"Der Einfluss der jungen Leute ist ­unglaublich wichtig für die Zukunft“

Die Rolle des Kernaktionärs, wie Digitalisierung ein Gummiprodukt smart macht, milliardenschwere Investments rund um den Globus, Klimaschutz durch Reduktion des CO2-Ausstoßes und Recycling – wie sieht die Zukunft der Industrie aus?

 

(Foto: Rudolf Schmied)

Im Rahmen des GEWINN InfoDay, Österreichs größtem Wirtschaftskongress für Schüler ab 16 Jahren, moderierte GEWINN-Herausgeber Georg Wailand Mitte November vor knapp 600 Jugendlichen eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der heimischen Indus­trie. Auf dem hochkarätigen Podium saßen Peter Edelmann (CEO B&C-Gruppe), Martin Füllenbach (Vorstandsvorsitzender Semperit AG Holding), Gerald Mayer (Vorstands­vorsitzender Amag Austria Metall AG) und Robert van de Kerkhof (Vorstand/CCO Lenzing AG).

GEWINN: Herr Edelmann, Semperit, Lenzing und Amag sind Unternehmen, die man kennt und über die man viel liest. Was unterscheidet Sie als B&C Industrieholding von den drei anderen Unternehmen?
Edelmann: Wir sind kein globaler Player, sondern gehören einer österreichischen Stiftung an. Die B&C Privatstiftung hat einen Gestaltungsarm, und das ist die B&C Gruppe. Unser Stiftungszweck ist die Förderung des österreichischen Unternehmertums. Und österreichisches Unternehmertum findet übrigens nicht nur in Österreich statt, sondern in der ganzen Welt. Wir halten Mehrheitsbeteiligungen an Unternehmen, bei denen wir weltweit rund 15.000 Arbeitsplätze unterstützen. Davon sind rund 5.500 Arbeitnehmer in Österreich und knapp über 200 Lehrlinge.

GEWINN: Sie besitzen Beteiligungen an Unternehmen wie Lenzing, Semperit und der Amag . . .
Edelmann: Wir halten diese Beteiligungen, weil wir den Sinn darin sehen, diese Unternehmen mit ihren Entscheidungszentralen in Österreich zu halten. Natürlich generieren wir dadurch Einnahmen, die wir dann reinvestieren. Wichtig ist uns, dass wir ein langfristig orientierter Eigentümer sind. Ich verwende da gerne den Begriff „Enkel-fähig“, wir arbeiten also nicht für uns, sondern für die Generationen, die nach uns kommen. Wir sind ein sehr verlässlicher Partner für die Unternehmen, an denen wir beteiligt sind.

GEWINN: Es gibt Politiker, die Privatisierungen – wie einst auch einige der großen heimischen Industriebetriebe – für die einzige sinnvolle Möglichkeit halten, völlig egal, wer der Käufer ist. Wie sehen Sie das?
Edelmann: Unternehmertum besteht nicht nur aus aktiengeführten Unternehmen, wir haben einen sehr breiten Mittelstand. Ich würde sagen, es gibt entweder Eigentümer, die langfristig orientiert sind, wozu sicher die meisten Familienunternehmen zählen, aber auch Eigentümer wie die B&C. Aktionäre können auch Händler sein,weil sie Gewinne realisieren indem sie ihre Anteile günstig erwerben und bestmöglich verkaufen. Wenn man also langfristig orientiert ist, muss man auf Eigentümer bauen, die ihr Geld verdienen, indem sie lange dabeibleiben und langfristig investieren. Diese sehr langfris­tig orientierten Eigentümer sind, so glaube ich, das Rückgrat der österreichischen Industrie.

GEWINN: Ein Beispiel für Langfristigkeit ist Semperit. Ein bekannter Name, eine tolle Marke, die früher auch eine andere Bedeutung hatte, was die Produktpalette betrifft. Nach blühenden Jahren an der Börse gab es eine schwierige Umstrukturierungsphase. Jetzt ist Semperit wieder auf einem Kurs, der, wenn man sich die Börsenkurse ansieht, freundlicher wird. Trotzdem haben Sie, Herr Füllenbach, sicher kein leichtes Amt übernommen. Können Sie uns die heutige Philosophie von Semperit erklären?
Füllenbach: Wir sind ein 196 Jahre altes Unternehmen, das älteste, das in Österreich an der Börse gelistet ist, mit einer sehr wechselhaften Geschichte. Semperit macht keine Auto­reifen mehr, das macht jemand anderer unter dem gleichen Namen. Wir machen in erster Linie Industriegummiprodukte, wie etwa den Handlauf bei Rolltreppen oder die Untersuchungshandschuhe bei Ärzten. Man begegnet unseren Produkten also sehr häufig, ohne es eigentlich zu wissen. Unser Headquarter ist in Wien, das Stammwerk in Wimpassing, das Herz der Semperit schlägt also klar in Österreich, und dort wird es auch weiterhin schlagen. Wir sind fest im Land verankert und werden das auch auf Dauer sein. Wer Gummiprodukte ansieht, denkt oft, dass seien einfallslose Produkte. Man kann aber auch Digitalisierung in einen Handlauf bringen und diesen intelligent machen. Zum Beispiel mit einem Chip, der Auskunft darüber gibt, wie lange der Handlauf noch hält. Damit kann man seine Produkte intelligenter und dadurch für den Kunden interessanter machen.

GEWINN: Sie sind über die Grenzen Österreichs längst hinausgegangen. Löst man so etwas mit einem lokalen Management vor Ort oder spielt im Ausland Österreich eine Rolle?
Füllenbach: Ja, wir sind ein Global Player. Wir haben in zahlreichen Ländern auf vielen Kontinenten Standorte. Ich glaube, die Kunst liegt heute darin, dass sie lokales Management vor Ort haben, aber trotzdem Leute aus Österreich im Ausland einsetzen, die ein Stück weit darauf aufpassen, dass grundlegende Unternehmensstrategien und -prozesse konzernweit ausgerollt werden.

GEWINN: Wenn Sie Leute aufnehmen, wo­rauf achtet das Unternehmen?
Füllenbach: Die Semperit ist, im Vergleich zu anderen Unternehmen, die Summe von vielen kleinen Unternehmen. Wir pflegen den Mittelstandsgedanken. Wir haben Geschäfte in einer Größe von 20 Millionen Euro, die sind uns aber genauso wichtig wie Geschäfte in einer Größe von 400 Millionen Euro. Wir suchen immer Leute, die in unsere Kultur passen.

GEWINN: Herr van de Kerkhof, Ihr Unternehmen Lenzing macht ein Produkt, das auch viel diskutiert wird. Die Verwendung von Kunststoffen widerspricht oft dem Auftrag von Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein. Wie geht ein international respektiertes Unternehmen mit dieser Herausforderung um?
Van de Kerkhof: Sie haben natürlich recht, das Plastikthema ist aktuell nicht zuletzt durch Greta Thunberg und Fridays for Future ein sehr großes Thema. Im Gegensatz zu meiner Generation hinterfragen die jungen Menschen heute, aus welchen Stoffen die Produkte sind. Der Einfluss der jungen Leute ist unglaublich wichtig für die Zukunft. Bei Kleidungsstücken mit Polyester-Fasern kann es mehrere hundert Jahre dauern, bis das Kleidungsstück verrottet. Lenzing ist Weltmarktführer im Bereich von holzbasierten Cellulosefasern, die biologisch abbaubar sind. 70 Prozent unseres Geschäfts gehen in Textilien. Alle großen Textilmarken verwenden Produkte von Lenzing. Wir gelten weltweit als Innovationstreiber und als jemand, der das Nachhaltigkeitsthema aktiv angeht.

GEWINN: Auf den internationalen Märkten sind Sie aber einer Konkurrenz ausgesetzt, die sich wahrscheinlich nicht so viel Gedanken über Nachhaltigkeit und Materialherkunft macht. Wie schaffen Sie es, in Anbetracht der Billigkonkurrenz aus Asien wettbewerbsfähig zu bleiben?
Van de Kerkhof: Die Wahl hat schlussendlich der Konsument, das ist das Wichtigste. Wir verfolgen daher eine ganz deutliche Markenstrategie. Zwischen uns als Hersteller und dem Konsumenten kann es oft sieben oder acht verschiedene Firmen in der Wertschöpfungskette geben. Wir haben es aber geschafft, mit Tencel eine Marke zu entwickeln, die der Konsument immer mehr versteht und schätzt. Die Konsumenten, die bewusst einkaufen, werden auch bereit sein, mehr zu bezahlen.

GEWINN: Investieren Sie nach wie vor in Österreich oder in wachstumsstarken Märkten?
Van de Kerkhof: Wir investieren unglaublich viel in Österreich (zuletzt 60 Millionen Euro für die Modernisierung des Werks in Lenzing, Oberösterreich, Anm. d. Red.), haben auch unser globales Forschungszentrum hier. Alle Innovationen von uns kommen aus Österreich. Außerdem investieren wir ständig in unser Werk in Lenzing. Uns ist es aber auch wichtig, uns weltweit aufzustellen und so die lokalen Konsumenten zu erreichen. Wir bauen jetzt zum Beispiel ein Werk in Thailand (Investi­tionsvolumen für die erste Produktionslinie beträgt inklusive Infrastruktur und Grundstückserschließung etwa 400 Millionen Euro, Anm. d. Red.), immerhin kommen rund 70 Prozent unseres Umsatzes aus Asien. Da müssen wir natürlich auch in der Nähe unserer Kunden sein und dort investieren.

GEWINN: Herr Mayer, Sie sind Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens, das seit Langem mit Aluminium zu tun hat. Wie kann sich dieses Material im Wettbewerb behaupten? Wo sind die großen Vorzüge? In Amerika gibt es Giganten in Ihrem Metier, wie kann man sich mit Ihrer Unternehmensgröße da bewähren?
Mayer: Österreich ist definitiv kein Billiglohnland, deshalb müssen wir uns darauf konzentrieren, Spezialprodukte im Portfolio zu haben und modernste Produktionstechnologien zu nutzen. Durch unseren Werksausbau in Ranshofen haben wir nun das modernste Walzwerk der westlichen Welt. Unser Geschäftsmodell ist es auch, dass wir Spezialitäten massiv forcieren. Bei fast jedem Mountainbike sind Teile von der Amag dabei, genauso wie bei jedem Ski. Auch in der Luftfahrtindustrie, wo viel Aluminium verwendet wird, sind unsere Produkte vertreten. Außerdem wird Aluminium im Bereich der Automobilindustrie immer wichtiger, weil durch das Thema E-Mobilität Leichtbau zunehmend relevant wird. Was uns ganz stark von unseren Mitbewerbern unterscheidet: Wir bauen auf Recycling. Wir sind der größte Aluminium-Recycler an einem europäischen Standort. Aluminiumschrott ist mit 75 bis 80 Prozent Anteil am Materialeinsatz unser wichtigster Einsatzstoff.

GEWINN: Aluminium kann man also nicht nur einmal recyclen, sondern immer wieder. 
Mayer: Genau. Einer der Vorteile von Aluminium ist, dass es unendlich oft recycelbar ist. Die Eigenschaften von Aluminium verändern sich durch Recycling nicht und darauf setzen wir als Amag. Wenn man Primäraluminium aus Bauxit und Tonerde erzeugt, ist das sehr energieintensiv.

GEWINN: Wie gehen Sie mit dem Thema energieintensive Erzeugung um?
Mayer: Wie gesagt, die Erzeugung von Primär­aluminium ist energieintensiv. In Ranshofen setzen wir seit vielen Jahren auf Recycling. Um eine Tonne Aluminium aus Aluminiumschrott zu erzeugen, benötigt man nur fünf Prozent der Energie, die man für die Erzeugung von Primäraluminium benötigen würde. Das ist also ein extremer Vorteil, auf den wir seit Jahrzehnten setzen. Unsere Erzeugung von Primäraluminium war früher auch in Österreich, ist aber mittlerweile in Kanada.

GEWINN: Warum?
Mayer: Ganz einfach, weil dort Strom aus Wasserkraft zur Verfügung steht. Das Hauptthema sind ja die CO2-Emissionen, ganz besonders wenn die Energie aus Kohle- und Gaskraftwerken kommt. Die Produktion einer Tonne Primäraluminium mittels Strom aus Wasserkraft hat einen Ausstoß von 1,8 Tonnen CO2 zur Folge, das ist mit Stahl vergleichbar. Mit Kohle ist der CO2-Ausstoß achtmal so hoch, so wird etwa in China produziert.

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