Knirschen bis die Zähne ausfallen

Sind Sie auch ein „Knirscher“? Stress ist eine häufige Ursache von Bruxismus. Wie man ihn behandelt und wie viel es kostet.

Knirscherschienen ­bestehen aus durch­sichtigem Kunststoff, der hart oder weich sein kann (Foto: mauritius images/Alamy/RioPatuca)

Zähne zusammenbeißen und durch, heißt es in bestimmten Lebenslagen. Doch nicht bei Zähneknirschen, denn Kiefergelenksprobleme, überempfindliche Zähne und sogar Zahnverlust können die ­Folgen sein. In der Fachsprache wird Zähneknirschen auch als Bruxismus bezeichnet: den Kiefer anspannen und die Zähne aufeinanderpressen, was wiederum zum bekannten Knirschen führt.
Der beim Zähneknirschen wirkende Druck kann im Extremfall zehnmal so hoch sein wie beim normalen ­Beißen. „Betroffene klagen oft über Muskelverspannungen im Wangen- und Schläfenbereich und über Kiefergelenksprobleme“, so Ingo Moosbauer, Facharzt für Zahn-, Mund- und Kiefer­heilkunde in Linz. Zirka 20 Prozent seiner Patienten leiden darunter – Tendenz steigend. „Oft ist es auch der Partner, der darauf hinweist, dass er nachts von den lauten Knirschgeräuschen wach geworden ist.“

Häufige Ursache: Stress

Zahnschmelzabbau, abgeschliffene oder abgeriebene Zähne lassen den Zahnarzt erkennen, dass die Zähne ­bereits an­gegriffen sind. „Die Ursachen für das Zähne­knirschen sind noch immer nicht eindeutig geklärt“, so Moosbauer. Stress ist eine häufige psychische Ursache. Durch das Knirschen wird der Stress – meistens in der Nacht – verarbeitet. Aber auch Angst-, Schlafstörungen, Alkohol-, Drogengenuss, Reflux und die Einnahme von bestimmten Medikamenten können es auslösen. Oder anatomische Ursachen, etwa eine Fehlbisslage. Durch das Knirschen versucht der Körper, die Fehlstellung des Kiefers zu korrigieren. Auch tagsüber kann das stattfinden, was als Wachbruxismus bezeichnet wird. „Das ist zumeist bei hoher psychischer oder bei hoher körperlicher Belastung, wie zum Beispiel bei Kraftsport, der Fall“, erklärt Moosbauer.
„Meinen Patienten empfehle ich meistens eine Knirscherschiene, die regelmäßig in der Nacht und bei Bedarf auch tagsüber zu tragen ist, da diese die Zähne schützt und Muskulatur und Kiefergelenk entlastet. Gleichzeitig mache ich darauf aufmerksam, dass die Schiene nur das Symptom, aber nicht immer die Ursache behandelt“, setzt Moosbauer fort.
Knirscherschienen bestehen aus durchsichtigem Kunststoff, der hart oder weich sein kann. Die Schienen sind zirka 0,5 bis drei Millimeter dick. Welche Art von Schiene besser hilft, sollte der behandelnde Zahnarzt entscheiden, da es darüber verschiedene Ansichten gibt, ist Moosbauer überzeugt. Für Kleinkinder ist die Knirscherschiene nicht geeignet. Die Gefahr, sie zu verschlucken, sei zu groß.

Preise

Die Österreichische Zahnärztekammer empfiehlt den Zahnärzten, einen Preis von 208 Euro zu verrechnen. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) übernimmt dabei für Anpassung und Nachkontrolle 74,10 Euro im Jahr. In den eigenen Zahngesundheitszentren der ÖGK kostet die Knirscherschiene 124 Euro.

Therapietipps

Treten Muskel- und/oder Kiefergelenksbeschwerden auf, so ist zusätzlich eine Physiotherapie zu empfehlen. Aktive Übungen sollen dabei helfen, die Kiefermuskulatur zu stärken. „Dafür ist es ratsam, bewusst im Alltag mehr zu kauen“, erklärt Ben Schiltz, Physiotherapeut und Osteopath in Innsbruck. In den meisten Fällen ist Zähneknirschen auf Stress zurückzuführen. Mit Sport und Bewegung kann Stress abgebaut werden. Das Ziel: Schritt für Schritt den Kopf zu befreien, damit er nicht die Zähne belastet.
„Nach maximal vier Behandlungseinheiten tut sich bei den Betroffenen sehr viel“, setzt der 32-Jährige fort. Eine Physiotherapieeinheit bei „Physio 1.0 – Therapie & Training“ in Innsbruck dauert 45 Minuten. Der Preis pro ­Einheit beträgt 78 Euro. Die ÖGK ­übernimmt dabei knapp ein Drittel der Kosten.
Sitzt das Problem tiefer, so ist psychotherapeutische Unterstützung gefragt. Jobverluste, Betriebsschließungen, Beziehungsprobleme – das sind einige mögliche Auslöser für Schlaf- und Angststörungen. Zudem können Nikotin und Alkohol falsche Versuche sein, um in schwierigen Phasen Entspannung zu suchen. Bestimmte Verfahren, wie zum Beispiel das Autogene Training nach Schultz oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, können dabei helfen, das Entspannen wieder zu lernen.
Bei der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson spannen die Patienten die betroffenen Muskelgruppen nacheinander kurz an und lockern sie dann wieder, bis sie wissen, wie sich ein entspannter Zustand anfühlt. Eine erweiterte Methode dafür ist das Biofeedback. Anders funktioniert das Autogene Training. Denn bei dieser Methode zählt allein die Vorstellungskraft. Die Betroffenen versetzen sich in einen Zustand der Entspannung. Eine Psychotherapieeinheit dauert 50 Minuten. Der Preis pro Einheit liegt zwischen 90 und 130 Euro, heißt es beim Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie in Wien. Die ÖGK übernimmt knapp 30 Prozent der Kosten.

Und was ist mit Botox?

Die Fachexperten, mit denen GEWINN gesprochen hat, sind sich einig: Das Nervengift sollte gegen Bruxismus eher nicht eingesetzt werden. Durch die Muskellähmung kann es zum Knochenabbau kommen. Die Angst vor Nadeln verstärkt das Knirschen wieder. So kann es auch vorkommen, dass die Schmerzen abnehmen, aber die Zähne weiterhin noch knirschen. Die Kosten für eine Botoxbehandlung belaufen sich derzeit auf bis zu 600 Euro.

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