Megatrends Inklusion und Barrierefreiheit

Die Zwei-Drittel-Gesellschaft ist nicht zukunftstauglich. Spannende neue Technologien machen Information und damit immer mehr Produkte und Services für alle Menschen konsumierbar.

Mit der IntegraMouse, eine Entwicklung von LifeTool gemeinnützige GmbH aus Linz, steuert man den Computer mit Mund und Zunge (Foto: IntegraMouse/Florian Neumüller/LIFEtool)

Videokonferenzen – und natürlich Konferenzen und Seminare, sobald es sie wieder gibt – lassen sich jederzeit untertiteln. „Google Translate“ (translate.google.com) ist eine App, die das kann, und es gibt eine ganze Generation von App-Entwicklern wie Speech­gear/Streamer oder DeepL, die „Speech-to-Text“-Übersetzungen oder „Text-to-Speech“ oder Übersetzungen zwischen Dutzenden Sprachen in realtime anbieten. Und Youtube bietet längst die automatische Untertitelung in vielen Sprachen an, wenn man die richtigen Knöpfe findet.
Das ist für viele Menschen einfach komfortabel, für andere aber der erstmalige Zugang zu Information. Einer der Chefentwickler dieser Technologien bei Google in Kalifornien, Dimitri Kanevsky, ist selbst gehörlos und kann heute über solche Texte auf seinem Tablet vollwertig an Besprechungen teilnehmen.

Information für alle

Informationen – von den Nachrichten bis zur Stromrechnung – sind seit jeher nur für die Zwei-Drittel-Gesellschaft gemacht. Der Rest wurde sich selbst überlassen. Menschen mit starken Sehbehinderungen tun sich mit Zeitungen genauso schwer wie mit dem Internet sowie mit der Orientierung im öffentlichen Raum oder beim Erkennen, was auf einer Verpackung steht. Menschen mit Hörbehinderungen können an verbaler Konversation nicht teilnehmen und nicht telefonieren. Menschen ohne ausreichende Deutschkenntnisse oder mit Lernschwierigkeiten verstehen fast nichts, was geschrieben oder gesagt wird. Das Gleiche gilt für Menschen mit Demenzerkrankung oder für Kinder und wird bislang einfach als unveränderbar hingenommen.

Das ändert sich aber nun immer rascher. Das wachsende Bewusstsein für ein Grundrecht auf verständliche Information ist dafür genauso Treiber wie die Digitalisierung – die für sich aber nicht das Alleinrezept für Inklusion und Barrierefreiheit ist. Als die spiegelglatten Smartphones vor mehr als zehn Jahren die Blackberries mit ihren Tastaturen ablösten, war das eine Katastrophe für blinde und sehbehinderte Menschen, da ihr Zugang damit schlagartig blockiert war. Siri und Alexa sind hingegen nun ein Segen, genauso wie die Vorlesefunktion (mit Fast-Forward-Funktion) für E-Mails und Web-Seiten.

Ein Web für alle

Neue Technologien sind der Schlüssel für den Informationszugang für alle, wenn richtig und durchdacht konzipiert. Dem hat kürzlich auch die EU mit dem European Accessibility Act Rechnung getragen, der künftig die öffentlichen Auftraggeber dazu zwingt, für Ministerien, Hochschulen usw. nur noch barrierefreie Technologien anzuschaffen. Dazu gehören auch Bankomaten, Ticketmaschinen oder TV-Fernbedienungen. Da die öffentlichen Auftraggeber nach Schätzungen mehr als 20 Prozent aller Investitionen direkt oder indirekt veranlassen, wird das die gesamte IT-Landschaft verändern.

Besonders wichtig ist dabei die Barrierefreiheit von Web-Seiten. Mit der Norm WCAG 2.0 (bald 3.0) gibt es einen internationalen Standard, den öffentliche Stellen wie Ministerien bereits anwenden müssen, sodass beispielsweise jeder Befehl auch über die Tastatur eingegeben werden kann oder Farbkontraste und Schriftgrößen einfach verstellt werden können.

Bibliotheken für alle

Bookshare (www.bookshare.org) ist eine in den USA entwickelte digitale Bibliothek, auf der Hunderttausende Bücher gespeichert und über alle Geräte – Smartphone, Tablet, PC – lesbar sind. Zum Unterschied von normalen Audiobüchern kann man rasch von Kapitel zu Kapitel springen, hat ein preisgünstiges Abo und einiges mehr.

Mit dem „Marrakesh-Treaty“ gibt es ein internationales Abkommen, das für Audiobücher Ausnahmen von den Copyright-Regeln ermöglicht, wenn ein Land das Treaty unterzeichnet. Die EU ist 2018 beigetreten (www.wipo.int/treaties/en/ip/marrakesh/), genauso wie die USA.

Geräte für alle

Tablets, Smartphones, Tastaturen und Fernbedienungen können von vielen Menschen nicht bedient werden, weil sie beispielsweise mit der Touch-Funktion nicht umgehen können. Hier setzen etliche neue Technologien an. Livox ­(zeroproject.org) etwa ist ein Start-up aus Brasilien, das allen Kindern den Umgang mit Tablets und Smartphones lernt, um diese mit Ellenbogen oder Handballen bedienen zu können.

Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Autismus werden durch Apps unterstützt, mit denen sie spielerisch sowohl eine Sprache als auch den Umgang mit Geräten lernen, etwa „Die schlaue Box“ aus Österreich (www.molemental.com) oder Social Skills Animation aus Serbien ­(socialskillsanimation.com).
Es geht aber auch um komplexere Behinderungen: Irisbond (www.irisbond.com) aus Spanien hat eine Technologie auf den Markt gebracht, mit der die Computermaus mit der Bewegung der Pupille gesteuert wird. Die IntegraMouse (www.integramouse.com), eine Entwicklung von LifeTool gemeinnützige GmbH aus Linz, tut das Gleiche mit Mund und Zunge.

Sprache für alle

Das Konzept der Einfachen Sprache (vereinfachte Sprache oder Leichte Sprache, ein geschützter Begriff) gewinnt zunehmend an Bedeutung, der Tatsache Rechnung tragend, dass ein Großteil der veröffentlichten Informationen (Nachrichten, Sachbücher, Rechnungen, Gebrauchsanleitungen für Medikamente etc.) von einem Großteil der Menschen nicht sinnerfassend gelesen werden können.

Die atempo GmbH aus Graz entwickelt hier mit der Capito-App einen spannenden Digitalisierungsansatz, der Sprache automatisiert von einem Sprach-level auf ein niedrigeres übersetzt (www.capito.eu/capito-app/).
Microsoft hat hier mit dem Immersive Reader (www.onenote.com/learningtools) ebenfalls etwas zu bieten: eine Ergänzung zu Office-Produkten, die diese an die Lese- und Schreibfähigkeit des Anwenders anpasst. Mit Simax (www.simax.media) gibt es ein österreichisches Start-up, das Sprache automatisch in die Gesten und Mimik eines Gebärdenspracheavatars übersetzt. Und die Orcam aus Israel ist eine Minikamera, aufgesetzt auf eine Brille und mit Ohrenstöpseln, die alles kann: von der Schrift, die sie erkennt und ins Ohr vorliest, über die Erkennung von Verkehrszeichen bis zur Gesichtserkennung. Der Marktpreis ist mit einigen tausend Euro zwar noch prohibitiv hoch, in Deutschland ist sie als Hilfsmittel von der Krankenkasse allerdings schon anerkannt (in Österreich nicht, www.orcam.com/de).

Die Zukunft: Gedankensteuerung

Die Technik, auf die in der Zukunft am meisten gesetzt wird, weil sie die meisten Einschränkungen auf einmal überwindet, ist die Gedankensteuerung. Sie ist teilweise weiter, als man glaubt. So hat der brasilianische Unternehmer Rodrigo ­Huebner Mendes, der von den Halswirbeln abwärts gelähmt ist, über Gedankensteuerung ein Formel-1-Auto rund um eine Rennstrecke gejagt (www.etek nix.com). Lewis Hamilton hat die Challenge angenommen, gegen ihn zu fahren.
Und wer selbst mit seinen Gehirnwellen experimentieren will, kann das um 299 US-Dollar auch schon tun (www.emotiv.com).

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.