„Unser Ziel: Eine Milliarde Umsatz“

Rüdiger Keinberger ist nach Jahrzehnten als Topmanager in Deutschland in seine Mühlviertler Heimat zurückgekehrt. Dort will er den Smart-Home-Spezialisten Loxone von 67 Millionen auf eine Milliarde Euro Umsatz bringen und den Weltmarkt erobern.

Foto: Loxone

GEWINN: Sie waren Vorstand eines deutschen Kunststoffindustriekonzerns mit über 10.000 Mitarbeitern weltweit und fast zwei Milliarden Euro Umsatz. Warum gibt man so einen Job auf?
Keinberger: Ich wollte mit über 50 noch einmal etwas ganz Neues probieren. Vorstand hört sich cool an. Man ist in einer Machtposition, aber man muss immer dort sein, wo es gerade brennt. Man ist eigentlich ständig im Feuerwehreinsatz und nur noch in allen möglichen Ländern unterwegs, wo die Zahlen nicht stimmen. Das ist in allen großen Unternehmen so. Man muss die Energie dort reinstecken, wo es gerade nicht läuft. Mein Vater hat immer gesagt: „Vergiss bei all dem beruflichen Erfolg das Leben nicht, weil Leben ist das keines.“

GEWINN: Wie haben Sie die Loxone-Gründer in das Mühlviertel zurückgelockt? Die Firmenzentrale liegt fern jeder Stadt, umgeben von Feldern im kleinen Ort Kollerschlag.
Keinberger: Ich wollte in ein Unternehmen, in dem wirklich starkes Wachstum passiert. Ich war zwar beruflich immer viel unterwegs, aber meine Wurzeln habe ich im Mühlviertel. Einer der beiden Loxone-Gründer ist ein guter Freund von mir und wir waren immer im engen Austausch. So habe ich die Entwicklung von Loxone sehr genau verfolgt und gewusst, dass das Unternehmen aus der Start-up-Phase heraußen ist und eine solide finanzielle Basis hat.

GEWINN: War Geld eine Motivation?
Keinberger: Es ist klar, dass man den Schritt von der Vorstandsposition eines großen Konzerns in ein junges Unternehmen nicht des Geldes wegen macht.

GEWINN: Als Mühlviertler war Ihnen Kollerschlag bekannt. Aber wie bekommt man internationale Fachkräfte ohne regiona­len Bezug in die äußerste Ecke des Landes?
Keinberger: Aus österreichischer Sicht liegen wir nicht im Zentrum. Unser Basecamp – so nennen wir unsere Zentrale, von dort aus wollen wir die Welt erobern (lacht) – liegt aber nur zwei Kilometer von der deut­schen Grenze entfernt. Deutschland ist unser größter Markt, von dort kommen auch viele Mitarbeiter.

GEWINN: Auch aus deutscher Sicht ist Kollerschlag nicht der Nabel der Welt . . .
Keinberger: Stimmt, aber wir profitieren davon, dass viele junge Menschen heute nicht mehr in die klassischen Industrien gehen wollen, etwa zu den Autoherstellern. Wir kombinieren modernes Leben mit dem Umweltgedanken. Jedes Smart Home verbessert den CO2-Fußabdruck. Wer etwas bewegen will, ist bei uns richtig und bekommt auch schnell Chancen. Unser Geschäftsführer in der Schweiz ist 25 Jahre alt, der in Deutschland 34. Wir sind in der Transferphase zum Konzern. Das Wort wird zwar im deutschen Sprachraum mit einer gewissen Trägheit verbunden, aber in den USA ist das ganz anders. Da haben Konzerne eine ganz andere Dynamik.

GEWINN: Finden Sie die passenden Fachkräfte noch in Österreich?
Keinberger: Wir betreiben alle Entwicklungen sowohl im Hard- wie im Software-Bereich selbst. Hier sind unsere heimischen Kaderschmieden vor allem die FH Hagenberg und – in unserer direkten Nachbarschaft – die HTL Neufelden und die Technische Fachschule Haslach. Im Bereich Marketing Sales kooperieren wir mit der FH Steyr. Und wir setzen stark auf unser Online-Jobportal. Wir wollen jedenfalls auch in Zukunft die Entwicklung zentral in Österreich halten und von Kollerschlag aus managen. Das ist unumstritten. Kollerschlag soll eine global anerkannte Stätte für das Thema Smart Home werden.

GEWINN: Dafür muss Loxone aber noch kräftig wachsen.
Keinberger: Ich habe bei meinem Antritt 2017 mit den beiden Gründern über Visionen für das Unternehmen nachgedacht. Wir haben schnell gesehen, dass wir jetzt richtig andrü­cken können. Es gibt extremes Potenzial. Wenn wir das heben, Loxone zum Konzern machen und eine Milliarde Umsatz in Rekordzeit erzielen, dann haben wir der Welt etwas bewiesen.

GEWINN: Das Unternehmen setzt derzeit 67 Millionen Euro um. Warum soll gerade Loxone so rasant wachsen, und wann wollen Sie die Umsatz-Milliarde knacken?
Keinberger: Die Milliarde? Wir sagen, so schnell wie möglich, ohne mich auf ein genaues Jahr festzulegen. Unser nächstes Ziel sind 200 Millionen Euro Umsatz bis 2020. Aber wir reden bewusst schon jetzt über die Milliarde. Auch als Signal an unsere Mitarbeiter. Wir müssen dadurch ganz anders denken. Beim Produkt, im Marketing, im Vertrieb. Ich stehe zu 100 Prozent hinter dieser Zahl und sie ist absolut realistisch. Warum? Weil wir in der Vergangenheit die Internationalisierung kaum betrieben haben. Wir gehen zum Beispiel jetzt nach China und rekrutieren bereits Mitarbeiter. Wir sind uns der Risken bewusst, sehen dort aber auch enorme Chancen. Zusätzlich gehen wir in den mehrgeschoßigen Wohnbau. Das ist ein deutlich größerer Markt als das Einfamilienhaus, auf das wir bisher fokussiert waren. Und wir setzen verstärkt auf Gewerbeimmobilien. Bisher haben wir das Smart Home, die Wohnimmobilie strikt von der Gewerbeimmobilie getrennt. Jetzt sprechen wir von Gebäudeautomatisierung, die auch Hotels und Büros umfasst. Da ist der Multiplikator viel größer.

GEWINN: Ist Smart Home – die Steuerung des eigenen Zuhauses – noch ein Nischenthema für technikbegeisterte Häuslbauer oder schon in der Breite angekommen?
Keinberger: Wir statten schon jetzt jedes vierte neue Einfamilienhaus in Österreich aus. Es ist die richtige Zeit für Smart Home gekommen. Es wird viel darüber berichtet, die Skepsis ist einer breiten Akzeptanz gewichen. Wir haben mit unserer Lösung einen großen Vorsprung gegenüber allen anderen. Und dieser Vorsprung gehört jetzt ausgenutzt. Im Schnitt wächst der Smart-Home-Markt in Europa jährlich um 19 Prozent. Es kommen daher jeden Tag vermeintliche Smart-Home-Anbieter auf den Markt, die auf diesen Wachstumszug aufspringen wollen. Schalterhersteller, Telekomanbieter, Beschattungsproduzenten. Aber nur wir bieten als Einzige ein komplettes System an, in dem alle Produkte miteinander kommunizieren und ohne auf die Cloud zuzugreifen.

GEWINN: Der Miniserver von Loxone befindet sich im Haus des Kunden und ist nicht mit der Cloud verbunden, die Daten können daher auch nicht ausgewertet werden?
Keinberger: Genau. Ich bin der Herr über meine Daten. Das geht nur den Hausbesitzer etwas an. Die Sammlung von Daten ist heute ein riesen Geschäftsmodell.  Jeder, der sich z. B. eine Alexa kauft, darf sich nicht wundern, dass sein Produkt verwendet wird, um möglichst präzise Daten über sein Verhalten zu sammeln, um dann die passenden Produkte angeboten zu bekommen. Dafür ist das Smart Home prädestiniert. Man kann alles über die Lebensgewohnheiten der Bewohner herausfinden. Leute zahlen Geld, um sich einen Spion in die Wohnung zu setzen. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was wir machen.

GEWINN: Zumindest so lange Loxone ein eigenständiges Unternehmen bleibt. Gut möglich, dass einmal Amazon & Co. anklopfen und viel Geld bieten. Dann wäre auch das Wachstum leichter zu finanzieren.
Keinberger: Übernahmeangebote gibt es schon seit langer Zeit immer wieder. Da gibt es eine konsequente Haltung der Eigentümer. Das ist kein Thema. Dass man für Wachstum Kohle braucht, ist klar. Aber wir wollen das aus eigener Kraft stemmen.

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