„Alkotest“ für fruchtbare Tage

Reinblasen und ablesen. Das Grazer Start-up Carbomed bringt einen Test auf den Markt, der die fruchtbaren Tage der Frau über die Atemluft bestimmt.

Tool zur Familienplanung: Einmal täglich eine Minute lang in den „Breathe Ilo“ hineinblasen und er zeigt an, ob die Frau gerade fruchtbar ist oder nicht (Foto: Carbomed/David Bazabal Studios 2018)

Eine Minute täglich muss man in das kleine Gerät reinblasen. Am besten immer zur selben Uhrzeit. Nein, den Alkoholpegel misst es natürlich nicht, sondern die Fruchtbarkeit der Frau. Was blumig klingt, ist beinharte Physik: „Der Breathe Ilo misst die Veränderung des Partialdrucks des Kohlendioxids in der Atemluft“, weiß Carbomed-Medical-Solutions-Chef Bastian Rüther. Je nach Hormonspiegel im Lauf des weiblichen Zyklus verändert sich dieser Druck.

So weit die Theorie. In der Praxis ist das aber nicht so einfach, denn die CO2-Schwankungen sind bei jeder Frau höchst unterschiedlich. So braucht es eine kräftige Portion Algorithmus und eine mindestens einmonatige Kalibrierungszeit, damit man verlässliche Messergebnisse bekommt. „Je länger man den Breathe Ilo verwendet, desto mehr lernt er über den Zyklus dazu“, so Rüther (28). Sein Vater, der Medizintechniker Horst Rüther, und der Gynäkologe und Endokrinologe Ludwig Wildt haben vor sechs Jahren die Firma gegründet.

Algorithmus macht die Technologie leistbar

Fünf Jahre Arbeit und drei Millionen Euro sind in die Entwicklung geflossen. „Die Herausforderung dabei war, güns­tige Standardsensorik für diese Zwecke zu adaptieren“, weiß Bastian Rüther, der heute das Unternehmen operativ führt. Schließlich richtet man sich mit dem Produkt an die Endkundin, die nicht zigtausende Euro dafür zahlen will.

Bisher gab es schon solche Atemluftmessgeräte, jedoch mit Preisen zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Den Spagat zwischen Präzision und Preis bestreitet Carbomed mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Der Algorithmus interpretiert die Messergebnisse entsprechend. Die Daten liegen pseudoanonymisiert in der Cloud. Das heißt, Nutzer und Messdaten lassen sich nicht mit einer Person in Verbindung bringen.

Die Finanzierung erfolgte aus Förderungen von AWS und FFG sowie Business Angels à la Leo Hillinger, Hans Peter Haselsteiner und Martin Rohla (Anfang 2019 trat Carbomed in der Puls-4-Start-up-Show „2 Minuten 2 Millionen“ auf und räumte ab). Nach vier Feldstudien mit rund 100 Frauen als Testpersonen ging Carbomed mit dem Breathe Ilo im Mai 2019 über den eigenen Online-Shop auf den Markt, zum Stückpreis von 280 Euro. Alternativ gibt es auch ein Mietmodell um 30 Euro monatlich.

Bisher habe man 1.000 Stück verkauft und seit Kurzem ist der Breathe Ilo in allen Apotheken Österreichs auf Bestellung erhältlich. Im Laufe des heurigen Jahres will Rüther den deutschen Markt beackern. In zwei bis drei Jahren soll der Breathe Ilo als Verhütungsmittel herauskommen. Bis dahin wird noch am Algorithmus gearbeitet. Denn schließlich läuft er dann im genau umgekehrten Modus.

Praxistest:Prognosefunktion fehlt

Der GEWINN-Test zeigte: Das Gerät Breathe Ilo muss per Bluetooth mit der dazugehörigen Smartphone-App verbunden sein, damit die Auswertung funktioniert. Den ersten Tag der Blutung gibt man in der App manuell ein. Positiv ist die übersichtliche Gestaltung des Zykluskalenders. Die testende Frau merkte allerdings an, dass das Gerät beziehungsweise die App keine Prognosen zur Fruchtbarkeit tätigt, sondern nur für den jeweiligen Tag fruchtbar/ nicht fruchtbar anzeigt. Im Sinne der Familienplanung wäre eine Prognose – auch wenn diese dann durch die Atemluftmessung anders ausfallen könnte – wünschenswert.

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