CO₂-Kompensation von Flugreisen

Was bringt die CO2-Kompensation von Flugreisen dem Weltklima, wie funktioniert sie, welche Projekte sind effizient und welche Organisationen empfehlenswert?

Bei einer einzigen Flugreise von Österreich in die Karibik (hin und retour) fallen rund fünf Tonnen CO2-Äquivalent an – das sind so viele schädliche Treibhausgase (THGs), wie ein Mensch weltweit in einem ganzen Jahr verursacht. Der weltweite Flugverkehr hat laut Schätzungen der Universität für Bodenkultur in Wien (Boku) einen Anteil von fünf bis acht Prozent am menschengemachten Klimawandel, Airlines sprechen von einem Drei-Prozent-Anteil am globalen CO2-Ausstoß.
Die beste Möglichkeit, schädliche Treibhausgase einzusparen, ist natürlich, auf Flugreisen zu verzichten. Nur die zweitbeste Alternative ist, den dadurch verursachten CO2-Ausstoß durch den Kauf von Zertifikaten bestmöglich zu kompensieren – heißt, dass an anderer Stelle der Erde CO2 eingespart oder gebunden wird. „Treibhausgase können aber nicht kompensiert werden, jede Emission ist klimaschädlich“, warnt Karl Schellmann, Klimasprecher des WWF Österreich. „CO2-Emissionen bleiben über 100 Jahre in der Atmosphäre aktiv, Klimaschutzprojekte können sie nicht ungeschehen machen.“ Jasmin Duregger, Klimaexpertin von Greenpeace, bestätigt: „Die klimaschädlichen Emissionen des Flugverkehrs steigen jedes Jahr dramatisch an und untergraben jegliche Klimaschutzmaßnahmen. Kompensationszahlungen nützen nur dem guten Gewissen, der Reisende kann sich nicht wirklich freikaufen.“

Wald- oder Energieprojekte

Anders sieht das die Boku in Wien. Dominik Schmitz vom Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit (er betreut auch das Boku-eigene CO2-Kompensationssystem) relativiert: „Natürlich sollten Flüge bestmöglich vermieden werden. Doch für das Weltklima ist es unerheblich, wo auf der Welt Treibhausgase in die Atmosphäre emittiert und wo sie neutralisiert werden.“ Waldprojekte vermögen Emissionen zu binden – allerdings erst ab frühestens fünf Jahren nach der Pflanzung. Am besten funktioniert die THG-Bindung in der Biomasse nach 30 bis 50 Jahren.
Doch die Kompensation durch Wald(schutz-)projekte ist umstritten (die Pflanzungen finden vorwiegend im globalen Süden statt). Die gemeinnützige Klimaschutzorganisation Atmosfair (deutscher Marktführer und Testsieger) nimmt überhaupt Abstand davon, da eine dauerhafte CO2-Bindung etwa wegen Schädlingsbefall, Heuschrecken, Waldbrand, illegaler Abholzung usw. nicht gesichert ist. Rainer Bruns von Atmosfair warnt weiters. „Mitunter schränken Waldprojekte auch Menschenrechte in Entwicklungsländern ein oder verdrängen traditionellen (Wander-)Feldbau, anstatt neue Verdienstmöglichkeiten vor Ort zu schaffen.“ Gute Klimaschutzobjekte sparen nicht nur CO2, sondern fördern auch die nachhaltige Entwicklung am Projektstandort (Armutsbekämpfung) sowie Biodiversität. Greenpeace verweist auf nur sehr wenige gute Aufforstungsprojekte und empfiehlt jene der Boku (z. B. Aufforstung und Regeneration lokaler Wälder in Äthiopien).
Statt in Waldprojekte kann der Flugreisende auch in Klimaschutzprojekte im Bereich Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Umweltbildung in unterentwickelten Ländern investieren. Jasmin Duregger von Greenpeace: „Diese Projekte binden zwar ausgestoßene Treibhausgase nicht, vermeiden dafür aber künftige Emissionen aus fossilen Energieträgern.“ Vorzeigeprojekte sind etwa Holzöfen in Ruanda (sie schonen Ressourcen, Gesundheit und Budget der Nutzer), Klein-Bio-Gasanlagen in Nepal (Energieproduktion aus Tierexkrementen) oder Biomassekraftwerke in Indien (Stromgewinnung aus Ernteresten) – alle von Atmosfair.
Egal was der Flugreisende wählt, entscheidend ist, „dass ein Projekt zusätzlich entsteht, das also ohne die Gelder aus dem Emissionshandel nicht zustande gekommen wäre“, mahnt Johannes Wahlmüller von Global 2000.

Kompensationspreise

Gute CO2-Plattformen stellen ihre Projekte auf ihren Homepages vor, mitunter kann der kompensationswillige Flugreisende auch konkrete Einzelprojekte auswählen. Doch Flug ist nicht gleich Flug: die Berechnungen für verursachtes CO2 und der Kompensationspreis ist je nach Plattform unterschiedlich. Grund dafür ist der RFI-Faktor (Radiative-Forcing-Index): Er berücksichtigt, dass THGs in größeren Höhen schädlicher sind, und rechnet diese zum Kerosinverbrauch dazu. Allerdings unterschiedlich hoch. So kommen für die Economy-Flüge Wien – New York (JFK) – Wien Ausgleichszahlungen zwischen 46,58 und 184,56 Euro zustande.
Weiters schlagen die Flugklassen unterschiedlich zu Buche: Aufgrund des höheren Platzbedarfs fallen für Business- oder First-Class-Passagiere teurere Kompensationszahlungen an. Bei Atmosfair für Wien – New York – Wien z. B. 65 Euro in der Economy, 83 Euro in der Premium Economy, 121 Euro in der Business und 161 Euro in der First Class.
Die beste Orientierungshilfe für sinnvolle Projekte sind internationale Qualitätsstandards. Die wichtigsten sind der „Clean Development Mechanism (CDM)“: er ist an die Klimarahmenkonventionen der Vereinigten Nationen (UN FCCC) gekoppelt und zertifiziert CO2-Einsparungen. Das Zertifikat „Gold Standard GS“ (von Umweltorganisationen unter Federführung des WWF ins Leben gerufen) stellt besonders hohe Anforderungen auch in puncto Nachhaltigkeit und Bio-Diversität, wobei GS CER strenger ist als GS VER.
Die besten CO2-Plattformen orientieren sich am „Gold Standard“, laut Umweltschutzorganisationen sind die besten Atmosfair, MyClimate und der Boku-Klimarechner (weitere Anbieter siehe Vergleich Kompensationskosten).

Kaum genützt

„Seit vielen Jahren investieren wir in technische, operationelle und infrastrukturelle Innovationen“, beteuert Andreas Otto, CCO der Austrian Airlines. Dazu zählen Flottenerneuerungen, innovative Flugrouten, Gewichtsreduktion an Bord und die Unterstützung der Forschung für synthetische, emissionsfreie Treibstoffe. Otto: „Weiters sind wir seit 2012 in den europäischen Emissionshandel EU-ETS einbezogen und kompensieren seit 2019 die Dienstreisen unserer Mitarbeiter. Und ab 2021 wachsen wir gemäß dem internationalen CO2-System Corsia (Carbon Offsetting & Reduction Scheme for International Aviation, Anm. d. Red.) CO2-neutral.“ Auf ihrer Homepage bietet die AUA in Kooperation mit Climate Austria CO2-Kompensation an. „Doch davon machen leider nur weniger als ein Prozent unserer Fluggäste Gebrauch!“

Steuerliche Absetzbarkeit

Nachbar Deutschland hat ein System, das helfen könnte, dies zu ändern. CO2-Ausgleichszahlungen können dort als Spende von der Steuer abgesetzt werden. In Österreich sind CO2 Kompensationszahlungen derzeit grundsätzlich nicht als Spende steuerlich absetzbar. Eine Ausnahme ist etwa besagte Boku mit ihrem CO2-Kompensationssystem, hat Steuerberater Stefan Ratzinger herausgefunden, „denn über den Weg der Zahlung an die Boku als spendenbegünstigte Forschungseinrichtung kann eine steuerliche Absetzbarkeit erreicht werden“.
Künftig könnten CO2-Kompensationszahlungen aber generell in Österreich absetzbar werden: „Die Task Force zur ökologischen Steuerreform wird sich auch mit diesen Themen befassen, da Ziel der Bundesregierung ist, unser Steuersystem weiter zu ökologisieren“, sagt Johannes Pasquali, Sprecher des Finanzministeriums, auf GEWINN-Anfrage.

>> Zum Download: CO2-Kompensationskosten und Verkehrsmittelemissionen


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