Cannabis gegen Schmerzen

Cannabis ist illegal. Zulässig ist es bei chronischen Schmerzen. Im Rahmen eines „individuellen Heilversuchs“ zahlen THC-haltige Medikamente sogar die Kassen.

Das in der Hanfpflanze enthaltene THC wirkt bei richtiger ­Dosierung schmerz­lindernd (Foto: Yarygin – Thinkstock.com)

Wer umgangssprachlich „Gras“ sagt, meint damit Tetrahydro­cannabinol (THC). Also jenen Wirkstoff der Hanfpflanze, der „high“ macht. Während die einen zum Partymachen kiffen, greift noch eine zweite Gruppe zu THC: chronische Schmerzpatienten. Ob Rückenschmerzen oder Gelenksschmerzen – THC wirkt schmerz- und entzündungshemmend. „Allerdings gilt das nur für nervlich bedingte Schmerzen“, erklärt Rudolf Likar, Vorstand der Abteilung für Anästhesie und Schmerzmedizin am Wörtherseeklinikum Klagenfurt, wo es auch ein Programm für Multimodale Schmerztherapie, unter anderem mit Cannabinoiden, gibt. Likar ist zudem Generalsek­retär der Österreichischen Schmerzgesellschaft.
THC wirkt nicht auf jeden Organismus gleich. Likars Erfahrung nach sprechen rund 40 bis 50 Prozent der Patienten überhaupt darauf an. Ein Muster dahinter ist nicht feststellbar.

Nur als Ultima Ratio

Neben chronischen Schmerzen verschreibt Likar THC-haltige Arzneien auch bei unheilbaren Hirntumoren, um die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern. Likar betont an dieser Stelle, dass die Cannabinoide immer als letzte Möglichkeit in einer langen Reihe von verschiedenen Behandlungsmethoden gesehen werden müssen. Denn die ­Nebenwirkungen der Tropfen oder Tab­letten haben es in sich: Schwindel, Konzentrationsstörungen, kognitive Einschränkungen, Mundtrockenheit. „Richtig high wird man aber nicht, dafür ist mit 30 Milligramm THC die Dosis etwas zu gering. Aber zu ein wenig Euphorisierung kann es schon kommen. THC macht dem Schmerz nicht den Garaus, sondern lässt ihn distanzierter wahrnehmen“, schildert Likar.
Doch so einfach ist die Behandlung mit Cannabinoiden nicht, denn pflanzliches THC gilt hierzulande als Suchtmittel und THC-haltige Medikamente haben keine Zulassung. „Daher genehmigt es kaum ein Chefarzt“, so Likar. Wer trotzdem „Gras auf Kasse“ bekommen will, für den muss der behandelnde Arzt nachweisen, dass eine Vielzahl anderer Medikamente beim Patienten keine Wirkung zeigen. Das läuft dann unter „individueller Heilversuch“.
Eine typische Schmerztherapie umfasst zehn Milligramm (30 Milliliter THC-Konzentration) pro Tag, was im Monat auf rund 500 Euro kommt. Wird es nicht von der Kasse bezahlt, besteht auch die Möglichkeit der privaten Finanzierung – natürlich nur, sofern die Therapie vom Chefarzt genehmigt wurde. Verfügbar ist es in den Apotheken größerer Städte.
Likar verzeichnet in seiner Klinik laufend rund 60 Patienten, die THC-Medikamente einnehmen.

Unterschied zu CBD

Nicht zu verwechseln ist die beschriebene THC-Medikation mit den derzeit für jedermann im Handel erhältlichen Cannabidiol(CBD)-Produkten. Dieser (noch) legale und kaum psychoaktive Wirkstoff von Cannabis (er gilt vor dem Gesetz noch als Nahrungsmittelergänzung) ist laut Likar für die effektive Schmerztherapie nur eingeschränkt
geeignet. „Denn um THC-ähnliche, schmerzlindernde Effekte zu erzielen, braucht es eine 20-fach höhere Dosierung“, so seine Schätzung. Bei aktuellen Preisen würde eine Dosis, etwa in Form von Tropfen und Ölen, auf bis zu 1.000 Euro kommen.
Likar kritisiert die derzeitige mediale Aufmerksamkeit gegenüber CBD-Produkten, denn sie führe dazu, dass Cannabis fälschlicherweise als Allheilmittel betrachtet wird. „Zu mir kommen sogar ältere Damen, die zur Behandlung ihrer Hammerzehe nach Cannabis fragen“, so Likar.

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