Pumpen mit Pulsschlag

Eine komplett neu erdachte Herz­pumpe aus Wien will die Versor­gung bei Herz­insuffizienz revolutionieren. Mit an Bord ist der Ex-Immofi­nanz-Chef Eduard Zehetner.

Professor Werner Mohl mit dem Prototypen ­einer neuen Herzpumpe, die das Herz unterstützen soll und nicht wie herkömmliche Pumpen via Bypass „umgeht“ (Foto: Michael Hetzmannseder)

Eigentlich war die Frage eine simple: Warum funktionieren künstliche Herzpumpen wie sie funktionieren und nicht so wie das Herz? Wenn man wie Professor Werner Mohl seit mehr als 40 Jahren als Chirurg an der Universitätsklinik Wien im AKH beschäftigt ist, fällt einem darauf eine Antwort ein, die gleich mehrere Probleme bei der Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz löst.

Wie Herzpumpen arbeiten

Heutige Herzpumpen saugen das aus dem Körper in das Herz zurückfließende Blut aus der linken Herzkammer an, beschleunigen dieses mittels Zentrifugalmotor und leiten es in einer Gefäßprothese um das Herz herum – der sogenannte Bypass – in die Aorta zurück in den Blutkreislauf. Eine der „Nebenwirkungen“: Menschen mit einer Herzpumpe haben keinen Puls, da das Blut nicht pulsartig, sondern kontinuierlich gepumpt wird.

Eine Kontinuität, die zu Problemen führen kann, wie Mohl aus seiner Erfahrung als Arzt weiß: „Es kann zu Gefäßneubildungen und damit leicht zu Blutungen im Magen-Darm-Trakt kommen.“ Ein weiteres Risiko sind hohe Insultraten. Mohl: „Das Schlaganfallrisiko ist bei allen Herzpumpen sehr groß und und bleibt ein ungelöstes Problem dieser Therapie.“

Mohls Idee einer Pumpe

Idealer, weil dem natürlichen Ablauf entsprechender, wäre es, wenn die Pumpe das Blut impulsartig (pulsatil) beschleunigen würde – das am besten in die Herzkammer, in Richtung Herzklappe und nur in der Zeit, in der sich das Herz selbst kontrahiert (zusammenzieht). Und genau das ist die Idee von Mohls „Left Ventricular Flow Accelerators“ (LVFA) – der Name leitet sich davon ab, dass der Vorgang des Ansaugens und Weiterleitens des Blutes in der linken Herzhälfte passiert, das Blut beschleunigt und so die dem kranken Herz fehlende Pumpkraft ersetzt wird. Die LVFA-Pumpe soll dabei das Herz nur so viel unterstützen wie nötig. Mohl: „Dass man das auch steuern kann, ist ebenfalls Teil des Konzeptes.“ 

Und der Patente, die nicht hierzulande, sondern in den USA angemeldet wurden, „weil dort die größten Firmen sind, die sich damit beschäftigen“, so Mohl.

Neben der Minimierung der bekannten Risken würde eine solche Pumpe aber auch weniger Strom brauchen. Während Träger von Herzpumpen heute mit einer externen Stromversorgung und einem Kabel, das in den Brustkorb führt (inklusive Infek­tionsgefahr), leben müssen, soll die LVFA-Pumpe mit einer eingebauten Batterie und einer Stromversorgung über die Haut betrieben werden. Eine Entwicklung, die Assistocor mit einem belgischen Unternehmen verfolgt.

Die Herausforderung für Mohls LVFA-Pumpe ist das Risiko einer Hämolyse, bei der sich die roten Blutkörperchen auflösen. Weit kleinere Hürden stellen technische Einstellungen dar – etwa wie schnell sich die Pumpe drehen muss oder darf und wie der Ausflussstutzen optimal konzipiert sein muss, um das Blut „zielgenau“ zu den Herzklappen zu beschleunigen. Alles Aufgaben der Produktentwicklung, die – nachdem man nun einen Prototypen hat – jetzt starten soll. Inklusive weiterer Forschung und umfangreicher Tests rechnet Mohl, dass es maximal fünf Jahre dauert, bis man das „First in man“ (FIM) erreicht. Den Zeitpunkt, zu dem nach Tests an Tieren eine Pumpe erstmals bei einem Menschen implantiert werden kann.

Wer eine Herzpumpe braucht

Zum Einsatz kommen Herzpumpen bei Herzinsuffizienz oder chronischen Herzleiden, bei denen die Muskelkraft des Herzens nicht mehr ausreicht, eine ausreichend starke Blutzirkulation zu garantieren. Ist eine solche Schwäche nicht stark ausgeprägt, kann diese ­medikamentös behandelt werden oder es genügt ein Herzschrittmacher, der ­(ohne großen chirurgischen Eingriff) elektrische Impulse an das Herz sen-det. Reicht das nicht mehr aus, muss eine Herzpumpe implantiert oder eine Herztransplantation durchgeführt ­werden – beides aufwendige und teure Operationen (die Kosten für das Gesundheitssystem liegen bei mindes­tens 80.000 Euro).

Mit der minimalinvasiven LVFA will Mohl vor allem aber auch eine Lücke schließen, die sich immer mehr auftut. Denn ältere Menschen (65+) haben kaum Aussicht auf ein Spenderherz und würden sich gegenüber einer konventionellen Herzpumpe eben auch einen massiven chirurgischen ­Eingriff inklusive der Folgerisken ersparen. 

Ein großer Markt. Laut Recherchen von Assistocor könnten aktuell rund 440.000 Patienten in der EU, den USA, Kanada und Japan mit der LVFA behandelt werden.

Zehetner nimmt sich ein Herz

Neben Zeit braucht Mohl aber auch Geld, um seine Erfindung realisieren zu können. Viel Geld: „Wenn alles gut geht, brauchen wir konservativ gerechnet rund zwölf Millionen Euro, bis wir ein marktreifes Produkt haben.“ Förderungen könnten einen Teil abdecken, sieben bis acht Millionen müsse man aber selbst aufbringen, so Mohl.

Einer, der sich entschlossen hat, dabei zu helfen, ist Eduard Zehetner, bis Ende April CEO der Immofinanz AG. Zehetner bringt aber auch medizintechnische Kompetenz mit. So ist er an der Vorarlberger A.M.I. Agency for Medical Innovations GmbH beteiligt und war für diese in der Vergangenheit auch managend tätig. Zehetner: „Professor Mohl hat mich gebeten, ihm zuerst dabei zu helfen, die Erfindung aus dem universitären Umfeld zu bekommen.“ Eine juristische, aber auch eine kaufmännische Herausforderung, denn Teile der Patente lagen bei Dritten (vor allem bei der TU Wien) und mussten abgelöst werden.

An der dazu gegründeten Assistocor GmbH & Co KG hält Zehetner aktuell 100 Prozent, Mohl und Clemens Eisinger (ein früherer Mitarbeiter Zehetners und bei Assistocor für Finanzen, Recht sowie Projektsteuerung verantwortlich) halten Optionen, um am Unternehmenserfolg partizipieren zu können. Zehetner über sein Engagement: „Die finale Struktur wird davon abhängen, wer sich aller in welchem Ausmaß beteiligt. Durch die GmbH & Co KG haben wir aber eine offene Struktur, um auch Kommanditisten hereinzunehmen, die primär eine Verlustzuweisung bekommen und ­später hoffentlich eine Gewinnbeteiligung.“ Eine Karriere als Business Angel strebt Zehetner (das Interview lesen Sie hier) jedenfalls nicht an, wie er klarstellt: „Jetzt muss man schauen, wie man mit dem Ding am besten weiterkommt. Natürlich gibt es noch eine Reihe technischer Fragen zu lösen, aber vom Prinzip her kann es funktionieren.“ Auch ein Engagement der A.M.I. will er nicht ausschließen – diese habe aber zurzeit keine Kapazitäten und wenig Kompetenz in der Herzchirurgie. Zehetner: „Was wir brauchen, ist eine entsprechende technische Umgebung und die Einbettung in eine professionelle Forschungs- und Entwicklungsstruktur. Damit haben wir aber erst begonnen.“

Spannend ist das Gespann Mohl-Zehetner jedenfalls, denn Mohl hat mit einer Katheterpumpe, die ebenfalls von Assistocor entwickelt wird, noch eine weitere interessante Idee beigesteuert. Und dass er’s kann, konnte Mohl auch schon beweisen. Eine von ihm ent­wickelte Therapie zur Regeneration bei Herzinsuffizienz („PiCSO“) wird seit 2008 von der von ihm mitbegründeten Wiener MIRACOR Medical Sys­tems GmbH weltweit erfolgreich vertrieben.

 

 

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