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Akademiker, Weinbauern, Maßschneider & Co

183 Abgeordnete vertreten die österreichische Bevölkerung im Nationalrat und sollen uns gut durch die Legislaturperiode, also maximal fünf Jahre, führen. Aber welche Ausbildung befähigt die Parlamentarier eigentlich, uns zu regieren? GEWINN hat sich ihre Lebensläufe angesehen.

 

 

(Foto: Parlamentsdirektion/Thomas Topf)

Am 27. Februar 2020 wurde es bei der Sitzung im Nationalrat emotional. Es ging um die Frage, ob Menschen nach 45 Jahren Arbeit abschlagsfrei in Pension gehen dürfen oder nicht – eben um die Hacklerregelung. Da war unter anderem von „Reparatur des Schadens durch das Spiel der freien Kräfte“ die Rede.

Aber wie viele „Hackler“ haben eigentlich darüber mitentschieden? Von 183 Abgeordneten haben gerade mal 28 eine Lehre absolviert. SPÖ-Abgeordneter Christoph Matznetter (Wirtschaftsprüfer und Doktor der Politikwissenschaft) brachte es bei seiner Wortmeldung – Stichwort Solidarität von Besserverdienenden mit den Hacklern – auf den Punkt: „Die Kollegen von den Neos – wenn ich in Ihre Reihen schaue, ist kein einziger da, der zum Zeitpunkt . . . Pensionsbezugs . . . 45 Jahre gearbeitet hat, na gut, bis auf Sepp Schellhorn (Anm. d. Red.: ehemals Absolvent der Hotelfachschule Bad Hofgastein, Unternehmer im Tourismus, Abgeordneter), dem gestehen wir es zu, dass er es vielleicht erreicht. Der Rest wird das schon aufgrund der Akademikerquote Ihrer Partei nicht erreichen.“

Und tatsächlich: Knapp drei Viertel der 15 Neos-Abgeordneten haben einen akademischen Titel (davon ist beinahe jeder zweite Jurist), dafür hat kein einziger eine Lehre absolviert. Folglich gibt es niemanden mit handwerklichem Background, auch aktive Landwirte sucht man bei den Neos vergebens. Ihre Landwirtschaftssprecherin ist die Oberösterreicherin Karin Doppelbauer, sie hat aber Agrarökonomie studiert.
Muss man allerdings ein Hackler (gewesen) sein, um darüber politisch zu debattieren und entscheiden zu können? Welche Rolle spielt die Ausbildung für die Politik und den Nationalrat, schließlich sagt man (zumindest seitens der Politik) ja gerne, dass man den Beruf des „Politikers“ nicht erlernen oder gar studieren kann, ob man dafür „qualifiziert“ ist, entscheiden die Parteien selbst und letztlich die Wähler. Im Nationalrat soll ja, so wird im Hohen Haus gerne betont, eine bunte und breite Vertretung der heimischen Bevölkerungsschichten, Regionen, Geschlechter und Altersgruppen vorhanden sein.

Somit sitzen ein Atmosphärenphysiker, eine Jazz-Saxophonistin, ein Spengler, eine Ärztin etc. Seite an Seite.

GEWINN hat sich jeden der 183 Lebensläufe der Nationalratsabgeordneten angesehen (online unter www.parlament.gv.at/WWER/PARL/J1918/.

Jeder fünfte ist Jurist

Dabei fällt auf, dass unter ihnen erstaunlich viele Juristen sind. So hat, wie gesagt, etwa fast jeder zweite  Abgeordnete (47 Prozent) der Neos ein rechtswissenschaftliches ­Studium absolviert, bei der FPÖ sind es
rund 27 Prozent, bei der ÖVP gut 21 Pro-zent, 15 Prozent bei den Grünen und rund zwölf ­Prozent bei der SPÖ. Insgesamt ist also jeder fünfte Nationalratsabgeordneter Jurist.

Die meisten Handwerker sind bei der SPÖ

Doch zurück zum Thema Hackler. Die SPÖ hat zwar die wenigsten Akademiker in ihren Reihen, dafür die meisten Abgeordneten mit Lehrabschluss (elf bzw. 27,5 Prozent), unter ihnen fünf Handwerker. Zum Beispiel der gelernte Elektroinstallateur Andreas Kollross, Maurer Josef Muchitsch sowie Maschinenbauer und Elektrotechniker Alois Schroll. Im SPÖ-Klub gibt es keinen Abgeordneten, der beruflich primär aus der Land- und Forstwirtschaft kommt. Landwirtschaftssprecherin ist Cornelia Ecker, sie ist neben dem Abgeordnetentum Geschäftsführerin einer Biometzgerei in Salzburg.

Im ÖVP-Parlamentsklub finden sich aktuell drei ausgebildete Handwerker: der Tischler Joachim Schnabel, der Schmiedemeister Laurenz Pöttinger und der gelernte Kfz-Mechaniker Gabriel Obernosterer, der aber schon länger als Hotelier arbeitet. Bei den Abgeordneten der Volkspartei fällt der hohe Anteil der Land- und Forstwirte auf. Mit zwölf Abgeordneten (rund 17 Prozent) ist die ÖVP hier klarer Spitzenreiter.

Mehr als die Hälfte der freiheitlichen Nationalratsabgeordneten hat ein abgeschlossenes Studium, vom Rest haben 13 Prozent einen Lehrabschluss, darunter zwei Personen in einem handwerklichen Beruf. Alois Kainz ist gelernter Karosseriebautechniker, Chris­tian Ries machte eine Ausbildung zum Lüftungsbauer und Spengler/Blechschlosser, absolvierte danach aber die Polizeischule und wurde Kriminalbeamter. Zwei Landwirte finden sich im FPÖ-Klub: Michael Schnedlitz und Peter Schmiedlechner.

Die Grünen führen bei Akademikern

Die Grünen haben den höchsten Anteil an Akademikern unter den Nationalratsklubs (siehe Grafik), dafür aber nur drei Abgeordnete mit Lehrabschluss. Süleyman Zorba ist IT-Techniker, Ralph Schallmeiner Großhandelskaufmann und Clemens Stammler lernte Drucker. Stammler machte später aber den landwirtschaftlichen Facharbeiter und arbeitet als Landwirt. Neben ihm tut das im Klub der Grünen nur Olga Voglauer. Sie studierte Landwirtschaft an der Universität für Bodenkultur und betreibt einen Biohof in Kärnten.

Fraktionslos

Eine Abgeordnete ist aktuell ohne Fraktion. Pia Philippa Strache zog im Herbst 2019 über ein FPÖ-Ticket in den Nationalrat ein, nach den Differenzen im Zuge der Spesenaffäre musste sie den Klub verlassen und ist seitdem eine „wilde Abgeordnete“. Akademischen Grad hat Strache keinen, ihr Lebenslauf ist allerdings nicht auf der Parlamentswebsite angeführt. Als Beruf gibt sie Angestellte an.

Die Ausbildung der Klubobleute:

August Wöginger, ÖVP
Der in Passau geborene Innviertler begann nach der Handelsakademie Schärding als Angestellter beim Roten Kreuz. Über den Betriebsrat ging es dann weiter in die Politik, seit 2002 ist er Abgeordneter zum Nationalrat.

Pamela Rendi-Wagner, SPÖ
Nach dem Gymnasium studierte Rendi-Wagner Medizin in Wien und hängte einen Master in London (Infection and Health in the Tropics) an. 2008 machte sie ihre Habilitation an der Medizinischen Universität in Wien
(Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin).

Herbert Kickl, FPÖ
Der geschäftsführende Klubobmann begann nach dem Neusprachlichen Gymnasium Spittal/Drau mit Publizistik und Politikwissenschaft in Wien, ein Jahr später kamen Philosophie und Geschichte dazu. Laut Lebenslauf studiert er immer noch, also seit 32 Jahren.

Sigrid Maurer, Die Grünen
In Rum in Titol geboren, durchschritt Maurer die HLW in Innsbruck und absolvierte 2017 den Bachelor in Soziologie an der Universität Wien. Seither ist sie im Master-Studium Soziologie.

Beate Meinl-Reisinger, NEOS
Nach dem Gymnasium in Wien studierte Meinl-Reisinger Jus in Wien und wurde Magistra. Anschließend studierte sie an der Donau-Universität Krems European Studies und schloss mit einem Master (MES) ab.

Pia Philippa Strache, ohne Klubzugehörigkeit
Über ein Ticket der FPÖ zog die „wilde Abgeordnete“ 2019 in den Nationalrat ein, verließ den freiheitlichen Klub jedoch rasch. Ihre Ausbildung verschweigt sie auf der Parlamentswebseite, gibt „Angestellte“ an.

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