Porträt Frequentis: Tower ohne Turm

Frequentis ist Weltmarktführer bei Flugsicherungen und macht sogar den klassischen Tower am Flughafen überflüssig. Seit Mai ist das Hightech-Unternehmen aus Wien an der Börse und entwickelt sich mit dem Geld der Anleger in Richtung Drohnen und LTE weiter.

Norbert Haslacher, 48, ist seit vergangenem Jahr Vorstandsvorsitzender. Er ist nach Langzeit-Boss und Eigentümer Hannes Bardach der erste ­externe CEO im Unternehmen. (Foto: Ernst Kainerstorfer)

Saarbrücken ist der technologische Nabel der Welt. Zumindest für Frequentis. Nein, in der Hauptstadt des Saarlandes sind keine fahrerlosen Autos oder Taxidrohnen unterwegs. Sondern der Flughafen kommt ohne Fluglotsen aus.  Physisch sitzen sie nicht vor Ort, sondern 400 Kilometer entfernt im Tower des Flughafens Leipzig. Ohne direkten Sichtkontakt zu den Flugzeugen.

Ihre Augen in Saarbrücken ersetzt ein dicht gesponnenes Netz an Kameras und Infrarotsensoren. Ein Livebild aller Flugbewegungen auf riesigen Bildschirmen fungiert als „Fenster“ des „Remote Virtual Towers“. Er ist das neue Aushängeschild des Weltmarktführers für Telekommunikationslösungen bei Sprachvermittlungssystemen für Flugsicherungen.

Der Flughafen Saarland war der erste Kunde weltweit, der einen solchen virtuellen Tower in den Echtbetrieb genommen hat. Im vergangenen Jahr sind die Lotsen nach Leipzig übersiedelt und koordinieren von dort mit ihren neuen Kollegen Starts, Landungen, Überflüge und das Vorfeld in ihrer „alten Heimat“.

Virtueller Tower braucht weniger Personal

Die Entscheidung für einen virtuellen Tower ist nicht technische Liebhaberei, sondern wirtschaftlicher Natur. „Weniger stark frequentierte Airports können von anderen Towers mit weitaus weniger Personal gemanaget werden“, bringt es Norbert Haslacher, Vorstandsvorsitzender von Frequentis, auf den Punkt. Die „Digitalisierung der Flug­sicherung“, wie er es nennt, trifft sich gut mit dem weltweiten Mangel an Fluglotsen. Künftig könnten auch neugebaute Airports ohne Tower auskommen.

Dem Beispiel Saarbrücken sind mittlerweile Kunden in Argentinien, Brasilien und Jersey (UK) gefolgt. Und die US-Airforce. „Normalerweise kommt neue Technologie erst bei der Armee zur Anwendung und geht dann in den zivilen Bereich über“, so Haslacher. Aber hier war es eben umgekehrt. Dass Lotsen in Krisenregionen nicht im Tower exponiert Dienst versehen, sondern etwa im einem Bunker geschützt oder überhaupt Hunderte Kilometer entfernt, hat offenbar das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten überzeugt. Vier Systeme, davon zwei stationäre und zwei mobile, beinhaltet der Deal. Mit Stolz geschwellter Brust wegen solch eines prominenten Kunden inklusive. Doch der Weg dorthin war lange.

Ausfallsicherheit ist oberstes Gebot

Denn von heute auf morgen hat Frequentis den virtuellen Tower nicht aus dem Boden gestampft. Schließlich operiert man im „sicherheitskritischen Bereich“. „Innovationen dauern von der ersten Idee bis zum Einsatz rund sieben Jahre“, veranschaulicht es Haslacher.

Abseits der Flugsicherung, wo technische Mängel viele Menschenleben riskieren würden, produziert Frequentis Kommunikationslösungen für Blaulichtorganisationen, Küstenwache und maritime Leitzentralen sowie für den öffentlichen Schienenverkehr. Anders als bei der Entwicklung einer Handy-App, gelten für Software im sicherheitskritischen Bereich zig regulatorische Vorgaben und Standards. Dazu zählen aufwendige Ausfallsicherheiten. Die müssen so gut sein, dass ihre Nutzer gar nicht merken, dass sie auf einem Ausweichsystem arbeiten.

Die Kunden von Frequentis sind ausschließlich Behörden und staatliche Betriebe. Hierzulande unter anderem die ÖBB, in Deutschland die Bundeswehr, das Militär in Kolumbien, die Bahn in Australien, die Küstenwache in Grönland, die Nasa sowie unzählige Polizeien, Rettungsorganisationen und Feuerwehren. Kurzum: in 140 Ländern, verteilt auf 500 Kunden, kommen Produkte von Frequentis zum Einsatz. Das war nicht immer so.
1947 entstand das Unternehmen, um die nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Funk- und Radioinfrastruktur wieder aufzubauen. Darunter auch die Flugsicherung am Flughafen Wien-Schwechat. Mitte der 1980er-Jahre vollzog Geschäftsführer Hannes Bardach ein Management-Buy-out. Der Elektrotechniker internationalisierte über die Jahrzehnte das Unternehmen und etab­lierte es als Weltmarktführer. Bis Frühling 2018 war der heute 67-Jährige zugleich Eigentümer und Geschäftsführer. Dann änderte sich vieles schlagartig, aber wohl geplant.

Familiärer Börsengang

Bardach ernannte den bisherigen Vertriebsvorstand Norbert Haslacher zum CEO. Er selbst wechselte in den Aufsichtsrat. Und ein Jahr später gingen 22 Prozent des Unternehmens über Frankfurt und Wien an die Börse.

Knapp ein Viertel in den Streubesitz zu verteilen sei der erste Schritt, ein Familienunternehmen in die nächs­te Generation zu bringen. „Frequentis als Ganzes zu verkaufen, wäre das geringste Problem gewesen“, verrät Haslacher. Doch Bardachs Wunsch, Frequentis als Familienunternehmen zu bewahren, war groß. Nach 30 Jahren ist das gut nachvollziehbar. Den Chefsessel eines eigentümergeführten Unternehmens nun als „externer Manager“ einzunehmen, ist für Haslacher Grund zur Freude. Zuvor war er 17 Jahre beim US-amerikanischen IT-Konzern CSC tätig, unter anderem in der Funktion als Österreich-Geschäftsführer. „Bei Frequentis ist nicht nur das Quartal wichtig, sondern die langfristige Ausrichtung“, so der neue CEO.

Doch die Börsennotierungen bringen für Haslacher eine neue Ära in Marketing und Kommunikation. „Wir gelten als Hidden Champion, aber jetzt müssen wir das Hidden loswerden“, veranschaulicht er es. „Wir sind noch keine Experten, was börsennotiertes Unternehmertum angeht“, so seine selbstkritische Ansicht. Investoren haben laut Haslacher schon den Wunsch geäußert: „Ihr müsst uns mehr erzählen, was ihr tut, und mehr auf Roadshows gehen.“ Schließlich soll eine öffentlich gelistete Aktie auch fleißig gehandelt werden.

Über 20 Millionen Euro Kapital hat der Börsengang in die Kassen von Frequentis gespült. Und das soll nicht nur in die Forschung im eigenen Haus fließen, sondern auch in Zukäufe. „Es gibt interessante Unternehmen in Europa, die gute Produkte in ihrer Nische haben, aber nicht so international aufgestellt sind wie wir“, so Haslacher. Konkret gibt es zwei technologische Stoßrichtungen: Drohnen und LTE (mobiles Breitband-Internet), für die das Geld der Aktionäre verwendet werden soll.

Auch Drohnen brauchen Sprachfunk

Im Bereich Flugsicherung entwickelt Frequentis derzeit stark in Richtung Integration von Drohnen. Zwar sind sie unbemannt, aber in der Luftfahrt unterliegen sie den gleichen Auflagen wie ihre bemannten Pendants. Piloten müssen ebenso mit Flutlotsen kommunizieren. Unter anderem ist Frequentis Industriepartner beim Projekt „Airlabs Austria“ vom Verkehrsministerium und der Forschungs-Förderungsgesellschaft FFG (Hannes Bardach ist dort übrigens im Aufsichtsrat), wo Anforderungen an die unbemannte Luftfahrt erprobt werden. Zudem hat Frequentis einen Auftrag der US-Navy erhalten, die Sprach- und Datenkommunikation für Betankungsdrohnen zu liefern.

Auch auf dem Boden tut sich was. Schnelles, mobiles Internet soll künftig Einzug im Bereich Public Safety feiern. Der bisherige Tetra-Funk ist nämlich der limitierende Faktor, wenn es um die Datenübertragung geht. Erst LTE oder gar 5G machen etwa den Livestream von Bodycams an Polizisten an die Leitzentrale möglich.

Doch die Technik alleine ist nur die halbe Miete im internationalen Geschäft mit Behörden. Präsenz ist gefragt.

Neuer Fokus auf den Mittleren Osten

Haslachers Plan ist, „den lokalen Fußabdruck zu forcieren und die Geschäftsfelder stärker spürbar zu machen“. Soll heißen: Dass man mit den Feldern Maritim in nur 25 Ländern, mit Rail in 28 und Defence sowie Public Safety in je 40 Ländern aktiv ist, wird sich ändern.

Seit Frühling gibt’s unter anderem eine Niederlassung in Abu Dhabi. „Der Mittlere Osten ist ein Wachstumsbereich, den wir bisher nicht regional bedient haben“, so Haslacher. Die Nähe zum Kunden sei wichtig, wenn man Staatsaufträge im sicherheitskritischen Bereich bekommen will. Neue Standorte besetzt Frequentis zuerst mit einem Vertriebsteam, erst später ziehen Servicemitarbeiter nach. In der letzten Ausbaustufe setzt man auch Entwicklung vor Ort auf, wie etwa in in den USA und Australien.

Da trifft es sich gut, dass im Headquarter in Wien-Favoriten unter den 1.000 Mitarbeitern rund 35 Nationen vertreten sind. Sie „lernen“ im Mutterschiff und werden dann als erfahrene Mitarbeiter gerne ins Ausland ent-
sendet.

Richtig multikulti geht es nicht nur unter den Mitarbeitern zu, sondern auch im Erdgeschoß unter Haslachers Büro. In der Testabteilung prangen zwischen Server-Racks und Kabelsträngen unter anderem die Fahnen von China, Grönland, Frankreich und Deutschland. „Die Kunden kommen zu uns nach Wien, um ihre bestellten Systeme zu testen und technisch abzunehmen“, erklärt Haslacher und betitelt die Fahnen als nette Geste für die von weither angereisten Delegationen. Rein äußerlich lassen sich die verschiedenen Flugsicherungslösungen von Frequentis kaum unterscheiden: Rechner, kleine Bildschirme und dazwischen eine Menge an „Telefonhörern“, schließlich geht es ja um Kommunikation.

Feldtelefon trifft IP

Dass diese punkto Design nicht dem letzten Schrei entsprechen, liegt an den Anforderungen im sicherheitskritischen Bereich. Ein Blick in den Defence-Showroom zeigt das sehr gut. Dort ist ein altes, olivgrünes Feldtelefon mit zwei Drähten an den Rechner  angeschlossen. Ein paar Kurbelumdrehungen später läutet es am gegenüberliegenden Arbeitsplatz eines Fluglotsen.

Bestehende Systeme mit neuester Technologie zu verknüpfen, in diesem Fall analoges Feldtelefon mit der IP-Telefonie, ist für Frequentis essenziell. Denn wer weltweit Armeen & Co. beliefert, kann nicht verlangen, dass in jedem Gefechtsstand das Funkgerät getauscht wird. Auch im eigenen Haus tauscht man nicht von heute auf morgen den Mehrheitseigentümer aus.

Fakten Frequentis AG

Umsatz: 294 Millionen Euro

Mitarbeiter: 1.800

Eigentümer:

  • Familie Bardach: 68%
  • Streubesitz: 22%
  • B&C Holding: 10%

Geschäftsbereiche:

  • Air-Traffic-Management: Sprach- und Datenübermittlung für Flugsicherungen, Remote Virtual Tower
  • Airports & Airlines: Datenverarbeitung für Flughäfen und Fluglinien
  • Defence: Sprach- und Datenübermittlung für Flugsicherungen, Führungssysteme, Luft­lagedarstellung
  • Public Safety: Lösungen für Kontrollzentralen von Notfallmanagementorganisationen, etwa ­Polizei und Rettung
  • Public Transport: Incident- und Crisismanagement sowie Kommunikationslösungen für Bahnunternehmen
  • Maritime: Seenotsysteme, ­Datenübertragung zwischen ­Küstenwache und Schiffen

Das Verhältnis zwischen den Segmenten „Flugsicherung“ und ­„Public Safety & Transport“ liegt bei rund 60:40 Prozent.

 

 

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