Österreichs E-mobile Kraft

Batterien, Motoren, Testsysteme und ganze Autos – die Palette heimischer Lösungen für die Elektromobilität ist groß. Und: Österreichs Zulieferindustrie profitiert bereits mehr vom E-Boom als vom Wachstum bei konventionellen Autos.

Unternehmen wie Kreisel Electric (Bild) vertrauen zu 100 Prozent auf den Durchbruch der E-Mobilität (Foto: Peter Zangerl)

Der Name ist Programm: Austrian Mobile Power. 2009 wurde diese „Plattform zur Förderung von Elektromobilität in und aus Österreich“ gegründet. Heimo Aichmaier ist ihr Geschäftsführer: „Unsere Mitglieder vereinen das Know-how aus fünf Branchen: Fahrzeug, Energie, Infrastruktur, Anwendertechnologie und Interessenvertretung.“ Entsprechend finden sich darunter die beiden Automobilclubs ebenso wie der Ladestationsbetreiber Smatrics, Anwender wie der Lebensmittelriese Rewe, Energieunternehmen wie Verbund, Autobauer wie BMW und Zulieferer wie AVL List.

Aber wie gut sind Österreichs automotive Unternehmen auf den Megatrend E-Mobilität eingestellt? Aichmaier dazu: „Die heimische Autozulieferindustrie hat schon frühzeitig begonnen, auf das Thema E-Mobilität zu setzen. Für Österreich ist die Elektrifizierung von Fahrzeugantrieben eine Riesenchance, aber vor allem stand­ortrelevant für das Automotiv-Kompetenzland Österreich.“ Egal, ob diese der Weisheit letzter Schluss ist. Denn, so Aichmaier: „So oder so ist das System Auto in einem starken Wandel, um noch energieeffizienter, noch emissionsärmer und nachhaltiger bei steigendem Komfort zu werden.“

Wertschöpfung und Jobs

Welches Potenzial in diesem Wandel für Österreichs Wirtschaft steckt, hat Austrian ­Mobile Power 2016, gemeinsam mit Fraunhofer Austria
Research und dem Grazer Virtual Vehicle Research Center, im Rahmen der Studie „E-MAPP, E-Mobility and the Austrian Production Potential“ untersucht – ein Update ist für heuer geplant. Aichmaier: „Es hat sich gezeigt, dass die österreichische Automobilbranche durch den Ausbau der E-Mobilität 3,1 Milliarden Euro Wertschöpfung und bis zu 33.900 Vollzeitarbeitsplätze bis 2030 generieren kann.“ Und dass Österreich damit mehr vom Potenzial der E-Mobilität profitiert als vom Wachstum der konventionellen Automobilindustrie.

AVL: Strom belebt das Geschäft

Einer, der die Aussagen von Aichmaier aus erster Hand bestätigen kann, ist Helmut O. List, CEO von AVL List – weltweiter Technologieführer bei der Entwicklung und Optimierung von Antriebssystemen und deren Integration in Fahrzeuge. Allein in den letzten zehn Jahren hat das Unternehmen mit Sitz in Graz mehr als 150 Patente und Gebrauchsmuster beim Österreichischen Patentamt angemeldet. Und das pro Jahr! Ein großer Teil zu den Themen Elektrifizierung sowie dem zweiten großen Trend, der die Branche massiv verändert, dem autonomen Fahren.

1948 gegründet, beschäftigt das Unternehmen mehr als 10.500 Mitarbeiter weltweit (4.150 davon in Graz) und erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,75 Milliarden Euro – mit einer Exportquote von 96 Prozent.

Bereits rund ein Drittel der AVL-Geschäftstätigkeit steht in direktem Zusammenhang mit der Elektrifizierung von Antriebssystemen. List: „Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs öffnet einerseits zusätzliche Geschäftsfelder speziell auf asiatischen Märkten. Andererseits führen wir auch für traditionelle Kundenkreise sehr viele Entwicklungen im Bereich der E-Mobilität durch, wobei gerade der Hyb­ridantrieb auf lange Zeit mit seinen verschiedenen Arten eine zunehmend wichtigere Rolle spielen wird.“

AVL selbst hat bereits vor rund 20 Jahren ein erstes Hybridkonzept entwickelt und vor rund zwölf Jahren in einem Forschungs- und Demonstrationsprojekt ein Diesel-Hybrid mit Emissionen von nur 90 Gramm CO2 je Kilometer präsentiert. 2012 wurde das erste 800-Volt-Elektroauto, das „AVL CoupE“, entwickelt. List: „In dem Forschungsprojekt haben wir unter anderem eine ,fehler-sichere‘ Hochvolt-Umrichter-Ansteuerung entwickelt, durch die ein plötzliches Blockieren der Antriebsräder verhindert wird. Überdies haben wir einen 800-Volt-Elektromotor mit einer Direktkühlung des Stators konstruiert, wodurch die Leistungsdichte des Motors deutlich verbessert werden konnte.“

Steyr wird zum E-Motoren-Werk

Dass man sich auch um das für seine Dieselmotoren bekannte Motorenwerk in Steyr keine Sorgen machen braucht, hat sich mittlerweile ebenfalls herumgesprochen (siehe dazu auch den GEWINN-Bericht in der April-Ausgabe zum Thema E-Mobilität).

Im größten Motorenwerk der BMW Group haben allein im letzten Jahr über 4.600 Mitarbeiter über 1,2 Millionen Motoren und über 12,4 Millionen Antriebskomponenten hergestellt. Eine Kompetenz, die auch in Zukunft gefragt sein wird, ist Christoph Schröder, Geschäftsführer des BMW-Group-Werks Steyr, überzeugt: „Durch diese einzigartige Kombination aus Entwicklung, mechanischer Fertigung und Montage ist der Standort Steyr weltweit führend, wenn es um die Entwicklung und Industrialisierung von Antriebssystemen geht. Insofern bringen die Steyrer-Mitarbeiter auch in vielen Bereichen ihre Kompetenz in die Entwicklung der Elektromobilität ein.“

Wie schnell diese sein wird, wagt Schröder nicht vorherzusagen: „Wann genau der Tipping Point erreicht ist, ist aus heutiger Sicht schwer prognos­tizierbar – deswegen setzen wir auf maximale Flexibilität innerhalb unserer Produktionsnetzwerke und auf Baukasten-systeme, mittels derer wir Fahrzeuge ganz flexibel als Verbrenner, Hybrid oder rein elektrisch bauen können.“

Magna demonstriert, was geht

Auch bei Magna sind mehr als 100 Jahre Erfahrung im Automobilbau keine Altlast, sondern gemeinsam mit einem umfassenden Leistungsspektrum das, was Magna Steyr zum weltweit führenden, markenunabhängigen Engineering- und Fertigungspartner für Automobilhersteller macht. Als Vertragspartner zur Fertigung von zwei elektrifizierten Premium-Elektrofahrzeugen – dem BMW 530e, einem Hybridfahrzeug, und dem vollelekt­rischen Jaguar I-Pace – unterstreicht Magna auch seine Kompetenz zum Bau von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. Aber, so Günther Apfalter, Präsident von Magna Steyr und Magna-Europa-Chef: „Was die Fahrzeugentwicklung angeht, beschäftigen wir uns vorrangig mit der Integration unterschiedlichster Antriebsarten in das Gesamtfahrzeug.“

Ein gutes Beispiel dafür ist das von Magna gebaute Entwicklungsfahrzeug FC REEV (Fuel Cell Range Extended Electric Vehicle). Ziel dabei ist, zu zeigen, wie man auch sehr große Reichweiten mit null Emissionen erreichen kann. Der „fahrbare Technologiedemonstrator“ wurde als batterieelektrisches Fahrzeug mit Brennstoffzellen-Range-Extender und Allradantrieb gebaut.

Rosenbauer löscht bald elektrisch

Etwas kleinere, dafür umso heißere Brötchen bäckt Rosenbauer, weltweit führender Feuerwehrausstatter mit einem Umsatz von 909,4 Millionen Euro und über 3.621 Mitarbeiter für das Geschäftsjahr 2018. 2016 präsentierte Rosenbauer eine Konzeptstudie des Feuerwehrfahrzeuges der Zukunft – den „Concept Fire Truck“. Aufgrund des positiven Feedbacks wurde die Rosenbauer E-Technology Development gegründet.
Anfang Februar dieses Jahres wurde der Abschluss einer Technologiepartnerschaft mit Volvo Penta bekannt gegeben. Ziel ist es, das E-Antriebssystem der elekt­rifizierten Volvo-Trucks bei der Serienumsetzung des Concept Fire Truck zu implementieren. Dazu Dieter Siegel, CEO von Rosenbauer International: „Das emissionsfreie Fahren ist eine wesentliche Funktion unseres innovativen ‚Concept Fire Truck‘. Darum freue ich mich, dass das Herzstück des CFT, das elektrische Antriebssystem, von Volvo Penta kommen wird. Wir sind damit der erste Lead-Anwender der bewährten E-Technologie, die heute bei Volvo-Bussen und
-Lkw eingesetzt wird.“

Der Verkaufsstart des CFT ist für 2021 geplant. Rosenbauer schätzt den weltweiten Markt für die innovative CFT-Technologie auf rund 3.200 Fahrzeuge bis 2030, in Europa könnten 2025 bereits 700 bis 800 Stück im Einsatz sein.

Kreisel Electric: von drei auf 120

Während die etablierten Zulieferunternehmen beim Antrieb offen bleiben, tummeln sich in der Start-up-Szene viele innovative Firmen, die ganz auf den Erfolg der E-Mobilität vertrauen. Einer der, wenn nicht der Leuchtturm dieser Szene ist Kreisel Electric.

2014 wurde das Unternehmen aus Freistadt in Oberösterreich von den drei Brüdern Johann, Markus und Philipp Kreisel gegründet, 2016 war Kreisel Elec­tric Gewinn Jungunternehmer des Jahres.
Heute arbeiten im 2017 eröffneten, 7.000 Quadratmeter großen Hightech- Forschungs- und -Entwicklungszentrum rund 120 Mitarbeiter. Dazu CEO Markus Kreisel: „Seit der Gründung verzeichnen wir ein stabiles Wachstum und planen weitere Investitionen in die Fertigung, die Industrialisierung und vor allem in die Forschung.“ Denn, so Markus Kreisel weiter: „Wir haben eine einzigartige Batterietechnologie und drei Jahre Vorsprung auf den Wettbewerb. Aber der Boom ist mittlerweile deutlich spürbar und es gibt immer mehr Mitbewerber.“

Die höhere Leistungsfähigkeit der Batterietechnologie von Kreisel Electric fußt vor allem auf zwei Aspekten: einem speziellen Assembling und einem innovativen Thermomanagement. Markus Kreisel: „Wir haben schon sehr früh in das Laserschweißen investiert, was heute State-of-the-Art ist. Unsere Flüssigkühlung ist in der Form noch unerreicht und wird von unseren Kunden sehr geschätzt.“

Vor allem schätzen die Kunden die hohe Skalierbarkeit der Technologie von Kreisel Electric, wie die vielen und verschiedensten Projekte der Freistädter zeigen. Und das wiederum schlägt sich im Wachstum nieder. Markus Kreisel. „Unsere jährliche Wachstumsrate liegt aktuell bei 25 Prozent.“ Und das decke sich mit der Entwicklung der Elektrifizierung, so Markus Kreisel: „E-Mobilität wird in allen Bereichen der Mobilität ein wesentlicher Bestandteil werden. Hybrid-Anwendungen spielen eine immer größere Rolle. Im Jahr 2025 werden bereits 50 Prozent der verkauften Fahrzeuge elektrisch betrieben sein – 25 Prozent davon voll elektrisch und 25 Prozent als Hybrid.“

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