Vom Spinner zum Winner zum Strategen

Wann ist der richtige Zeitpunkt, als Gründer und jahrzehntelanger Geschäftsführer die Leitung des Tagesgeschäfts in fremde Hände zu legen? Johannes Gutmann von Sonnentor hat befunden: Jetzt!

Johannes Gutmann (2. v. li.), Gründer und Chef von Sonnentor, zieht sich aus dem Tagesgeschäft zurück und hat (v. li.) Gerhard Leutgeb, Manuela Raidl-Zeller und Klaus Doppler zu Geschäftsführern ernannt (Foto: Sonnentor/Gerhard Wasserbauer)

Karl Lagerfeld hat sein Outfit die letzten Jahrzehnte in der Öffentlichkeit nicht mehr verändert. Mit dem Ziel, dadurch für das Publikum zeitlos zu wirken. Es gelang. Der Mode-Guru wurde unverwechselbar. Ein Prinzip, das auch bei Johannes Gutmann seit Jahrzehnten sehr gut funktioniert. Der Gründer von Sonnentor Kräuterhandel hat wie einst Lagerfeld ebenfalls alleine von der Optik her Wiedererkennungswert: Lederhose, bunte Hosenträger, rote Schuhe und rote Brille. Fehlt einmal die Lederhose, nimmt es das Publikum etwa bei Vorträgen persönlich. Gutmann: „Ich wurde schon mal beiseite genommen und gefragt, ob sie es denn nicht wert sind, weil ich sie halt nicht anhabe. Dabei war die alte Lederne nur beim Flicken.“

Vom Spinner zum Winner

So bezeichnet sich der 1965 im Waldviertel geborene Bauernsohn Johannes Gutmann gerne selbst, besser gesagt seinen Werdegang aus dem nicht gerade als strukturstarke Met­ropole bekannten Sprögnitz heraus (im Café in der Sonnentor-Zentrale vor Ort gibt es immer noch keinen Handyempfang).

Als 23-Jähriger im März 1988 von seinem damaligen Arbeitgeber Waldland gekündigt worden, löste er knapp danach am 1. August einen Gewerbeschein. In Hochzeiten von Monokulturen zog er von Bauer zu Bauer und überredete sie, gegen diesen Trend anzubauen und ihm beim Kräuterhandel zu unterstützen. Und zwar unter dem Logo einer lachenden Sonne. Eine harte Zeit. Nicht einmal hörte der aufstrebende Unternehmer das Wort Spinner, mit nettem Waldviertler Dialekt. Doch der Gutmann’sche Ein-Mann-Biohandelsbetrieb hielt durch. Das Ergebnis: Nach rund drei Jahrzehnten erwirtschaftet Sonnentor rund 55 Millionen Euro pro Jahr (etwa die Hälfte aus dem Teegeschäft) und beschäftigt rund 330 Mitarbeiter in Österreich sowie 150 im Schwesterbetrieb in Tschechien. Weitere Niederlassungen gibt es in Rumänien und Albanien sowie internationale Anbauprojekte wie in Nicaragua und Tansania.

1995 wurde das Unternehmen in eine GmbH umfirmiert, in Summe gibt es heute 30 Sonnentor-Geschäfte (Filialen und Franchise), „in Österreich traue ich uns 40 Standorte zu“.

Raus aus dem Tagesgeschäft

Viele Gründer verpassen den Absprung, ziehen sich zu spät raus aus dem operativen Geschäft und vergraulen damit potenzielle Nachfolger – das macht der Vater von fünf Kindern anders und berief Anfang April drei langjährige Bereichsleiter zu ihm in die Geschäftsführung. Manuela Raidl-Zeller ist für Marketing, Produktentwicklung, Vertrieb, Franchise und Tourismus zuständig. Gerhard Leutgeb verantwortet Buchhaltung, Controlling, Einkauf, IT, Logistik und die Auslandstöchter. Und Klaus Dopplers Bereiche sind Standortentwicklung, Personalmanagement, Produktion, Produktionsplanung, Qualitätsmanagement, Verpackung und Betriebstechnik. „Ich bleibe weiterhin Teil der Geschäftsführung, werde mich aber vermehrt aus dem Tagesgeschäft zurückziehen“, so Gutmann.

Warum gerade jetzt? Geht es wirtschaftlich nicht gut? „Geh, wir hatten bis auf einmal in 30 Jahren kein negatives Jahr“, winkt er ab. Auch das Firmenbuch zeigt für 2017/2018 ein EGT und einen Cashflow in Höhe von jeweils zwischen fünf und sechs Millionen Euro. In den letzten 15 Jahren habe Sonnentor allein in den Standort Sprögnitz 40 Millionen Euro investiert, so Gutmann. Nicht alles hat sich auch gerechnet, aber diesen Anspruch erhebt er gar nicht: „Ich werfe ständig drei Euro in die Luft, ein paar davon fallen auf den Boden und haben nichts gebracht, einer aber muss mindestens fünf Euro einbringen, damit ich beim nächsten Mal wieder drei Euro hochschmeißen kann.“

Hängt sein Rückzug mit der Konjunktur und der weiteren Geschäftsentwicklung zusammen? Sonnentor ist über die letzten drei Jahrzehnte pro Jahr durchschnittlich um zehn Prozent gewachsen. Derzeit sei der Biomarkt in einer Konsolidierungsphase, da die großen Handelsketten selbst Marken gebracht und dem Markt so einige Stücke vom Kuchen abgegraben haben. Das Wachstum liegt somit nun bei drei bis fünf Prozent. Er benützt diese Konsolidierungsphase etwa, um sein Franchise-System zu überarbeiten („sind derzeit für die Expansion in Deutschland mit unserem Ladenbau noch zu teuer“), denn für das Aufblühen der Franchise-Wiese des großen Nachbarn unter der Sonnentor-Sonne ist er langfristig zuversichtlich: „Momentan sind dort die Mieten noch zu teuer, aber Deutschland wird eine gute Wiese für unsere Kühe sein“, schmunzelt er. Und für die weitere Entwicklung von Bio ist er sowieso optimistisch: „Bio wird weiter anziehen, derzeit liegt der Marktanteil bei rund neun Prozent, in 20 Jahren werden es wahrscheinlich 20 Prozent sein.“

Strategischer, gesellschaftspolitischer Familienmensch

Warum zieht er sich dann, im zarten Alter von 53 Jahren auf den Strategenposten zurück? „Ich möchte noch mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, das ist mir sehr wichtig. Damit auch meine Enkelkinder noch die Chance haben, in einer gesunden Umwelt aufzuwachsen, möchte ich mich auch verstärkt gesellschaftspolitisch engagieren. Der erste Schritt ist meine Unterstützung beim Klimavolksbegehren (Anm. d. Red.: Dort wird er Schirmherr für Lebensmittel sein) und ich habe noch weitere ‚Spinnereien‘ in Planung.“

Etwa eine Tätigkeit im Rahmen des Selbsthilfevereins gegen Spritzmittelabtriftschäden („11.900 Tonnen chemische Spritzmittel werden jährlich auf Österreichs Felder, Wälder und Gärten ausgebracht“), aber auch auf die schöne Stadt Zwettl, die nur zehn Kilometer entfernt liegt, hat er ein Auge geworfen. Will er Bürger­meister oder Lokalpolitiker werden? „Nein, Parteipolitiker werde ich nicht, aber Zwettl ist eine darbende Kleinstadt, in der man vieles machen könnte.“ Mehr will er sich noch nicht in die Karten blicken lassen, nur eines steht fest: „Es ist mir so was von nicht fad und es ist mit dieser Geschäftsführerlösung schöner, als ich dachte. Es geht mir nichts ab.“

Bis zu einer Million Euro können die Geschäftsführer selbst entscheiden, erklärt Gutmann die neue Linie. Und wenn die neue Geschäftsführung in eine Richtung marschieren möchte, die ihm gegen den Strich geht und ihn überstimmt oder es eine Pattstellung gibt? „Dann entscheidet meine Frau“, lacht er. Als Eigentümer haben er (93,06 Prozent) und seine Frau Edith (6,94 Prozent der Anteile am Unternehmen) ein Vetorecht. „Im Ernst, meine Frau hat ein sehr gutes Gespür für die Bedürfnisse unserer Kunden“, streut er ihr Rosen. Schließlich steht sie trotz der drei gemeinsamen Kinder (zwischen 4,5 und acht Jahren) immer noch einmal pro Woche im Geschäft in Zwettl. „Sie weiß, wie die Kunden ticken, so ein gutes Gespür dafür habe selbst ich gar nicht mehr. Schade, aber ist halt so.“

Eines will er aber ganz bestimmt nicht: Verkaufen. „In 30 Jahren bin ich 83. Auch wenn ich sie vielleicht nicht mehr aufsperren kann, will ich doch zumindest mit auf dem Foto sein, wenn wir die 100ste Filiale eröffnen“, lacht er. Selbst wenn die Lederne dafür noch häufiger zum Flicken gehen muss.

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