möglich ist. Drohneneinsätze sind dabei um ein Vielfaches günstiger als Hubschraubereinsätze und mittels Lärmüberwachung können Drohnen zukünftig im Bedarfsfall ihre Fluglage so anpassen, dass weniger Lärm erzeugt wird. Damit sind auch Einsätze innerorts und während nächtlicher Ruhezeiten möglich.

Nicht zivile Drohnen sind nicht nur dank hochauflösender Kameras in der Lage, Überwachungs- und Spionageaufgaben zu übernehmen, sondern auch Waffen zu tragen. Manche Militärexperten sehen in ihnen sogar schon einen zukünftigen Ersatz von Kampfjets, fällt doch das Risiko für den „Piloten“, der in einem Militärcontainer Tausende Kilometer weit entfernt sitzen kann, weg. Aber hier reden wir eigentlich nicht mehr über Zukunftstechnologie. Das ist bereits real und seit Jahren im Einsatz. Wer hat nicht die Bilder von Obama und seinem Befehlsstab in Erinnerung, wie sie im „war room“ live dem Einsatz zusahen (wenn Sie es nicht mehr wissen, googeln: obama osama bin laden war room).

Der österreichische Schiebel Cam­copter S-100 ist so ein unbemannter Hubschrauber, der sowohl unbewaffnet für OSZE-Einsätze verwendet wird, als auch z. B. mit Luft-Boden-Raketen vom Typ
Thales LMM bestückt werden kann. Bis 2025 soll die Euro-Drohne entwickelt und ab 2027 wahrscheinlich bei Airbus in Serie gefertigt werden und die als Zwischenlösung genutzte israelische Heron ablösen.

Gesichtserkennung

Mehr als 600 Millionen Kameras will die chinesische Regierung in der Öffentlichkeit installieren, um die rund 1,4 Milliarden Chinesen und im Land befindlichen Ausländer auf Schritt und Tritt überwachen und deren Verhalten steuern zu können. Die installierte Gesichtserkennungssoftware ermöglicht es bereits, z. B. gesuchte Straftäter schnell ausfindig zu machen oder, wie in der Covid-19-Krise, eine angeordnete Quarantäne überwachen zu können. Das System „Xue Liang“ bedeutet so viel wie „Adleraugen“ und kann nicht nur aufzeichnen, was die Kameras sehen, sondern auch was gerade passiert und vor allem wer auf den Aufnahmen zu sehen ist. Mit der Gesichtserkennung können Studentenheim- oder Hoteltüren geöffnet werden, der Zimmerserviceroboter liefert nur, wenn er den Hotelgast erkennt. Somit ist auch der Schritt zum kontaktlosen Bezahlen bereits getan, 3D-Kameras sorgen für die nötige Sicherheit, damit nicht ein vor die Kamera gehaltenes Foto den Zahlungsvorgang auslöst. Rund 118 Millionen Chinesen sind für Zahlsysteme per Gesichtserkennung registriert, bis 2024 erwartet sich die Regierung mehr als 750 Millionen.

Social Credits

Das von den Kameras beobachtete Verhalten fließt zudem in das „Social-Credit-System“ ein, etwa wer bei Rot über die Straße geht, erhält 50 Minuspunkte. Wer seine alten Eltern unterstützt, erhält wiederum Pluspunkte. Mehr als zehn Millionen Chinesen standen vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie bereits auf der schwarzen Liste, zirka 600 Punkte, gestartet wurde mit 1.000 Punkten, maximal möglich sind 1.300. Belohnungen für sozial erwünschtes Verhalten sind z. B. die Bevorzugung bei Bewerbungen auf einen Job, Steuervorteile oder die Bevorzugung für die Schulwahl des Kindes. Strafen sind der beschränkte Zugang zu öffentlichen Services, Ausschluss vom Buchen von Flugzeug- oder Bahn-Tickets bis zum Public Shaming im Fernsehen, auf großen Screens in Einkaufszentren oder über Social Media. Wie aber politische Kritik an der Einheitspartei in diesem System eingeordnet wird?

Mittlerweile ist die Technik etwa von Megvii mit der Software Face++ so perfektioniert, dass auch Gesichter erkannt werden, die mit dem berühmten Mund-Nasen-Schutz halb verborgen bleiben. Überwachung ist auch ein gewünschter Exportschlager aus China. 75 von 176 Staaten setzen laut dem globalen Thinktank Carnegie Endowment of International Peace auf deren Überwachungstechnologie, viele Staaten fahren eine Doppelstrategie mit weiteren Anbietern wie Huawei, IBM, Palantir und Cisco. Zum weiteren Training der Gesichtserkennung hat das chinesische Unternehmen CloudWalk mit dem repressiven Regime in Simbabwe ein Abkommen abgeschlossen, um Zugang zu Millionen von Gesichtsdaten dunkelhäutiger Menschen zu bekommen.

Und in Österreich? Ist gerade die 2018 beschlossene Ermächtigung, die Videodaten von Schulen, Banken, Krankenhäusern oder Gemeinden online dem Innenministerium zugänglich zu machen, technisch gescheitert. Dazu gibt es massive rechtliche Bedenken gegen die Ausweitung der BürgerInnen-Überwachung, etwa der automatisierten Kennzeichenanalyse auf Autobahnen und Co.

Unterschiedliche Länder, unterschiedliche Sitten, aber unabhängig davon ist die Gesichtserkennung State of the Art. Sogar in der eigenen Hand. Besitzer gehobener Smartphones oder Windows-User können damit Handy und PC entsperren, am Flughafen kann die Schranke durch den Fotovergleich von Passfoto und einem Livebild geöffnet werden, der digitale Grenzpolizist wird seine menschlichen Kollegen bald ersetzen können.
Forscher arbeiten daran, neben der reinen Erkennung von Personen auch deren Gemütszustand, die Stimmung zu erkennen. In Pilotversuchen wird z. B. die Stimmung von Kunden eines Supermarkts beim Betreten erfasst. Schaut der Kunde müde aus, bekommt er ein Angebot auf die digitale Kundenkarte auf dem Handy, einen verbilligten Kaffee im angeschlossenen Kaffeehaus zu genießen. Verbunden mit Künstlicher Intelligenz (KI), laufen auch Projekte, die anhand von Situation, Milieu, Körpersprache etc. für die Behörden vorerkennen sollen, obsich strafbare Handlungen anbahnen oder alles harmlos bleibt. Etwa wie jemand die Hand hebt, lässt die KI errechnen, ob es feindlich oder harmlos ist.


In der aktuellen GEWINN extra-Ausgabe finden Sie detaillierte Informationen zu den neuesten Technologien des Jahrzehnts  – jetzt neu in Ihrer Trafik!

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.