Impfung als „Wunderwaffe“

Wochen der Isolation, eine schwere Wirtschafts­­krise – erstmals seit 100 Jahren hoffen wir bei Corona auf eine Impfung.

(Foto: Alexander Raths – GettyImages.com)

Die Entwicklung eines Impfstoffes bis zur klinischen Anwendung dauert im Regelfall zwölf bis 15 Jahre, gegen Covid-19 jedoch erwarten so manche Experten, basierend auf den Erfahrungen mit dem MERS-Virus, bereits 2021 einen Impfstoff.
Heute kommen bei einer Impfung sowohl abgeschwächte vermehrungsfähige Erreger als auch abgetötete Erreger oder deren Bestandteile zum Einsatz – die aktive Immunisierung. Impfstoffe regen die menschlichen Immunzellen zur Bildung krankheitsspezifischer Antikörper an. Bei einem späteren Kontakt mit dem Erreger verhindern die Antikörper die Erkrankung. Um einen lang dauernden Impfschutz aufzubauen bzw. aufrechtzuerhalten, sind oft mehrere Impfungen bzw. Auffrischungsimpfungen („Booster“) notwendig.
Die direkte Gabe von Antikörpern (Immunglobulinen) heißt passive Immunisierung. Im Gegensatz zur aktiven bietet sie nur einen kurzfristigen Schutz. Sie werden bei einer akuten Infektionsgefährdung (z. B. bei Tollwut) eingesetzt. Bei nicht geimpften Personen können simultane Impfungen, also die aktive und passive Immunisierung, kombiniert werden, das hilft zur Überbrückung zwischen Infektion und Entwicklung aktiver, eigener Antikörper (z. B. Tetanusprophylaxe nach Verletzungen).
Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Poliomyelitis, Masern, Mumps, Röteln, Varizellen, Haemophilus influenzae Typ B, Hepatitis B, Pneumokokken, Rotaviren, Meningokokken B und die Zeckenimpfung FSME zählen zum Grundimpfprogramm. Lebendimpfungen (Masern, Mumps, Röteln, Rotaviren, Gelbfieber) sind bei Schwangeren, Stillenden und Immunsupprimierten kontraindiziert (nicht anwendbar).

Warum sind Impfungen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten?

Die maximalen Folgen der klassischen Kinderkrankheiten, gegen die wir heute impfen können, sind weitgehend in Vergessenheit geraten. Dass die Masernenzephalitis eines von 1.000 Kindern oft mit schweren lebenslangen Folgen getroffen hat, ist uns nicht mehr gegenwärtig. Gleichzeitig können Impfungen an einem gesunden Kind Impfreaktionen, wie lokale Reaktionen an der Injektionsstelle (Rötung, Schwellung) oder kurz andauerndes Fieber hervorrufen. Dies sind keine Nebenwirkungen, sondern Zeichen der beginnenden Bildung der Abwehrstoffe, belasten einen gesunden Organismus nicht und stellen ein erwünschtes Training für das Immunsys­tem dar, wie es Tag für Tag im Kontakt mit anderen Kindern, Tieren oder in der Sandkiste passiert. Sehr selten gibt es Impfkomplikationen in Form schwerwiegender dauerhafter Folgen. Ihr Nachweis ist oft nur sehr schwer zu erbringen. Meist bestehen in solchen Fällen andere Krankheiten, die sich in zeitlicher Korrelation mit der Impfung entwickeln. Ein Beispiel ist besagte Enzephalitis nach Masernimpfung. Sie tritt bei einem von einer Million geimpften Kindern auf. Ihr Risiko ist daher um den Faktor 1.000 niedriger, als das Risiko eine Enzephalitis bei Masern zu bekommen.
Vor jeder Impfung sollte daher immer nach dem aktuellen Gesundheitszustand und eventuellen früheren Prob­lemen im Zusammenhang mit Impfungen gefragt werden. Bei Infekten mit Fieber oder schwerem Durchfall sollte eine Impfung besser verschoben werden. Zudem sollten allfällige Auffälligkeiten im Zusammenhang mit einer Impfung immer im Impfpass vermerkt werden!
Patienten mit selektivem Immunglobulin-A-Mangel sollten sich vor einer Impfung mit ihrem Facharzt beraten. Immunsupression (etwa nach Organtransplantationen) stellen keine Kont­raindikation für Impfungen dar. Die Antikörper-Entwicklung kann aber verzögert und abgeschwächt eintreten.
Heute werden vielfach Kombina­tionsimpfstoffe mit bis zu sechs Erregern verabreicht. Dies reduziert den Aufwand für Eltern, Arzt und Kind . Bei typischen Allergikerfamilien empfehle ich, wenn möglich, lieber zwei Stiche in Kauf zu nehmen und nur gegen zwei bis drei Erreger gleichzeitig zu impfen. Für Auffrischungsimpfungen, z. B. bei FSME, empfehle ich im Labor eine Titerbestimmung zum Nachweis einer allfälligen Immunität zu machen, also ob genügend Antikörper vorhanden sind. Bei der FSME-Impfung ist die Immunität oft auch nach fünf Jahren noch gegeben.

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