Pappendeckel zum Draufsetzen

Das oberösterreichische „papplab“ stellt Möbel aus Karton her und spannt damit den Bogen zwischen Wegwerfkultur und Nachhaltigkeit.

Foto: Jungbrunnen

Der „Kleine Hinterberger“ wirkt unscheinbar, doch er gehört ganz und gar nicht zu den Schwächlingen. Obwohl er nur knapp vier Kilo wiegt, stemmt der Kartonhocker einen ausgewachsenen Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken. Seine Teamkollegen sind unter anderem der Lehnstuhl „Lehner“, das Regal „Staudinger“ und das Schaukelpferd „Wipplinger“. Neun verschiedene Kartonmöbel gehen seit vergangenem Jahr unter der Marke Kurtl (steht für Karton, universal, recyclebar, trickreich, leistbar) im Onlineshop (kurtl.com) an den Start.

Die beiden Masterminds dahinter: Wolfgang Gratt, Kunstuni-Absolvent, der schon seit vielen Jahren mit dem Werkstoff Karton experimentiert, und Christoph Außerwöger, ehemaliger Versicherungsagent, der sich bei Gratt mit dem Kartonvirus infiziert hat. 2013 gründeten sie die Kartonschmiede „papplab“. Dafür waren zu Beginn rund 100.000 Euro notwendig, um die ersten Produktentwicklungen, Onlineshop und Laserplotter zu finanzieren. Ermöglicht hat dies ein privater Investor.

Im papplab schneiden die beiden Kartontüftler Modelle im Maßstab 1:5 mittels Laserplotter. Nach ausführlichen Tests wandern die Pläne zur Papierfabrik, die am Fließband die Möbel produziert und verpackt. Besonders stolz ist Außerwöger auf die „100-prozentige Wertschöpfung in Österreich“, denn das papplab vergibt Aufträge an zwei heimische Produzenten. Versand und Lagerung übernimmt ein externer Dienstleister, mit sozialem Mehrwert: Dort sind Mitarbeiter mit psychosozialen Beeinträchtigungen angestellt.

Falten und stecken statt kleben

Die größte Hürde bei der Produktentwicklung haben sich die beiden Karton-Ingenieure selbst auferlegt: Für den Zusammenbau sind nämlich keinerlei „Hilfsmittel“ wie Klebstoff oder Dübel erlaubt. Lediglich falten und stecken sind zulässig. „Nur so sind unsere Produkte zu 100 Prozent recyclebar“, betont Außerwöger. Gleichzeitig müssen sie aber stabil und belastbar sein, denn gerade bei Sessel kann mangelnde Tragkraft im Fiasko enden. Das setzt exzellente Kenntnisse über die Statik dieses Materials voraus. „Es dauert drei bis sechs Monate, bis eine Idee Serienreife erlangt“, überschlägt Außerwöger. Zum Einsatz kommt eine Materialmischung aus 80 Prozent recyceltem Altpapier plus 20 Prozent Frischholz.

Seit der Gründung konnte papplab den Umsatz im darauffolgenden Jahr mit 70.000 Euro verzehnfachen, für heuer erwartet man 160.000 Euro (entspricht zirka 3.000 verkauften Möbelstücken). Knapp die Hälfte stammt aus Großaufträgen für Geschäftskunden, zum Beispiel 180 Messestände für die heurige „WearFair“, eine Linzer Messe für nachhaltigen Lebensstil. „Gerade im Messe- und Eventbereich sehen wir enorm großes Potenzial“, schildert Außerwöger. Denn für kurzlebige Möbel ist das recyclebare Material geradezu prädestiniert. Zudem lässt es sich beliebig bedrucken und somit für den Kunden individualisieren. Die zweite Hälfte generiert das papplab aus Pro- jektaufträgen, wie etwa einem 1:1-Modell eines Dodge-Jeeps für das Linzer Nordico Museum oder Kartonfiguren für die Ars Electronica.

Den derzeit noch kleinsten Anteil am Umsatz – rund zehn Prozent – machen Privatkunden aus. Grund ist unter anderem eine Skepsis gegenüber dem Material. „Hier müssen wir noch viel Überzeugungsarbeit leisten und beweisen, dass unsere Produkte wirklich stabil sind“. Außerwöger denkt dabei an Produktvideos.

Für 2016 prognostiziert Außerwöger papplabs Break-even. Aber über dem Unternehmen hängt ein Damok- lesschwert: Die Gefahr, nachgeahmt zuwerden. Schon kleine Änderungen am Design und der Musterschutz würde nicht mehr greifen. papplabs Verteidigungsstrategie: die Produktpalette um weitere Sitzmöbel, Stehtische, Sofas, Esstische und sogar Betten zu erweitern. Fraglich bleibt jedoch, wie viele Menschen sich Kartonmöbel tatsächlich in die eigenen vier Wände stellen wollen. Ganz billig sind sie nicht. Ein Sessel mit Lehne kostet 66 Euro. 

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