„In den nächsten Jahren werden Billionen an Werten auf Blockchains übertragen!“

Yoni Assia, Mitgründer und Chef des Online-Trading-Portals Etoro und der Krypto-Börse Etorox, erklärt im Gespräch mit GEWINN, warum einer der größten Vorzüge von Facebooks Krypto-„Währung“ Libra gleichzeitig auch ihr größter Schwachpunkt ist.

Yoni Assia (Foto: Etoro)

GEWINN: Facebook hat gemeinsam mit zahlreichen Unternehmen ein Projekt names Libra gestartet, das die Schaffung von sogenannten „Währungs-Tokens“ auf Basis der Blockchain-Technologie, ähnlich wie Bitcoin, zum Ziel hat. Wie schätzen Sie das Vorhaben ein?

Assia: Generell ist das Libra-Projekt sehr gut für die gesamte Krypto-Bewegung, weil es dieses Thema in die Breite bringt. Und sie haben das sehr geschickt aufgezogen als eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in der Schweiz.

GEWINN: Dennoch gab es zuletzt große Vorbehalte von Notenbanken, Staaten und Datenschützern gegen das Libra-Projekt. Können sie Facebooks Initiative gefährden?

Assia: Es ist aus heutiger Sicht relativ schwer abzuschätzen, wie sehr die Staaten tatsächlich dagegen sind. Es handelt sich dabei um einen sogenannten Stable-Coin, bei dem die ausgegebenen Libra-Token mit einem Korb an herkömmlichen Währungen hinterlegt sind. Um die hinterlegten Währungen zu verwalten, braucht es Bankkonten. Diese sind reguliert, und damit braucht es eine Art von Genehmigung von staatlicher Seite. Daher können Staaten theoretisch das Projekt blockieren, wenn sie möchten. Während es nahezu unmöglich ist, per Gesetz oder Regulierung das Bitcoin-System als solches zu blockieren.

GEWINN: Wie würden Sie unseren Lesern erklären, was „Tokens“ bzw. „Tokenisierung“ sind?

Assia: Mittels „Tokenisierung“ wandelt man die Eigentumsrechte an einem physischen oder immateriellen Wert oder Vertrag in ein digitales Token um, das dann in der Blockchain verfügbar ist.

GEWINN: Wodurch unterscheidet sich ­Lib­ra von dem seit 2009 existierenden Bitcoin-System noch?

Assia: Beide basieren auf einem Open-Source-Programm und der Blockchain-Technologie. Aber Libra ist eine sogenannte „permissioned“ Blockchain, bei der ein Konsortium aus zig Unternehmen die Transaktionen in diesem Netzwerk bestätigen soll. Theoretisch können sie daher auch Transaktionen nicht genehmigen. Bei Bitcoin ist das dagegen vollkommen dezentralisiert. Hier kann keine Gruppe an Unternehmen eine Politik festlegen, die gewisse Transaktionen nicht erlaubt. Jeder kann im Bitcoin-Netzwerk zum Miner werden. Bei Libra muss man Teil des Konsortiums sein.

GEWINN: Ein Kritikpunkt, warum Bitcoin trotz der ursprünglichen Inten­tion bisher kaum als Zahlungsmittel Anwendung findet, ist die geringe Anzahl an Transaktionen, die in einer gewissen Zeit abgewickelt werden können.

Assia: Libra soll laut dem von ­Facebook veröffentlichten White­paper (Anm.: detaillierte Beschreibung des Vorhabens)  deutlich schneller sein und eine viel größere Anzahl von Transaktionen pro Sekunde ermöglichen. Aber der größte Unterschied ist, wie bereits erwähnt, dass Libra ein Stable-Coin ist. Dadurch verhalten sich diese Libra-Coins ähnlich wie Euro oder US-Dollar, an deren Kursentwicklung Lib­ra geknüpft ist. Bitcoin hat dagegen keinerlei Verknüpfung zu einem intrinsischen Wert.

GEWINN: Sie haben ja neben Ihrer bestehenden Etoro-Online-Trading-Plattform zuletzt mit Etorox eine eigene Krypto-Handelsplattform gestartet, die auch eigene Stable-Coins auf Währungen und Rohstoffe anbietet. Ist Libra damit nicht eine Konkurrenz für Ihr eigenes Angebot?

Assia: (lacht) Unglücklicherweise kann ich etwas, das Facebook mit seinen zwei Milliarden Nutzern macht, nicht als „Konkurrenz“ betrachten. Facebook zielt auf eine andere Nutzung ab, und zwar finanzielle Inklusion und internationale Zahlungen. Es ist in vielen ­ Ländern für Menschen immer noch schwierig, ein Bankkonto zu haben. Und das ist meines Wissens nach das Hauptproblem, das Libra zu beheben versucht. Falls die Schaffung von Libra gelingt, wird man auf unserer Plattform auch unsere eigenen Stable-Coins gegen Libra-Coins eintauschen können.

GEWINN: Libra und Bitcoin sind Beispiele für Währungs-Tokens. Auch Gold  und andere Anlagewerte lassen sich als Token in Blockchains abbilden. Wie weit kann das gehen?

Assia: In näherer Zukunft, also den nächsten zehn, 15 Jahren, sehe ich eine weit verbreitete „Tokenisierung“ von Währungen und Rohstoffen. Da werden finanzielle Werte in Höhe von Billionen Euro auf Blockchains transferiert werden. Auf lange Sicht sind die Möglichkeiten meiner Meinung nach endlos. Es werden Kunstobjekte, Diamanten, Immobilien oder sogar die Rechte an Marken oder Stars in Blockchains abgebildet sein. Ich denke dabei an alle digitalen Rechte, die mit physischen Objekten oder immateriellen Rechten verbunden werden können. Da können dann etwa kleinste Anteile an berühmten Kunstwerken  auf Blockchain-Basis gehandelt und ausgetauscht werden. Aus meiner Sicht ist das Revolutionäre daran, dass da Standards entwickelt werden, die es ermöglichen, Werte von einer Person oder einem Unternehmen zu einem anderen friktionsfrei zu transferieren. Das eröffnet eine Vielzahl an Möglichkeiten in vielen Branchen.

GEWINN: Auch Aktien können tokenisiert und auf Blockchains direkt von Nutzer zu Nutzer gehandelt werden. Macht das irgendwann nicht herkömmliche Aktienbörsen ­obsolet?

Assia: Die Frage ist, wie schnell sich die klassischen Börsen anpassen. Ob unsere EtoroxHandelsplattform eines Tages größer sein wird als die US-Technologiebörse Nasdaq, oder ob diese Börsen die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie selber rasch nutzen. So beschäftigt sich gerade die Nasdaq schon sehr intensiv mit der Blockchain-Technologie in Bezug auf Aktienhandel. Auch die australische Börse arbeitet daran, ihre Handelsabwicklung auf ein Blockchain-basiertes System umzustellen. Ich persönlich glaube, dass viele große Börsen die Mittel haben werden, um sich rasch anzupassen, während viel kleinere Märkte in einer vollkommen neuen Welt aufwachen werden. 

Zur Person

Yoni Assia (interviewt von GEWINN-­Redakteur Martin Maier in der Firmenzentrale in Tel Aviv) gründete im Jahr 2007 gemeinsam mit ­seinem Bruder Ronen Assia und David Ring den Finanz­dienst­leister Etoro: Die Handelsplattform bietet mittels CFDs (Contracts For Difference, ­Differenz­ver­träge) den Handel mit Aktien, Rohstoffen, Indizes und Devisen an. Seit 2017 ist auch der ­Handel mit Krypto-Assets möglich.
Laut eigenen Angaben führten sie im Jahr 2010 als erste Trading-Plattform weltweit eine  Social-­Trading-Funktion ein, mit der man seine Trades veröffentlichen und anderen Tradern folgen kann. Etoro zählt aktuell rund elf Millionen Kunden in 140 Ländern weltweit und hat über 700 Mitarbeiter.

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