„Geben mehr als das Doppelte für ­Forschung aus als andere in der Branche“

Vorstandsvorsitzender Stefan Doboczky formuliert klare Ziele: Bis 2050 wird Lenzing „Klimaneutral produzieren“. Dazu will der Zellstoff- und Faserproduzent, wenn nötig, auch die Modeindustrie in die Pflicht nehmen!

„Wir müssen die Pariser ­Klimaziele einhalten, es gibt keine Alternative.“Stefan Doboczky, CEO von Lenzing AG (Foto: Lenzing AG/Franz Neumayr)

GEWINN: Sie haben sich als erster Faserproduzent zur Produktion ohne Netto-CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 bekannt.
Doboczky: Nachhaltigkeit entspricht zur Gänze unseren Unternehmenswerten, wir sind damit in der Textilbranche absoluter Vorreiter. Die Textilindustrie hat mit ihrem CO2-Ausstoß einen ähnlichen Einfluss auf das Weltklima wie die Autoindustrie. Da wir am Anfang einer langen Produktionskette stehen, wollen wir einen Beitrag zu einer deutlichen Verbesserung leisten. Wir haben mit Holz ein Produkt, das uns einen kompletten Kreislaufprozess ermöglicht und am Ende seiner Lebenszeit zu 100 Prozent biologisch abbaubar ist. Das sind sehr gute Voraussetzungen. Wir haben uns zu ambitionierten CO2-Zielen verpflichtet, wie die von Ihnen angesprochene klimaneutrale Produktion bis 2050, und nehmen dafür auch richtig Geld in die Hand.

GEWINN: Wie viel?
Doboczky: Um unsere Position als Nachhaltigkeitsvorreiterin in unserer Branche auszubauen, werden wir in den kommenden Jahren 100 Millionen Euro in Energieeinsparungen, Erneuerbare Energien und neue Technologien investieren. Ein wichtiger Meilenstein dafür wird das Jahr 2030 sein. Dann wollen und werden wir die Emissionen pro Tonne Fasern und Zellstoff um 50 Prozent im Vergleich zum Jahr 2017 gesenkt haben.

GEWINN: Was ist die größte Herausforderung dabei?
Doboczky: Die erste ist die Mobilisierung unserer Mitarbeiter. Die besagte 50-prozentige Reduktion bis 2030 haben wir bereits in einem großen Investmentplan eingepflegt. Darüber hinaus, also für die Zeit nach dem Jahr 2030 und dem sichtbaren Zeichen unserer Bemühungen, brauchen alle Beteiligten ein gesundes Vertrauen in die Zukunft. Zum Beispiel in die Entwicklung neuer Technologien, Wichtig ist, dass wir der Branche und vor allem den Konsumenten schlüssig erklären können, warum wir dafür höhere Preise brauchen. Denn die gleiche Energiemenge aus Erneuerbaren Energien oder aus Erdgas ist teurer als Kohle. Die Konsumenten müssen da mit uns mitgehen! Und wir als Unternehmen, das vorab ins Risiko geht, müssen das entsprechend umsetzen. Denn schließlich können und dürfen wir alle nicht mehr warten. Wir müssen die Pariser Klimaziele einhalten, es gibt keine Alternative.

GEWINN: Auf den Weg dorthin möchten Sie sich vom Standardviskosegeschäft immer stärker abkoppeln, um von der hohen Preisvolatilität nicht mehr so abhängig zu sein.
Doboczky: Wir haben in unserer Unternehmensstrategie sCore TEN festgelegt, dass wir den Anteil unseres Spezialfasergeschäfts weiter erhöhen werden. Derzeit trägt dieser rund 48 Prozent unseres Umsatzes, nächstes Jahr soll der Anteil bereits über die 50-Prozent-Grenze klettern. In fünf Jahren kann das Spezialfasergeschäft bis zu 75 Prozent des Angebots von Lenzing ausmachen. Eine Stoßrichtung lautet dabei, aus bestehenden Kapazitäten höherwertige zu machen. Zusätzlich benötigen wir auch neue Anlagen, die wir bauen.

GEWINN: Wie sieht hier Ihr Investitionsplan aus, wo entstehen die neuen Anlagen?
Doboczky: Die Investitionen in neue Produk­tionskapazitäten für Lyocellfasern und der Fokus auf unsere Produktmarken für Konsumenten, Tencel und Veocel (Tencel im Bereich Textilien, Veocel für Hygiene- und Kosmetikanwendungen, Wischtücher, Gesichtsmasken etc., Anm. d. Red.), werden uns noch resilienter gegen die Schwankungen des Marktes machen und unsere Position als führender Anbieter von Spezialfasern stärken. Die erste Expansionsphase ist die Errichtung einer hochmodernen Lyocellfaserproduktionsanlage in Prachinburi, Thailand. Den Beschluss dazu haben wir vor Kurzem gefällt. Das Investitionsvolumen für eine Anlage mit einer Kapazität von 100.000 Tonnen samt mehrerer allgemeiner Bauteile für weitere Anlagen beträgt etwa 400 Millionen Euro. Insgesamt hätte der Standort Prachinburi aus heutiger Sicht sogar ein Potenzial von bis zu vier solcher Lyocellanlagen zu je 100.000 Tonnen.

GEWINN: Sie überlegen aber auch den Bau eines neuen Faserzellstoffwerks in Brasilien?
Doboczky: Stimmt. Die Vorzeichen stehen gut, aber wir haben den endgültigen Beschluss dafür noch nicht gefasst. Bis Ende 2019 werden wir eine finale Investitionsentscheidung treffen.

GEWINN: Wie hoch wäre hier das Investitionsvolumen und das Potenzial der Anlage?
Doboczky: Das Potenzial liegt bei rund 450.000 Tonnen Faserzellstoff, dem Vorprodukt für Fasern. Das Investitionsvolumen liegt bei einer Milliarde Euro und darüber.

GEWINN: Wobei Sie das mit einem Partner machen würden.
Doboczky: Das ist ein Jointventure mit unserem Partner Duratex, wir würden uns die Kos­ten dafür 51:49 Prozent teilen.

GEWINN: Gibt der Markt so viel Nachfrage nach Spezialfasern her?
Doboczky: Für unser Spezialfasergeschäft sehen wir eine Fortsetzung der positiven Entwicklung. Im ersten Halbjahr stiegen unsere Umsatzerlöse um 1,2 Prozent auf 1,09 Milliarden Euro, das Ebitda sank trotz der historisch niedrigen Preistiefststände bei Standardviscose nur um sieben Prozent auf 181,2 Millionen. Es ist das angespannteste Marktumfeld, das wir je hatten. Angesichts dessen sehen wir das Ergebnis für das erste Halbjahr als sehr solide an.

GEWINN: Wie wirken sich die Zölle des Donald Trump auf Ihr Geschäft aus? Sie haben ja noch im vergangenen Jahr den Ausbau des US-Werks in Mobile, Alabama, gestoppt, und tatsächlich hat Trump die Drohungen im Handelsstreit mit China wahr gemacht.
Doboczky: Der Importzoll von den USA nach China im Ausmaß von 30 Prozent hat dazu geführt, dass wir unsere Warenströme um­geleitet haben. China wird nun aus anderen Destinationen unseres Konzerns beliefert.

GEWINN: Wie schnell könnte so eine Entwicklung auch für Brasilien und Thailand kommen?
Doboczky: Das ist schwer abzuschätzen. Wir sind nicht immun dagegen, aber gut geschützt und würden im Fall von Brasilien unsere Produktströme einfach anpassen. Für Thailand sehe ich die Anfälligkeit als sehr gering an. Es ist Mitglied im Verband der südostasiatischen Staaten Asean und hat mit China ein sehr gutes Verhältnis und intensive Handelsbeziehungen. Thailand hat auch kein territoriales Problem mit China. Zudem existiert auch ein Freihandelsabkommen mit Indien, unserem mittelfris­tig zweitwichtigsten Wachstumsmarkt. Wichtig ist bei allen Investitionsentscheidungen kein Klumpenrisiko einzugehen!

GEWINN: Um die beschriebene Transformation zu machen, bedarf es der Forschung.
Doboczky: Nachhaltigkeit und Innovation sind wesentliche Motoren für uns. Wir haben unsere Forschungsausgaben mehr als verdoppelt und sind mit Abstand der größte Forschungsinves­tor der Branche. Wir geben mit etwas über zwei Prozent des Gesamtumsatzes mehr als das Doppelte für Forschung aus als andere Player in der Branche. Fast 200 Mitarbeiter forschen zentral in Lenzing an neuen Produkten und Technologien. Zusätzlich haben wir Innovationszentren für die Weiterverarbeitung unserer Fasern in Produkten nicht nur in Lenzing, sondern nahe bei den Kunden in Indonesien und in Hong Kong für Textilien und für Vliesstoffe in Deutschland. Damit zeigen wir unser tiefes Verständnis für sämtliche Prozesse in der Wertschöpfungskette. Wir können alle Schritte beim Kunden auch bei uns im Haus machen. Unsere Ingenieure können Prozesse in ganze Industrieanlagen übersetzen.

GEWINN: Allerdings müssen Sie ob Ihrer Marktalleinstellung die Marktentwicklung im Alleingang machen.
Doboczky: Lenzing hat alleine den Lyocell-Markt entwickelt. Wir sind sowohl bei H&M als auch bei Luxusmarken vertreten, würden unsere Produkte aber gerne aggressiver in den Markt bringen. Ein zweiter oder dritter Anbieter würde in Summe gesehen dem Markt gut tun, weil sich die Marken nicht gerne nur auf einen Anbieter verlassen. Momentan ist der Marktaufbau daher ein wenig „zach“. Wir fürchten uns als Lenzing nicht vor weiteren Playern, es gibt viel Wachstumspotenzial. Warum tun andere das nicht? China hat dafür seit 2015 Fünf-Jahres-Pläne. Konkurrenten werden kommen, sind aber noch nicht alle da. Ich sehe Lenzing aber weiterhin an der Spitze der Technologie. Wir werden Marktanteile verlieren, keine 90 bis 95 Prozent mehr haben. Aber wir werden sehr gut aufgestellt sein und wachsen.

GEWINN: Zum Wachstum braucht es sicher auch Innovationen.
Doboczky: Nur zwei Beispiele: Tencel Luxe ist unser Filamentgarn. Wir stellen dabei gleich ein Garn her und keine Stapelfaser, die dann gesponnen wird. Web-Technologie ist das Gleiche auf der Vliesstoffseite: Es wird also gleich ein Vlies erzeugt und nicht Stapelfasern, die z. B. durch Nasslegeverfahren zu einem Vlies verfestigt werden. Das sind zwei Innovationen, mit denen wir in der Wertschöpfungskette weiter nach vorne gehen und unsere Branche und die unserer Kunden grüner machen. Für das Filamentgarn bauen wir in Lenzing gerade eine zweite Pilotanlage, die Ende des Jahres fertig sein soll. Für die Web-Technologie haben wir eine Pilotanlage in Lenzing und arbeiten mit Kunden zusammen, um die Technologie zu Produkten für Konsumenten weiterzuentwickeln. Und auch das Thema Blockchain ist für uns sehr interessant. Wir machen damit den Weg der Fasern bis zum fertigen Kleidungsstück transparent.

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