Der Aufpolierer

Hat die Berndorf AG früher Besteck auf Hochglanz gebracht, kauft sie heute marode Industriebetriebe günstig ein und poliert sie zu Weltmarktführern auf. Roboter, Maschinenbau oder Automotive – der „Bär“ hält zehn Beteiligungen in Nischen.

Peter Pichler ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Berndorf AG. Gleich neben seinem Büro liegen die Hallen der „Berndorf Band“ (Foto: Ernst Kainerstorfer)

Wie ein gigantischer Keilriemen spannt sich das glänzende Band aus purem Edelstahl zwischen zwei Walzen. Mit 100 Tonnen ziehen sie es langsam auseinander. Ein Kraftakt, nur begleitet durch das Surren der Motoren. Ist das Band roh und wellig ins Haus gekommen, bekommt es jetzt auf der „Streckbank“, vulgo Richtprozess, den ersten Teil einer umfangreichen Schönheitskur. Schon beginnen sich die Walzen zu drehen und glätten dabei das Band. Passt die Figur, geht es zur Kosmetik. Schließlich will man am Ende glänzen. Und zwar richtig. „Unsere Bänder müssen derart glattpoliert sein, weil darauf hauchdünne Folien für Smartphone-Displays und Fernseher getrocknet werden“, erklärt Berndorf-Vorstandsvorsitzender Peter Pichler. Ein kleiner Fehler und ganze Serien von Gadgets hätten Fehler in den Bildschirmen. Dazu muss man wissen, diese hochglanzpolierten Bänder aus dem niederösterreichischen Berndorf wandern fast ausschließlich nach Asien zu Tech-Produzenten. Berndorf ist damit fast Monopolist. „An unsere Polierleis­tung kommt derzeit niemand heran“, ist Pichler stolz.
Und das hat seine Gründe weit in der Vergangenheit. Die 1843 gegründeten „Berndorfer Metallwerke“ etab­lierten sich zum Shooting-Star für Besteck mit dem eingeprägten Bären als Logo. Auch als Berndorf während des Zweiten Weltkrieges zum Krupp-Konzern gehörte, genossen die Besteckpolierer hohes Ansehen unter der Bevölkerung, die damit tafelte.

Heute sieht die Sache anders aus. Zwar gibt es das Besteck mit dem Bären noch, aber produziert wird es seit den 1990er-Jahren im Reich des Roten Drachens, in China, und in Österreich verpackt. Besteck hierzulande zu produzieren wäre nicht profitabel, da es personalintensiv und schwer automatisierbar ist. Wirtschaftlich gehört die Bestecksparte nicht zur Berndorf AG, sondern zur Eigentümerstiftung. „Geblieben ist die hohe Kunst des Polierens, die nun an den langen Stahlbändern wieder zum Tragen kommt“, berichtet Pichler.

Jagd auf schwächelnde Betriebe

Dinge zum Glänzen zu bringen ist tief im Unternehmen verankert. Nicht nur unter der polierenden Arbeiterschaft, sondern auch im Management. Das war allerdings nicht immer so. Der nach der Besatzungszeit verstaatlichte Betrieb war massiv angeschlagen. Der damalige „Sanierer“ und heutige Aufsichtsratschef sowie Eigentümer Norbert Zimmermann vollzog 1988 mit seinen Kompagnons einen Management-Buy-out und privatisierte den „Bären“. Ab dann ging es bergauf. Von 50 Millionen Euro Umsatz auf heute 661. Doch alles der Reihe nach.

Das „Raubtier“ stieß zuerst unrentable Beteiligungen ab und ging anschließend auf die Jagd. Nach und nach krallte es sich Industrieunternehmen vorwiegend in Österreich und Deutschland. Die Strategie dahinter: „Wir kaufen in die Jahre gekommene Industriebetriebe, vorwiegend in Familienbesitz, die in Nischen agieren. Keine Nullachtfünfzehn-Produkte“, so Pichler. Dann tritt der Bär als Kapitalgeber auf, strukturiert um, poliert sie wieder auf, in vielen Fällen sogar zum Weltmarktführer. Beispiele dafür sind die beiden Wärmebehandler Aichelin und Hasco sowie der Maschinenbauer Stoba.

„Unternehmen bekommt man nur günstig, wenn sie schwächeln“, lautet Pichlers pragmatischer, aber logischer Zugang. Berndorf baut sie dann aus eigener Leistung wieder auf und steigert den Wert, bis sie schwarze Zahlen schreiben. Pro Unternehmen gibt man zwischen zehn und 60 Millionen Euro aus. Der gewinnbringende Verkauf ist dabei nicht das Ziel. Ganz im Gegenteil. Alle Beutetiere seit der Privatisierung sind heute noch im Portfolio und man freut sich über laufende Renditen.

Helfen statt quälen

Heute ist der Bär an zehn verschiedenen Firmengruppen beteiligt, die ihrerseits bis zu 20 Tochtergesellschaften haben. Und Pichler steuert das riesige Vehikel aus seinem Büro im nostalgischen Backsteingebäude des Headquarters im Triestingtal. Dabei setzt er auf die lange Leine. „Wir sind kein Konzern, sondern eine dezentrale Organisation“, betont der CEO. Soll heißen: Die Geschäftsführer der Beteiligungen können eigenständig und unternehmerisch agieren. „Wir verstehen uns, genauso wie die Philosophie unseres Eigentümers, als stabiler Partner, der unterstützt und coacht, aber nie quält.“

Fast alle Beteiligungen agieren in Nischen mit kaum Konkurrenz, darunter im Bereich Automotive, Wärmebehandlung und Maschinenbau. Ziel einer jeden Akquisition ist, die Präsenz in dieser Nische möglichst international auszubauen.

2016 gab es einen Wachstumsschub mit vier Neuzugängen in den Bereichen Motorentechnik, Wärmebehandlung, Drahterzeugung und Stahlbandfertigung. In Tschechien etwa verleibte sich Stoba ein Werk für Kraftstoff-Einspritzsysteme für Motoren ein. Die „Berndorf Band“ schlug in Deutschland bei Anlagen für Stahlbänder des eins­tigen Mitbewerbers Sandvik zu.
Das brachte der Berndorf-Gruppe rund zehn Prozent mehr Umsatz und ist damit der größte Wachstumsschub seit acht Jahren. „Wir sind in den letzten 20 Jahren durch neue Beteiligungen stark gewachsen, künftig wollen wir es etwas entspannter angehen“, lässt Pichler wissen.

Zukunftsfit für E-Mobilität und Industrie 4.0

Neben den Industriebetrieben gehören ebenso Minderheitsbeteiligungen an stark wachsenden Technologie-Start-ups zur Jagdstrategie. „So haben wir uns ab Ende der 1990er an einigen Neugründungen beteiligt.“ Gerne verweist Pichler dabei auf Humai, das Spin-off der TU Wien. Hinter der Abkürzung für „Human-Machine-Integration“ ste­cken Bilderkennungstechnologie und Augmented Reality. Aus Berndorfs Gründungskapital ist heute, 20 Jahre später, ein erfolgreicher Player mit gut vier Millionen Euro Umsatz geworden. Und noch viel wichtiger: Humai pumpt Zukunftstechnologie in den Bären.

Das passt gut ins Konzept. Statt ständig den Hals nach neuen Beteiligungen zu recken, sucht Pichler derzeit nach Innovationen im eigenen Ökosys­tem. Dazu hat er einen Wettbewerb „innerhalb der Familie“ ausgerufen. Bisher herausgekommen ist eine Automatisierungslösung via Augmented Reality, welche die Fehlerquote bei der Nachbestellung von Ersatzteilen reduziert. Federführend waren „Musterschüler“ Humai und „Umsatzkaiser“ Aichelin.

Ebenso beschäftigt sich ein strategisches Forschungsprojekt mit dem E-Antrieb für Kfz. Und hier schließt sich der Kreis zwischen Beteiligungen und Innovationssuche in der Gruppe. Noch scheint die Sonne, denn die Automobilindustrie ist nach wie vor der am stärksten wachsende Geschäftsbereich. „In jedem Mercedes-Lkw sind Einspritzdüsen von uns verbaut“, freut sich Pichler. Doch ziehen schwarze Wolken namens E-Mobilität auf. „Wir müssen aufpassen, dass durch politische Dummheit nicht von heute auf morgen eine ganze Industrie kaputtgeht“, äußert sich Pichler über Debatten um Dieselverbote. Dass Strom auch der Sprit von morgen sei, da ist er sich sicher. „Wir müssen in zehn Jahren in der Technologie so weit sein, dass wir nicht untergehen.“

Lumpi und Schwimmbäder

Zurück ins Jetzt. Zurück in die Werks­hallen im Ort Berndorf. Hier sind aktuell rund 500 Mitarbeiter beschäftigt. Ein Teil davon werkt bei „Lumpi“ (Produktion von Draht und Stromleitungen) und im „Bäderbau“. Der Großteil aber ist in der „Band“ tätig. Dort ist das Stahlband jetzt mit der Behandlung auf der Streckbank fertig und wandert weiter in die Schleiferei. Schmirgelpapier macht den Edelstahl glatter und dünner. Penibel kontrolliert ein Arbeiter von Hand die Oberflächenrauigkeit. Die Dicke wird mittels Ultraschall gemessen. Für die „Elite“, also jene Bänder, die später an die asiatische Displayindustrie verkauft werden, geht es in den geheimen, teils chemischen, Hochglanzpolierprozess.

Das „Fußvolk“ bekommt eine „hölzerne“ Prägung. Diese Bänder werden in der Spanplatten- und Laminatindust­rie Küchenarbeitsplatten und Möbeln, Dekorschichten à la Nussbaum, Eiche oder Buche aufdrücken. Und so steckt in mancher Küche doch wieder ein Stü­ckerl Berndorf, wenn auch kein metallisch-glänzendes.

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