Schatzmeister der Republik

Wie die Münze Österreich neben Philharmoniker & Co. pro Jahr 340 Millionen Umlaufmünzen produziert. Das Staatsunternehmen unter der Leitung von Gerhard Starsich ist weltweit führend bei der Kreation von Anlagemünzen.

Gerhard Starsich, 59, ist seit 2008 im Vorstand und seit 2011 Generaldirektor der Münze Österreich. (Foto: Ernst Kainerstorfer)

One-Way-Ticket in die Schatzkammer. „Rein kommt bei uns jeder, aber raus nicht“, scherzt der Sicherheitsmann und deutet auf die Schleusen, durch die man nur einzeln schreiten kann. Kontrolliert wird man freilich erst beim Verlassen. Denn wer vergessen hat, seine Hosentaschen gründlich zu entleeren und auch nur mit einem Cent-Stück erwischt wird, steht unter Verdacht, er habe in den Räumen der Münze Österreich zugegriffen.

Kein Wunder, denn das Gebäude in der „Beamtenarchitektur“ am Wiener Heumarkt fungiert als Münzenfab­rik für den Heimmarkt sowie als Lohnfertiger für internationale Kunden. Das Spektrum reicht von der Ein-Cent-Münze bis zum Philharmoniker in Silber, Gold und Platin. Hinzu kommen jährlich neue Serien an Sondermünzen, etwa der Drei-Euro-Dinosaurier-Taler oder die Silber-Niob-Münzen. Ganz zu schweigen von goldenen Sammlermünzen (polierte Platte) mit Motiven wie Gustav Klimts „Der Kuss“ oder dem Konterfei von Sigmund Freud.

Zurück zu den Cent- und EuroStücken, die man besser nicht in der Hosentasche trägt. Denn als Besucher schlängelt man sich im Inneren der Münze Österreich zwischen Prägemaschinen, die glänzende Umlaufmünzen unter lautem Klirren in Körbe speien. Das ist der weniger glanzvolle, aber für jeden Bürger wichtige Bereich. Bis zu einer halben Milliarde Münzen verlassen pro Jahr das Haus und sorgen dafür, dass wir im Euro-Raum bar zahlen können. Einer, der das naturgemäß zelebriert, ist Gerhard Starsich, Generaldirektor der Münze Österreich: „Ich zahle Kleinbeträge nie mit Karte.“ Seit 2011 ist er oberster Münzer der Repub­lik, und dass er offiziell kein Freund elektronischer Zahlungsmittel ist, liegt auf der Hand. Dabei war Starsich, studierter Handelswissenschaftler und seit 2008 im Vorstand, davor Geschäftsführer beim Kreditkartenabwickler „Austrian Payment Systems Services“ (APSS), einem Vorgängerunternehmen von Paylife, das heute Six gehört.

Daher goutiert er keinesfalls, dass im Supermarkt etwa eine Flasche Mineralwasser an der Kassa elektronisch bezahlt wird: „Ich weiß, wie viel solche Transaktionen kosten, und die Kunden zahlen das alles über die Produkte mit.“ Jetzt hat er beruflich wieder mit handfesten Zahlungsmitteln zu tun.

Umlaufmünzen halten 30 Jahre

Sein Haus gehört zu 100 Prozent der österreichischen Nationalbank. Von dort kommen auch die Orders, wie viele Umlaufmünzen Starsich produzieren muss. Vergangenes Jahr waren es etwa 340 Millionen Stück im Wert von 67 Millionen Euro. Mehr als dreimal so viel wie zwei Jahre davor. „Manchmal gibt’s in den Nachbarländern einen Engpass, dann helfen wir aus“, erklärt der Generaldirektor. Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren pro Münze treten solche Engpässe aber nicht urplötzlich auf.

Die Rohlinge für den Schotter in unseren Börserln, auch Ronden genannt, stammen von Lieferanten aus Europa und Asien. Ein-, Zwei-, Fünf- Cent-Münzen sind verkupferte Stahlplättchen, Zehn-, 20- und 50-Cent-
Stücke bestehen aus einer Legierung aus Kupfer, Alu, Zinn und Zink („Nordisches Gold“). Euro-Münzen sind Bi-metall, aus Messingring und Nickelpille beziehungsweise umgekehrt. Bestellt wird jeweils ein Jahresbedarf und Just-in-Time geliefert, sodass fast täglich Lkw in den durch ein großes Tor ab­geschotteten Innenhof ein- und ausfahren.

Jackpot Philharmoniker

Neben dem „Groscherlgeschäft“, wo Münzen wie beliebige Metallwaren mit Rollkörben hin- und hergeschoben werden, geht es in der Herstellung von Sammler- und Anlegermünzen wesentlich gediegener zu. Dort ist auch der Output nicht so groß. 2018 verließen 571.000 Stück goldene Philharmoniker die Münzanstalt. Zum Gegenwert von 384 Millionen Euro.

Mit ihm lancierte man mit seiner Schöpfung 1989 durch den ehemaligen Chefgraveur Thomas Pesendorfer einen Jackpot. Sie gilt als weltweit beliebteste und meistverkaufte Goldmünze. Bis dato hat die Münze Österreich rund 27 Millionen Stück davon an den Mann gebracht. Dabei läuft die gesamte Produktion im Hause ab: Vom angelieferten Zwölf-Kilo-Barren über die Einschmelzung bis zum Stanzen der Ronden und dem Prägen des Motivs. Letzteres ist eine Wissenschaft für sich und beschäftigt vier Graveure („Münzdesigner“). Zwar gab es beim Philharmoniker außer bei der Euro-Umstellung keine Änderungen am Motiv, doch die Münze Österreich fungiert als Lohnfertiger für internationale Kunden. Bestellt etwa eine ausländische Nationalbank, so wie 2017 die lettische, Goldmünzen, dann läuft die Maschinerie zur Höchstform auf.

Von der zweidimensionalen Vorlage, etwa ein Gemälde , basteln die Graveure Gips- oder Knetmassemodelle, die schließlich per Laserscanner in 65.000 Graustufen abgetastet werden, bis daraus der „Stempel“ aus Stahl gefertigt wird. Bis zu 60 Arbeitsstunden stecken in seiner Herstellung. Die Handwerkskunst dahinter: „In der Höhe haben wir nur 1,5 Millimeter Platz, um etwa ein Gesicht als Relief zu modellieren“, erklärt Graveur-Abteilungsleiter Helmut Andexlinger. So müssen Ohren, Nase und Kinn in der Münze „neu interpretiert“ werden, damit sie auch nach der Transformation in die dritte Dimension realistisch wirken und dem Original ähneln.

Neben Lettland sind es rund 40 Länder, die bei Starsich Goldmünzen bestellen. Fast alles streng vertraulich. „Wir haben schon einmal den Oman mit Münzen anlässlich des Geburtstags vom Sultan beliefert“, lässt sich der ­Generaldirektor doch noch etwas entlocken. Denn sein Haus ist weltweit führend in der Kunst des Münzprägens.

Und nicht nur darin, sondern auch in der Herstellung von Edelmetallronden. Man ist einer von zehn Produzenten weltweit. „Pro Jahr machen wir 200 Millionen Euro Umsatz alleine mit Ronden, die an Kunden in Europa und Asien gehen“, so Starsich. „Schuld“ daran ist unter anderem der Philharmoniker, denn damit hat man das Know-how vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt im Haus. Doch die Nachfrage nach fertigen Münzen, allen voran dem Philharmoniker, schwankt.

Doppelter Umsatz in der Krise

So musste Starsich etwa vor zwei Jahren die Produktion um die Hälfte kürzen. Denn die lukrativen Nachwehen der Hype-Jahre 2008 und 2009 waren zu Ende. „Das Edelmetallgeschäft ist sehr zyklisch, das wird wieder kommen. Wir haben zehn Jahre tolle Geschäfte gemacht.“ In Spitzenzeiten, die für andere eine Krise waren, machte man gut doppelt so viel Umsatz mit Gold. In einem der besten Jahre, 2013, waren es 1,4 Milliarden Euro mit Philharmonikern und Barren. Jetzt befindet man sich noch immer auf dem doppelten Vorkrisenniveau mit rund 0,7 Milliarden Euro Jahresumsatz aus diesen beiden Produktlinien.

Ob sich nun mit getrübten Konjunkturaussichten und Handelskrieg ein neuer Boom abzeichnet? Starsich verneint: „Das muss schon eine richtige Krise sein. Die Anleger haben die letzten zehn Jahre auf Teufel komm raus gekauft und jetzt ist für ein paar Jahre die Luft draußen.“ Und die Anleger haben auch gelernt, will Starsich in seiner achtjährigen Amtszeit als Generaldirektor beobachtet haben. „Früher haben sie in steigende Preise gekauft, aber nun auch in fallende, vor allem wenn sie eine Kurssenke vermuten.“

Dass der Goldpreis vor dem Sommer dieses Jahres von knapp 1.300 US-Dollar pro Feinunze auf über 1.500 gestiegen ist und seither auf diesem Niveau bleibt, führt einerseits dazu, dass  viele Anleger die entstandenen Gewinne realisieren und Goldmünzen verkaufen. „Andererseits steigt durch den Kursanstieg die Nachfrage, was zu Bewegung auf dem Sekundärmarkt führt. Aber dies geht leider an uns Produzenten vorbei“, analysiert Starsich.

Silber, Platin und Ohrringerl

Andere Edelmetalle wie Silber und Platin fristen nur ein Nischendasein. Zwar gibt es den Philharmoniker in Silber, seit 2016 auch in Platin, aber das hatte mit dem gesunkenen Platin-Kurs zu tun und der damit verbundenen Nachfrage durch Sammler und Anleger. „Vor drei Jahren gab es einen regelrechten Hype nach Platin“, erinnert sich Starsich. Anders als Goldmünzen unterliegen jedoch Platin- und Silbermünzen der Umsatzsteuer, was als Verkaufsdämpfer wirkt.

Steuerpflichtig sind aber auch andere Produkte aus der Münze Österreich: Ob goldene Ohrringerl mit Sonnenmotiv bis hin zu Ketten und Colliers – natürlich alles Schmuckstücke mit münzähnlichen Anhängern. Starsich ist dabei, dafür einen Vertrieb aufzubauen.

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