KI – aber jetzt endlich!

Künstliche Intelligenz wird schon bald zur betrieblichen Normalität. Aktionspläne auf nationaler und europäischer Ebene sollen dabei helfen. In der Start-up-Szene gibt es punktuell gute Lösungen, jetzt muss das Gros der Unternehmen aufwachen.

Ein Hoffnungsgebiet für KI ist die Medizin, wo vor ­allem in der bildgebenden Diagnostik (Röntgen, MRT etc.) Kollege Roboter den Arzt unterstützen kann (Foto: logoboom)

Wenn das Smartphone erkennt, ob Personen, das Meer oder ein Essen fotografiert wird und entsprechend von selbst die passenden Funktionen einstellt und laufend anpasst, dann kommt diese Info vom KI-Chip, der in den letzten Smartphone-Generationen bereits verbaut wird. Chatbots wiederum automatisieren die Kommunikation mit Kunden und lernen bei jedem Kundengespräch dazu – eine erwartbare Revolution für den Arbeitsmarkt im Kundenservice.

Künstliche Intelligenz (KI) ist nichts Neues, die ersten „Anwendungen“ gibt es seit Mitte der 1950er-Jahre. Was hingegen neu ist und zum Hype rund um die zwei Buchstaben geführt hat, ist die rasante Zunahme in der Datenverarbeitung bei verfallenden Speicherpreisen. Kein Wunder also, dass Consultants weltweit ihren Kunden „dringenden Aufholbedarf“ in Sachen KI diagnostizieren. Auch wenn einige ziemlich übertreiben, grundsätzlich kommt das nicht von ungefähr. Studien von Boston Consulting und EY zeigen auch unserer kleinen, aber feinen Alpenrepublik den Aufholbedarf. Während in China bereits mehr als 30 Prozent der Unternehmen KI einsetzen, sind das in Österreich erst 13 Prozent. Telekom, Medien, Energie und Technologie sind dabei besonders aktiv, der Handel und der Finanzdienstleistungssektor haben – richtig – Aufholbedarf.

KI braucht Big Data

KI braucht, vereinfacht formuliert, Daten, Daten und nochmals Daten. Nicht umsonst sammeln die Internet-Giganten seit Jahren unsere Daten so gierig wie einst Pacman-Punkte, um damit deren KI-Sys­teme zu füttern. Allein am Standort New York arbeiten 4.000 Spezialisten für den Internet-Riesen Google für dessen KI- Flaggschiff Deepmind.

Wenn Deutschland plant, in einer finanziellen Kraftanstrengung drei Milliarden Euro in KI zu investieren, fordern in Ableitung davon Experten für Österreich nach der alten 1:10-Regel reflexartig zumindest 300 Millionen Euro Förderung für KI-Forschung. Das neu gegründete Institute of Advanced Research in Artificial Intelligence (IARAI) ist mit 25 Millionen Euro Budget für fünf Jahre finanziert und soll unter der Leitung des KI-Pioniers Sepp Hochreiter und zweier Kollegen mit 30 Experten KI-Grundlagenforschung betreiben. IARAI ist zudem im europäischen Forschungsnetzwerk ­Ellis (European Laboratory for Learning and Intelligent Systems) eingebunden. Die europaweite Exzellenzinitiative soll ein akademisches Netzwerk zur Durchführung von Grundlagenforschung im Bereich Künstliche Intelligenz werden.

Bereits seit 35 Jahren beschäftigt sich zudem auch der Wiener Kybernetiker und KI-Pionier Robert Trappl mit angewandter KI-Forschung im Rahmen des Austria Research Institute for Artificial Intelligence.

Doktor Roboter

Der Begriff Intelligenz ist in der derzeitigen Welt von Bits und Bytes nicht mit jener der menschlichen Spezies gleichzusetzen – auch wenn dies das eigentliche (Zwischen-)Ziel darstellt. Den Unterschied zeigen die ersten Anwendungen. Ein Hoffnungsgebiet für KI ist die Medizin, wo vor allem in der bildgebenden Diagnostik (Röntgen, MRT etc.) Kollege Roboter den Arzt unterstützen kann, wie jüngst am Radiologenkongress in Wien gezeigt wurde. An der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der MedUni Wien werden digitale Netzhautbilder mit zwei Millionen Pixel aufgenommen, um diabetische Veränderungen innerhalb von wenigen Minuten und ohne Eingriff erkennen und analysieren zu können.

Mittlerweile kann man 50 andere Erkrankungen bereits auf diese Weise diag­nostizieren. Diabetes ist da erst der Anfang, berichtet die Leiterin der Klinik, Ursula Schmidt-Erfurth. Die Anzahl von krankhaft veränderten Zellen oder der Anteil unbeweglicher Spermien beim Fertilitätstest wird von einer Maschine genauer gezählt, und das Tag und Nacht. Mit der Kombination aus Digitalisierung und KI bietet das finnische Start-up Aiforia (ex Fimmit) Pathologen Unterstützung bei der Analyse von Proben.

KI-Start-up-Szene

Das Wiener Start-up iDwell arbeitet an der Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz, die die Kommunikation bei Immobilienverwaltern automatisieren soll. Dazu sollen z. B. eingehende E-Mails analysiert und den richtigen Prozessen zugeordnet werden. Schreibt ein Mieter von tropfenden Hähnen, soll im Endausbau automatisch ein Handwerker losgeschickt werden. Auf Sprache hat sich auch Cortical.io spezialisiert und bietet natürliche Spracherkennung mittels Künstlicher Intelligenz an. Für Entwickler gibt’s APIs, um selbst Anwendungen in diesem Bereich erstellen zu können.

Das Start-up MoonVision hat mit einer neuen Investitionsrunde eine Million Euro eingesammelt (Seite 34) und kann schon erste Kunden vorweisen. Die intelligente Bilderkennung soll für die Prüfung von Oberflächen eingesetzt werden, wofür sich z. B. Audi interessiert. Aus der Vogelperspektive aufgenommene Produkte sollen wie bei der Firma Sacher im Verkauf Warteschlangen vermeiden und zukünftig auch den Bezahlvorgang anstoßen. Dazu legt die Kundin die Ware unter die Kamera, die die rund 60 unterschiedlichen Produkte mit 99,9 Prozent Sicherheit erkennt.

Die Lösung von Adverity ist bei den größten Media- & Werbeagenturen im Einsatz, um dort über alle Kanäle hinweg (Online-Medien, klassische Medien, Social Media, E-Commerce, Excel usw.) Daten zu aggregieren und Business-Intelligence (BI)- getriebene Entscheidungen zu unterstützen. Dabei können nicht nur die eigenen Marketing-Aktivitäten, sondern auch die der Marktbegleiter analysiert werden. Adverity ist in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Großbritannien aktiv – ein gutes Beispiel für Lösungen in Marktlücken.  
Die Software-Lösungen für die berührungslose Analyse von 3D-Umgebungen von emotion3d hat sogar BMW überzeugt. Das Start-up findet mit seiner Software-Lösung Einsatz in der Automobilindustrie, im smarten Home oder in der Computerspielindustrie, wo die Maschine Menschen und ihre Umgebung verstehen lernt und mit ihnen interagieren kann.

KI zum Kaufen

Kapsch BusinessCom hat sich die Advanced Information Management Consulting GmbH (AIMC) einverleibt und wird die Data-Science-Kompetenz in einem eigenen neuen Unternehmensbereich bündeln. Besondere Kompetenz bieten AIMC im Bereich Content-, Predictive- und Image-Analytics. Durch Predictive Quality können z. B. in der Indus­t­rie Bauteile auf ihre zukünftige Eignung in der Praxis analysiert werden, noch bevor sie das Fließband verlassen. Oder im Health-Care-Bereich ist das zum Beispiel die Analyse von Wechselwirkungen von verschriebenen Medikamenten.

Damit ist Kapsch in guter Gesellschaft, denn schon Größen wie Intel haben sich das KI-Know-how mit dem Zukauf des Start-ups für Künstliche Intelligenz, Nervana, ins Haus geholt. Ebay erweiterte seine Ressourcen beim „machine learning“ mit dem Zukauf von SalesPredict und Microsoft hat seine Kompetenz für Künstliche Intelligenz durch den Zukauf des KI-Start-up Maluuba erweitert. Und die Liste lässt sich beliebig erweitern: Samsung, Apple oder Google haben alle ihre KI-Kompetenzen durch Zukäufe erweitert.

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