Funkender Pilot mit Bodenkontakt

Wie Andreas Bierwirth Mobilfunk von T-Mobile mit Glasfaser von UPC zur neuen Marke umbaut. Und warum die Deutsche-Telekom-Tochter nun Magenta heißt.

Andreas Bierwirth ist seit 2012 Vorsitzender der ­Geschäftsführung bei ­Magenta Telekom, vormals T-Mobile Austria (Foto: Ernst Kainerstorfer)

In seinem Nebenjob hat Andreas Bierwirth, CEO der Magenta Telekom, 4.000 Flugstunden als Business-Jet-Pilot gesammelt. „Ich fliege zweimal pro Monat am Wochenende – so wie andere Golf spielen“, erzählt der 48-jährige gebürtige Deutsche. Wenn er mit dem Learjet osteuropäische Oligarchen von Nizza nach Zürich pilotiert, „fühle ich mich wie in einem anderen Ego. Ich lasse die irdischen Themen hinter mir“. Der Blick von oben, immer einen Plan B haben sowie Teamwork mit dem Ko-piloten sind einige der Tugenden, die der studierte Betriebswirt in seinem Brotjob am Boden gut gebrauchen kann. Denn gerade ist seine „Maschine“ nicht nur umgefärbelt worden, sondern hat auch ein paar PS mehr in den Triebwerken.  
Die „gute alte T-Mobile Austria“, die zur Deutschen Telekom gehört, war beim Tuning und hat um knapp zwei Milliarden Euro den Kabelnetzbetreiber UPC (früher auch als Telekabel und Chello bekannt) im August 2018 mit an Board bekommen. Ein Umsatzturbo um 150 Millionen Euro. Mit einem Schlag hat man gut eine halbe Million Kunden mehr und heißt seit Mai 2019 Magenta.

Die Akquisition verleiht T-Mobile, Verzeihung Magenta, eine neue Aero­dynamik. Statt „nur“ Mobilfunkmanöver zu fliegen, schafft der pinke Jet jetzt Kunststücke mit Fernsehen, Festnetz und Glasfaserkabel.

Mobilfunk mit Glasfaser auffetten

„Wir haben es gemacht, um strategisch auf sicheren Beinen zu stehen. Reiner Mobilfunk kann schon mal unter Druck kommen“, skizziert Bierwirth. Damit ist Magenta nun in der Lage, Glasfaser-Internet mit mobilem Internet zu kombinieren, daraus neue, konvergente Produkte für Privat- und Businesskunden zu schnüren. Bierwirth: „Wir betrachten nun einen Haushalt als Ganzes, wo wir möglichst viele Produkte von einer Marke verkaufen.“ Internet, Fernsehen, Festnetz, Mobilfunk, Smartphones, Smart-Home-Spielereien und IoT-Lösungen wie etwa Alarmanlagen.

Das Internet der Dinge (IoT), also per Mobilfunk verbundene Gegenstände, wird aber auch von Businesskunden stärker nachgefragt. Mit ihnen macht der frisch aufgemotzte „Mobilfunker“ rund ein Drittel des Umsatzes – Tendenz steigend. Besonders da künftig alle Bedürfnisse von Businesskunden – besonders auch von Produktionsstandorten auf grünen Wiesen – aus einer Hand befriedigt werden können. Für den Kunden Hapag-Lloyd etwa managt Magenta mit Hauptsitz am Rennweg in Wien das Seecontainer Tracking, genauso wie „intelligente“ Mülltonnen für den Entsorgungsbetrieb Saubermacher. Teils über ein separates Netz, das Narrow-Band IoT. „Wir haben das Glück, eines der zwei IoT-Hubs des Konzerns zu sein“, betont Bierwirth stolz. Apropos Konzern: Die Deutsche Telekom als Eigentümer und Mutter (76 Milliarden Euro Umsatz) war freilich maßgeblich beim „Tuning“ durch den UPC-Zukauf involviert. „Wir haben es zwar lokal vorangetrieben, aber eine Entscheidung dieser Dimension muss vom Europa-Konzernvorstand getragen werden“, lässt Bierwirth wissen. Es war schließlich die größte Cash-Übernahme innerhalb des Konzerns seit einer Dekade.

Warum das „T“ weichen musste

Stellt sich nur die Frage, warum man sich in Österreich mit der Umfärbelung auf Magenta vom etablierten Markennamen des größten Telekomkonzerns Europas bewusst entkoppelt hat. „Wir haben Tests gemacht, ob wir UPC-Produkte unter der Marke T-Mobile verkaufen können. Und das ist uns nicht gelungen“, begründet es Bierwirth. Also ging man den „am wenigsten mutigen“ Weg und kreierte eine neue Marke. Da stand natürlich das – vor allem in Deutschland – stark strapazierte „T“ zur Debatte. „Zu technokratisch: T-Fernsehen, T-Fibre etc.“, spricht es der CEO aus und verweist auf die Erfahrungen aus den 1990er-Jahren mit T-Com und T-Home, die man nicht wiederholen wollte. Nur „T“ allein geht auch nicht, das kommt in der Radiowerbung nicht pfiffig rüber.

Und mit dem Wort Telekom tut man sich auch schwer, ist es doch schon durch Mitbewerber Telekom Austria „belegt“. Also setzte man die Konzernfarbe im Markennamen in den Mittelpunkt, fügt ihr ein „T“ in Form eines „Copyrights“ hinzu (hochgestelltes T in einem Kreis) und firmiert hochoffiziell aber doch als Magenta Telekom. Eine echt „österreichische“ Lösung eben.

Rätselraten bei 5G-Auktion

Noch nicht gelöst ist die Frage, wie die Auflagen für die zweite Auktion von 5G-Mobilfunklizenzen aussehen werden. Die erste (mit einem Frequenzband für Ballungszentren) ist im März zu Ende gegangen (GEWINN extra berichtete) und hat Magenta 57 Millionen Euro gekostet. Die zweite, mit Frequenzen für die großflächige Versorgung, soll nächsten Frühling über die Bühne gehen. Und wegen der aktuellen politischen Situation mit Ibiza-Gate, Expertenregierung und spätsommerlicher Nationalratswahl erwartet sich Bierwirth auch so schnell keine, da das politische Design der Auktion ins Stocken geraten ist, also worauf die Politik bei der Vergabe der Frequenzen Wert legt, was sie damit erreichen möchte. Wäre etwa an 5G-Lizenzen eine quasi Vollversorgung des ganzen Bundesgebiets gekoppelt, würde das eine Stange Geld kosten und den Business-Case 5G mittelfristig ins Wanken bringen, selbst wenn man die Frequenzen dafür kos­tenlos bekäme. „Wir versuchen derzeit, runde Tische mit den Parteien abzuhalten, um Planungssicherheit zu bekommen“, verrät Bierwirth.
Das Thema 5G wirft noch weitere Fragezeichen auf. Bei der abgeschlossenen Auktion haben nicht nur die Mobilfunker, sondern auch kommunale Energieversorger wie die Salzburg AG und die Graz Holding zugeschlagen. In ihren Portfolios warten sie nämlich auch mit Internet-Produkten auf, da stoßen sie mit Richtfunk und Kabeln in den gebirgigen Regionen auf finanzielle und technische Hürden. 5G ist für sie daher der logische Schlüssel zu neuen Kunden. Bierwirth beäugt das mit einem Augenzwinkern: „Das ist eine Re-Verstaatlichung“, meint er und liest aus der neuen Marktstruktur eine zunehmende Skepsis der Länder gegenüber der teilstaatlichen Telekom Austria und seiner Breitbandabdeckung heraus.

Internet für die Straße als Langfristplan

Entlegene Bergdörfer mit schnellem Internet via 5G zu versorgen ist auch für Bierwirth die unmittelbar umsetzbare Erlösquelle aus diesem Mobilfunkstandard. Technisch bis ein Gigabit, realistisch bis 100 Megabit pro Sekunde – immerhin schneller als aktuelle DSL-Leitungen mit zehn Megabit – schafft das „Funk-Glasfaser“.
Mittelfristig, in rund zehn Jahren, wird es aber womöglich das autonome Fahren sein, das 5G treibt. „Die Automobilindustrie erfindet sich gerade neu und geht in Richtung Car-Entertainment“, beobachtet Bierwirth. Während heute nur der eine oder andere Passagier sich während der Fahrt ein Youtube-Video reinzieht, wird es in selbstlenkenden Autos jeder „Fahrer“ tun. „Da kommt ein gewaltiger Übertragungsbedarf auf die Straße, den wir befriedigen müssen“, schätzt Bierwirth.

Nachfrage großes Fragezeichen

Unklar ist für ihn aber noch, ob die Kunden bereit sein werden, für den Datenhunger auch mehr zu zahlen. „Die Nichtprognostizierbarkeit der Nachfrage in Kombination mit hohen Investitionen macht meinen Job in dieser Branche so spannend“, sagt Bierwirth und erinnert sich an UMTS, wo es drei bis vier Jahre gedauert hat, bis die Nachfrage nach langer Durststrecke von heute auf morgen explodiert ist. Und das nach 650 Millionen Euro an Ausgaben bei der Frequenzauktion.

Darüber hinaus hängen Bierwirth und seine Mitbewerber am Gängelband der Hardware-Hersteller. „Keiner weiß, welche neuen Features etwa die nächsten Apple-Geräte genau haben werden und ob sowie wann autonomes Fahren wirklich kommen wird“, veranschaulicht es der Magenta-CEO.
Diese Unsicherheit, die Geschwindigkeit der Veränderungen und die Innovationssprünge unterscheiden sich grundlegend von den Charakteristika der Luftfahrtbranche, in der Bierwirth zuvor rund ein Jahrzehnt tätig war. Er veranschaulicht überspitzt: „Ein Airbus erfindet sich nur alle 20 Jahre neu.“ 2002 bis 2006 war Bierwirth bei der deutschen Fluglinie Germanwings, danach bei der Lufthansa und von 2008 bis 2012 Vorstand (CCO) bei Austrian Airlines. Geblieben ist ihm seine Pilotenlizenz und sein „Hobby“. Das schlägt sich auf den Management-Stil nieder.

Nie ohne Back-up-Plan

„Wenn du einen Flug von A nach B machst, musst du immer einen Alternativplan haben“, so Bierwirth. Denn Wetter oder ein Reifenplatzer eines anderen Fliegers am Boden können die Landung an einem anderen Flughafen notwendig machen. „Ich fahre auch als Magenta-Manager keine Strategie ohne Back-up-Plan. Oft sogar noch mit einem zweiten“, verrät er.

Die Regel beherzigt Bierwirth auch abseits der Fliegerei und Magenta. Der Familienvater steckt den einen oder anderen Euro in Start-ups. „Bezahlte Weiterbildung“ scherzt und benennt er es, Jungunternehmern beim Wachsen zuzuschauen. Bis zu maximal 50.000 Euro, so sagt er, wanderten jeweils unter anderem in die österreichischen Unternehmen Brutkasten (Start-up-Medium), Swell (Chatbot), Updatemi (AI-basierte Nachrichten-App) sowie in den hierzulande größten Venture-Capital-Fonds „Speedinvest“. Wenn das kein Back-up vom Back-up ist.

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.