„Beast from the East“ kurbelt Gasmarkt an

Warum Europa mehr Gasimporte braucht, LNG nicht alle glücklich macht und E-Autos belächelt werden. GEWINN hat sich auf der European Gas Conference in Wien umgehört.

Foto: Shell International Ltd.

Das ist Musik in den Ohren der Gaskonzerne: Deutschland will bis voraussichtlich 2038 den Kohleausstieg vollziehen. Ebenso werden die Atomkraftwerke bis 2022 vom Netz gehen. Und auf EU-Ebene steht eine CO2-Reduktion um 80 Prozent bis 2050 auf dem Programm. Wunderbar, denn was ersetzt die zwei „schmutzigen“ Energieträger am bes­ten? Gas!

Zwar bleibt der Gesamtbedarf von rund 500 Milliarden Kubikmetern stabil, doch sinken die Fördermengen in der EU (Prognosen zufolge bis 2030 um die Hälfte). Daher wird Europa künftig noch mehr vom Import aus Russland und dem Mittleren Osten abhängig sein.

Der kalte Winter Anfang 2018 („Beast from the East“, wie man in der Branche dazu sagt) hat gezeigt, dass es trotz kräftiger Bevorratung ohne Standleitung nach Russland nicht geht.

Da reiben sich nicht nur die Konsumenten am Gasofen die Hände, sondern alle in der Wertschöpfungskette. Wie der heimische Öl- und Gaskonzern OMV. Vorstandsvorsitzender Rainer Seele hat seine nicht unumstrittene Freundschaft mit Russland zu zahlreichen Akquisitionen (z. B. die Gasfelder „Juschno-Russkoje“ und „Achimov“) dazu genutzt, Gas güns­tiger einzukaufen, nach Europa zu transportieren und hier zu verkaufen.
So weit, so gut. „Russland ist eine verlässliche Quelle“, rühmt OMV-Vorstand Manfred Leitner die nun 50-jährige Lieferpartnerschaft. „Es gab in dieser Zeit keinen einzigen Tag, an dem das bestellte Gas nicht bei uns angekommen ist. So lange das so ist, kann ich gut schlafen“, so Leitner, der bei der OMV den Geschäftsbereich Downstream verantwortet, also die Verarbeitung und Vermarktung von Öl und Gas. Doch ganz so ruhig schläft er womöglich nicht.

Das Dilemma beim Transport

Denn der steigende Importbedarf braucht Inf­rastruktur. Dass die dafür „notwendige“ Pipeline Nord Stream 2 ein mühsames Politikum geworden ist, schätzt man auf europäischer Seite gar nicht. Auf russischer Seite freilich schon, denn damit schneidet der Erzfeind Ukraine als Transitland an den Gaslieferungen weniger mit. Nur so richtig zugeben will das keiner. Schließlich ist der steigende Importbedarf schlagendes Argument genug. Ganz besonders, wenn das Beast from the East wieder zuschlägt.

Einer Importalternative gegenüber ist man bei der OMV gar nicht aufgeschlossen: LNG (Liquefied Natural Gas, auf Deutsch „flüssiges Erdgas“). Es wird bei rund minus 160 Grad verflüssigt und damit auf ein Sechshundertstel seines Volumens reduziert, in spezielle Cargoschiffe verfrachtet und unter anderem von Australien, den USA und Katar exportiert.

„LNG ist nicht optimal. Zu schwierig im Transport und zu teuer“, fasst es Leitner kurz zusammen. Sieht man sich die Fakten an, hat er nur teilweise Recht: Der Verflüssigungsprozess frisst zwar zehn bis 20 Prozent der transportierten Energie. In Kombination mit recht kostenintensiver Verflüssigungs- und Verladeinfrastruktur natürlich ein großer Bro­cken. Doch ab Distanzen ab 3.000 bis 4.000 Kilometern ist der Transport von Gas via LNG-Tanker günstiger als über Pipelines. Und alternative Importquellen kommen in Frage.

Russland ist LNG nicht abgeneigt

Doch ob LNG oder Gas aus Pipelines ist eine „Glaubensfrage“. LNG-Befürworter könnten entgegnen: LNG lässt sich leicht transportieren, da keine politisch brisanten Pipelineprojekte gebaut werden müssen. Österreich würde beim LNG nur am Ende der Wertschöpfungskette stehen, denn am Neusiedler See legen keine LNG-Tanker an. Ein wichtiger Gasverteilknoten befindet sich aber im Marchfeld.

Russland sieht die Debatte relaxt. „Wir haben uns in den letzten fünf Jahren intensiv mit dem Schiffstransport von Gas beschäftigt“, verlautbart Viktor Zubkov, Aufsichtsratschef des teilstaatlichen russischen Gasunternehmens Gazprom. Wegen der Reibereien in der Baltischen See hinsichtlich Nord Stream 2 sei man nun mehr auf LNG fokussiert. „Der LNG-Bedarf wird weltweit wachsen“, gibt er zu bedenken und fordert einheitliche Regeln für alle Player auf dem Markt. Dazu sollte es Zubkov, übrigens ehemaliger Ministerpräsident, an internationaler Einflussnahme nicht fehlen, denn er bekleidet das Amt des „Sonderbeauftragten des Präsidenten der Russischen Föderation für Zusammenwirken mit dem Forum Gas exportierender Länder“. Und da hat er politisch ein Wörtchen mitzureden.

Erdgasbusse in Moskau

Zum Beispiel in Moskau. Aushängeschild für die vielfältige Nutzung von Erdgas soll künftig das öffentliche Busnetz in Russlands Hauptstadt werden. Zubkov berichtet über die Bestrebungen, die Flotte komplett auf CNG (Compressed Natural Gas, also komprimiertes Erdgas) umzustellen. So gibt es schon über 150 solcher CNG-Busse in der Metropole an der Moskwa. Künftig will Gazprom weitere CNG-Stationen in ganz Russland bauen. Und das soll Nachahmer und damit mehr Absatz generieren.

Beispiel dafür ist Italien, wie Zubkov lobend hervorhebt. Unser südliches Nachbarland ist europaweit führend bei der Infrastruktur der CNG-Tankstellen. Rund 1.300 Stück davon existieren. „Wir können das auch mit Österreich machen“, so sein Angebot.

Rückläufige Förderquoten in Europa (etwa die Schließung des niederländischen Gasfelds Groningen ab 2030) lassen Russland daher bequem zurücklehnen und auf fette Bestellungen warten. Dass der fossile Energieträger bei der Energiewende ins Hintertreffen geraten könnte, fürchtet Elena Burmistrova, Generaldirektorin von Gazprom Export, nicht. „Erdgas wird in Kombination mit erneuerbarer Energie das Mittel zur nachhaltigen Klimapolitik sein.“ Sie freut sich coram publico über das Rekordexportvolumen von 200 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr 2018 nach Europa. Auf europäischer Seite sieht man das natürlich ambivalent.

EU warnt Gasexporteure

So etwa Florian Ermacora von der Generaldirektion Energie der Europäischen Kommission. Sein klar formulierter Appell an die Gasindustrie hat es in sich: „Verlasst euch nicht auf den Atom- und Kohleausstieg alleine. Gas muss ein wettbewerbsfähiges Produkt sein.“ Dass die OMV die Debatte über Nord Stream 2 als „überpolitisiert“ bezeichnet, sei lobenswert, wie er sagt. Keinesfalls wollen Ermacora beziehungsweise die EU-Kommission Gas verteufeln, denn es habe einen wichtigen Anteil am Energiemix. Auch in Zukunft.

 

LNG für Europa

Der globale LNG (Liquefied Natural Gas)-Markt ist im letzten Jahr um neun Prozent gestiegen. Der Handel erfolgt zwischen 30 Staaten. Die größten Exporteure sind Katar und Australien. Vertreter der LNG-Industrie sehen das verflüssigte Erdgas als Garant für die Versorgungssicherheit von Gas. Insgesamt gibt es 22 LNG-Terminals in Europa. Ein Terminal in Deutschland ist derzeit in Diskussion. Während die deutschen Energiekonzerne Uniper und RWE den Bau begrüßen, sträubt sich der Öl- und Gaskonzern Wintershall. Grund sei die mangelnde Rentabilität solcher Anlagen. Doch muss man wissen, dass Wintershall auch am Projekt Nord Stream 2 beteiligt ist. Uniper allerdings ebenfalls. Die bestehende LNG-Infrastruktur könnte Europa zu 40 Prozent mit Gas versorgen. Aktuell, so sagt man in der Branche, seien es nur rund 14 Prozent. Katar ist mit 40 Prozent der größte LNG-Lieferant der EU.

Die European Gas Conference

Zum zwölften Mal fand heuer Ende Jänner die von der OMV gehostete European Gas Conference in Wien statt. Vor den mehreren hundert Besuchern traten auf dem Podium Vertreter der großen Energiekonzerne wie BP, Gazprom, Eni, Total und RWE auf. Aber auch Amtsträger aus der Europäischen Kommission und österreichischer Ministerien waren dabei. Moderiert wurden die Panels von Wissenschaftlern des Oxford Institut for Energy Studies. Bei den GEWINN-Recherchen vor Ort zeigte sich ein klares Bild der Positionen: Selbstverständlich einig ist man sich, dass Erdgas einen essenziellen Beitrag zur Dekarbonisierung leistet und als „Enabler“ von erneuerbaren Energien (Stichwort Netzstabilisierung) fungiert. Ebenso wird Erdgas in komprimierter Form (CNG) die Zukunft der Mobilität darstellen. Der aktuelle Elektro-Boom werde bald wieder verflogen sein. Doch durch welche Quellen der steigende Bedarf an Gasimporten in Europa gestillt werden soll, darüber ist man sich naturgemäß uneinig. Während Russland-freundliche Unternehmen auf Gas von ebendort via Pipeline schwören, heben die Vertreter der LNG-Industrie die Vorzüge des flüssigen Pendants hervor: politisch unempfindlicher und flexibler Transport. LNG-Tanker haben bekanntlich schon ihre Route geändert, wenn sich europäische Käufer gegenseitig mit den Preisen überboten haben. Angelegt wird schließlich dort, wo für die „Löschung“ mehr gezahlt wird.

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